Nach Hai-Attacke: Australierin kämpft sich zurück ins Leben | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 22.10.2026 08:02

Nach Hai-Attacke: Australierin kämpft sich zurück ins Leben

Leah Stewart kämpft sich Stück für Stück zurück ins Leben. (Foto: Laura Csapó/dpa)
Leah Stewart kämpft sich Stück für Stück zurück ins Leben. (Foto: Laura Csapó/dpa)
Leah Stewart kämpft sich Stück für Stück zurück ins Leben. (Foto: Laura Csapó/dpa)

Leah Stewart steht Hand in Hand mit ihrer Tochter am Strand, mit den Füßen im Wasser. Sie dreht sich zur Kamera und lacht. Das Video, das sie auf Instagram teilt, ist ein Triumph. Vier Monate zuvor hatte sie bei einer Haiattacke den linken Arm verloren - und es war ungewiss, ob sie je wieder laufen könnte.

Der 13. Juni ist ein wunderschöner Wintertag in Coogee, einem Vorort der australischen Küstenmetropole Sydney. Das Wasser ist ruhig und kristallklar, als Leah beschließt, schwimmen zu gehen. Nur etwa 30 Meter vom Ufer entfernt zieht sie ihre Bahnen, als zwei junge Frauen hinter ihr zu schreien beginnen. 

„Ich sah eine große Flosse und begriff sofort, dass das kein Delfin war“, sagt Leah im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Es ist ein Weißer Hai, und er kommt langsam näher. „Ich erinnere mich nur an diese dunklen, unheimlichen Augen“, berichtet die 34-jährige Lehrerin. 

Verzweifelter Kampf

Ihre Geschichte erzählt Leah mit fast nüchterner Klarheit. Sie habe gewusst, dass der Hai angreifen würde. „Ich habe mir überlegt, welche Gliedmaßen ich bereit bin zu opfern.“ Weil sie Rechtshänderin ist, versucht sie, das Tier mit dem linken Arm abzuwehren. Doch der Hai beißt zu. Ein verzweifelter Kampf beginnt: Der Raubfisch zieht die 34-Jährige unter Wasser. 

„In diesem Moment dachte ich, ich werde sterben.“ Ihre Gedanken sind bei ihrer gerade einmal 16 Monate alten Tochter. Die Angst, dass das Mädchen ohne seine Mutter aufwachsen könnte, verwandelt sich in unbändige Wut. „Es war eine Kraft, wie ich sie noch nie gespürt hatte.“ 

Leah prügelt mit der rechten Faust auf den Hai ein, trifft seine Kiemen und die Zähne. Dabei verletzt sie sich selbst. Doch der Hai lässt von ihr ab. Die Schmerzen nimmt sie zunächst nur gedämpft wahr. „Es war, als würde man einen Zahn gezogen bekommen. Die Stelle ist betäubt, aber man spürt trotzdem, was passiert.“ 

Wie wird sie gerettet?

Was dann geschieht, gleicht einem Wunder. Im Wasser ist auch Charlie Verco, Weltmeister im Paddleboarding. Leah schafft es, noch ein paar Meter zu schwimmen, sich von der Blutlache im Wasser zu entfernen. Mit Mühe kann sie sich an Charlies Board festhalten. Gemeinsam kämpfen sie sich ans Ufer. 

Dort übernimmt ein Ärzteteam die Erstversorgung. Auch Ian Ferguson, ein auf die Behandlung schwerer Traumata spezialisierter Arzt, der zufällig am Strand ist, kümmert sich. Er fordert einen Hubschrauber an, der Bluttransfusionen bringt. Als er keine Venen findet, bohrt er einen Zugang direkt ins Knochenmark. „Deshalb habe ich überlebt“, sagt Leah. 

Zwölf Operationen und elf Tage im Koma folgen. Da hat der Weg der Heilung gerade erst begonnen. Dass ihre Geschichte in der Zwischenzeit weltweit Schlagzeilen gemacht hat, erfährt sie von ihrem Mann. „Ich war einfach nur eine Frau, die schwimmen gegangen ist. Und elf Tage später wusste jeder, was mir passiert ist.“ 

Langer Weg zurück ins Leben 

Leah ist ein positiver Mensch, die Genesung aber verlangt ihr alles ab. „Ich war von meiner Tochter getrennt, hatte ständig Schmerzen und dachte, ich würde vielleicht nie wieder laufen können. So dankbar ich war, überlebt zu haben – ich trauerte um das Leben, das ich einmal hatte.“ 

Anfangs kann sie sich weder selbst die Haare bürsten noch essen. „Ich war am Boden zerstört, weil ich nicht einmal die einfachsten Dinge für meine Tochter tun konnte.“ Seit Kurzem kann sie die kleine August nun wieder selbst anziehen. 

Sich an ihr verändertes Spiegelbild zu gewöhnen, ist jedoch ein langer Prozess. Und eine ewige Erinnerung an ihren Überlebenskampf. Da der linke Arm unterhalb des Ellenbogens amputiert werden musste, ist sie auf die rechte Hand angewiesen. Aber auch die ist schwer verletzt und kaum beweglich.

Bis zu 16 Stunden täglich muss sie ihre Finger mit Hilfsmitteln strecken und beugen, auch nachts. Ihre Wunde am Bein muss immer wieder neu verbunden werden. 

Hinzu kommt eine regelmäßige Therapie. Die Erinnerungen aber bleiben. „Darüber zu sprechen, ist befreiend“, sagt sie. Viele Haiangriffsopfer erinnerten sich kaum an das Geschehen, weil ihr Gehirn sie vor dem Trauma schütze - bei ihr sei das anders. „Ich bin stolz darauf, dass ich mich gegen den Hai gewehrt und überlebt habe.“ Ihren Genesungsprozess macht sie auf Instagram öffentlich - Zehntausende folgen ihr dort.

Warum greifen Haie an?

Was Leah passiert ist, sei sehr selten, sagt der Meeresbiologe Robert Harcourt von der Macquarie University. „Weiße Haie sind visuell orientierte Jäger. Das klare Wasser hat günstige Bedingungen für einen Beuteangriff geschaffen.“ Forscher vermuten, dass Haie Menschen mit Robben verwechseln oder sie aus Neugier erkunden. Leah sei schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. 

Tatsächlich nehmen Haiangriffe in Australien zu. Laut Harcourt liegt das vor allem daran, dass sich mehr Menschen im Wasser aufhalten. Wärmere Gewässer führten zudem dazu, dass Strände auch in kühleren Regionen mehr genutzt würden. Das Risiko bleibt im Vergleich zu anderen Gefahren dennoch gering: 2024 und 2025 ertranken in Australien 357 Menschen - sechs kamen durch Haiangriffe ums Leben. 

Leah hat sich inzwischen wieder vorsichtig ans Wasser gewagt. Bis sie erneut ins Meer hinausschwimmt, dürfte es allerdings noch dauern. Was ihr widerfahren sei, habe in ihr aber auch eine ungeahnte Kraft freigesetzt, sagt sie: „Ich habe einen Haiangriff überlebt. Ich habe vor gar nichts mehr Angst.“

© dpa-infocom, dpa:261022-930-875309/1


Von dpa
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