Thomas Nicol ist als Vorsitzender der Aischgründer Tafel „Iss was” seit nunmehr einem guten Jahr Geschichte. Doch die Aufarbeitung seiner Amtszeit dauert weiter an. Das wurde in der ersten Tafel-Hauptversammlung nach dem Nicol-Aus, zu der die Presse eingeladen war, deutlich. Der Kassenbericht 2024 offenbart mehrere Unstimmigkeiten.
In Sugenheim trifft sich die Tafel, die goldene Mitte aller Ausgabestellen sozusagen. Eines offenbart diese Hauptversammlung: Bei „Iss was” ist ein neuer Teamgeist entstanden, der Neuanfang nach den Verwerfungen um Thomas Nicol und Manuel Henneberger ist geglückt. Ruhe ist wieder eingekehrt. Doch die Nicol-Amtszeit hallt auf mehreren Ebenen nach: Die Finanzierung der von ihm geschaffenen Strukturen überfordert den Verein, ein deutlicher fünfstelliger Fehlbetrag steht unter dem Strich der Jahresrechnung 2024. Bis diese überhaupt erstellt war, ging ein hartes Stück Arbeit voran.
„Es herrschte Chaos”: So fasst die Vorsitzende Brigitte Stuckert aus Uffenheim zusammen, was Thomas Nicol und seine Frau Carmen, die seinerzeit in der Tafel-Verwaltung angestellt war, ihr hinterlassen haben. Eine geordnete Übergabe gab es laut Stuckert nicht. Die Bankkarten hatte Thomas Nicol zerschnitten, die Passwörter für die Social-Media-Accounts nie preisgegeben, ebenso wenig die Konten, die er für die Tafel erstellt hat – Amazon, Paypal und Weiteres, berichtet die Nachfolgerin.
Nach der Wahl waren Stuckert und ihr Team im Prinzip erst einmal handlungsunfähig. Das Registergericht brauchte mehrere Wochen, um sie als Vorsitzende einzutragen. Bankgeschäfte waren in dieser Zeit nicht möglich: ohne Vollmachten und das Register erhielt man keinen Zugriff auf die Konten und die Karten waren zerstört. Wegen offener Rechnungen wäre der Verein damals fast in die Insolvenz geschlittert.
Immerhin: Die Aufforderung, die elektronischen Geräte der Tafel zurückzugeben, fruchtete irgendwann. Ein I-Phone. Pinkfarbene Laptops. Eine Liste mit vielen Fragen, die die Vorsitzende Stuckert hatte und hat, blieb hingegen bis heute unbeantwortet. Ihr Mann Thomas sei gesundheitlich nicht in der Lage, sich damit zu beschäftigen, antwortete Carmen Nicol lapidar. Thomas Nicol hatte zudem eine eigene E-Mail-Domain für die Tafel eingerichtet, am 25. März „hat er sie einfach gekappt, ohne Bescheid zu sagen”, berichtet Stuckert.
„Wir haben plötzlich keine E-Mail mehr gehabt”, Mahnungen seien eingegangen, weil auf wichtige E-Schreiben nicht reagiert werden konnte. Die Großspende der Fernsehlotterie sei nicht ordnungsgemäß bescheinigt worden, der neue Verwaltungsangestellte verbrachte viel Zeit damit, alle nötigen Unterlagen zusammenzusuchen, ansonsten hätten Rückzahlungen gedroht. „Es war schon Chaos und trotzdem haben wir es überlebt”, sagt Stuckert.
Um den Kassenbericht 2024 zu meistern, hat die Tafel mit Andrea Raab eigens eine Steuerberaterin beauftragt. Auf das gute Ergebnis von 2023, auch Dank einer Großspende im Wert von über 200.000 Euro, folgt ein miserables: Im Jahr 2024 ist ein Defizit in fünfstelliger Höhe aufgelaufen. Das Bankguthaben beträgt insgesamt noch Ende des Jahres rund 30.000 Euro, das Anlagevermögen Ende 2024 200.000 Euro, erklärt Raab. Das ist kein Wunder, denn Thomas Nicol hat in seiner Amtszeit großspurige Strukturen etabliert: Ausgabestellen wurden von mietfreien Objekten in Häuser verlegt, für die Miete anfällt. Sechs Autos hat der Ex-Vorsitzende eingekauft, eines davon musste wieder veräußert werden, aus finanziellen Gründen.
Alleine für den Fuhrpark fallen jährliche Kosten von 25.000 Euro an, informiert Raab. Vollkaskoversicherungen wurden deshalb heruntergestuft. Man versucht, die Ausgaben zu minimieren. Für Kleingeräte, Kabel und EDV-Zubehör wurden 30.000 Euro ausgegeben. „Ganz schön viel”, hallt es durch den Raum. Zudem habe Nicol Lebensmittel für rund 70.000 Euro zugekauft. Eine Praxis, die künftig eingestellt werden soll. Aber Mieten und Versicherungen bleiben: Die laufenden Kosten fressen die Tafel-Rücklagen auf. Die Ausgaben übersteigen die Einnahmen. „Wir haben einen Vorstand, der sparen muss”, betont Stuckert. „Wir haben kein Geld mehr.”
Sponsoren werden gesucht. Außerdem wolle sie Gespräche mit Bürgermeistern und dem Landrat führen, so die Vorsitzende. Denn letztlich erledige die Tafel ehrenamtlich, was eigentlich Aufgabe der Bundespolitik wäre, heißt es an diesem Abend. Zudem müssen die Ausgabepreise moderat erhöht werden – von zwei auf drei Euro pro Einzelperson, von drei auf vier Euro für zwei Personen und so weiter. „Das hört sich nach viel an, aber unsere Kosten steigen auch.” Kurt Wening aus dem Vorstand betont zudem, dass es an allen Ausgabestellen der Tafel im Landkreis noch größere Ausgabemengen gebe. In größeren Städten sei das längst ganz anders.
Aber der Kassenbericht hat auch auf anderer Ebene deutliche Auswirkungen: Für 46 Buchungen fehlen Belege. Saldowert: 17.600 Euro. Auch bei den Spenden gebe es Auffälligkeiten, längst nicht alle seien bescheinigt. Dazu kommen Rechnungen von Online-Einkäufen, bei denen der Verdacht nahe liege, dass Nicol womöglich Privateinkäufe über die Tafel finanziert hat. Kurt Wening bezeichnet Thomas Nicol im Zuge der Versammlung gar als „gewerbsmäßigen Betrüger”. Strafrechtliche Ermittlungen seitens der Kripo und der Staatsanwaltschaft liefen „und sind noch nicht am Ende”. Den Schaden für die Tafel schätzt er auf 30.000 Euro, die Nicol „in die eigene Tasche” gewirtschaftet habe.
Auf die Frage eines Mitglieds, wie den anderen Vorstandsmitgliedern all das so lange nicht auffallen konnte, wurden zwei Antworten gegeben: Zum einen habe die Satzung Thomas Nicol eine „Alleinherrschaft” erlaubt. Kassenprüfer seien nicht vorgesehen gewesen, die Nicols konnten als Duo Alleingänge machen, ohne die weiteren Vorstandsmitglieder zu informieren.
Um solche Fälle künftig ausschließen zu können, wurde eine neue Satzung verabschiedet. Mit Kassenprüfern und mit deutlich weniger Macht für die Chefin/den Chef. Die Vorsitzende, die die Satzung einst erarbeitet hatte, hatte eben nicht damit gerechnet, dass „man bei der Tafel auch kriminell sein kann”, so Stuckert.
Die zweite Antwort: Nicols Politik der Macht. Wening: „Nicol hat aus seinen Geschäftsgebahren ein Geheimnis gemacht.” Wer nachfragte, wurde aus dem Ehrenamt entlassen oder in eine andere Ausgabestelle „strafversetzt”. Elfriede Trapp aus dem Vorstand und der Neustädter Ausgabestelle berichtet: „Nicol wollte mich raus haben. Er hat mich richtig fertig gemacht.” Sie habe „Angst gehabt”, aber durchgehalten, weil sie nicht wollte, dass alles den Bach runtergeht.
Ein Mann fragt sich trotzdem, weshalb die anderen Vorstandsmitglieder nach der Rauswurf-Welle so lange untätig blieben. Auch zuvor habe es Anzeichen gegeben, dass nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Und zur Erinnerung: Innenminister Joachim Herrmann hatte die Tafel unter Nicol in dieser Zeit mit einem Ehrenamtspreis ausgezeichnet. Letztlich wurde der Vorstand (bei einer Enthaltung) aber entlastet, mit einer Ausnahme: Thomas Nicol. Rechtlich sei das möglich. Kurt Wening begründet diesen Schritt damit, dass man sich so eine Tür offen halte, um „bei Nicol später Schadenersatz zu holen”.
Am Ende wurde noch beschlossen, Thomas und Carmen Nicol aus dem Verein „Aischgründer Tafel – Iss was” auszuschließen – so wie Nicol selbst seine Rausschmisse gerne erledigt hatte: per Post-Einschreiben. Ein solches ging unlängst an die Adresse des Ehepaars heraus. Noch aber ist die Einspruchsfrist von 14 Tagen nicht abgelaufen. Wenn die Nicols tatsächlich ihr Veto einlegen sollten, würde dieses Thema in der nächsten Hauptversammlung erneut auftauchen.