Nachbar filmt die Rothenburger Geldautomatensprenger | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 15.05.2023 18:53

Nachbar filmt die Rothenburger Geldautomatensprenger

Bei dem Anschlag in Rothenburg wurden auch angrenzende Räume verwüstet. (Foto: VR-Bank Mittelfranken Mitte)
Bei dem Anschlag in Rothenburg wurden auch angrenzende Räume verwüstet. (Foto: VR-Bank Mittelfranken Mitte)
Bei dem Anschlag in Rothenburg wurden auch angrenzende Räume verwüstet. (Foto: VR-Bank Mittelfranken Mitte)

„Die Täter gehen hochprofessionell vor. Sie betreiben regelrechte Schulungszentren.“ Dies teilte am Montag auf FLZ-Anfrage die Pressestelle des Bayerischen Landeskriminalamts (BLKA) auch zur Sprengung von drei Geldautomaten in Rothenburg mit.

In den Zentren werde vermittelt, „wie ist ein Geldautomat des Typs A zu sprengen, wie einer des Typs B und so weiter“, schilderten die BLKA-Sprecher Ludwig Waldinger und Fabian Puchelt.

Verschiedene Typen von Geldautomaten ging die Tätergruppe in diesem Jahr in Bayern bereits mit Sprengstoff an. Die drei Automaten in der Hauptfiliale der VR- Bank Mittelfranken Mitte in Rothenburg in der Bahnhofstraße wurden am Samstag, 29. April, gegen 4.10 Uhr in die Luft gejagt. Bereits wenige Tage später in der Nacht zum Mittwoch, 10. Mai, wurde der Geldautomat der Postbankfiliale in der Welserstraße 17 in Nürnberg gesprengt.

Sie fuhren weg „wie die Gestörten“

Gibt es einen Zusammenhang, auch mit den weiteren vier Geldautomatensprengungen in Bayern 2023? „Wir prüfen derzeit, ob alle sechs Taten in Bayern in diesem Jahr in Zusammenhang miteinander stehen“, so Puchelt und Waldinger.

Es sei möglich, „dass die Täter aus dem großen Umfeld einer niederländischen Tätergruppe stammen. Einige aus dieser Gruppierung wurden jüngst verhaftet, die zum Beispiel in Verdacht stehen, neben 90 weiteren Taten auch eine Geldautomatensprengung in Lichtenau verübt zu haben“. In Lichtenau war Anfang 2022 und in Dombühl Ende 2020 ebenfalls jeweils ein Geldautomat der VR Bank, deren Zentrale in Ansbach ist, gesprengt worden.

Nach Verhaftungen seien einige „der Schulungszentren in den Niederlanden ausgehoben“ worden, „aber nicht alle“, so die Sprecher des BLKA.

Weit verbreitet ist in der Stadt Rothenburg ein von einem 47-jährigen Nachbarn gedrehtes etwa dreiminütiges WhatsApp-Video, auf dem zu Beginn noch die Sprengung des dritten Geldautomaten zu hören ist, so der Nachbar am Montagabend auf FLZ-Anfrage. Er sei durch die erste Sprengung geweckt worden. Nach einem direkten Anruf bei der Rothenburger Polizei habe er während der Videoaufnahmen mit einer Beamtin gesprochen. Sie habe ihm eingeschärft, auf keinen Fall seine Wohnung zu verlassen.

Ein Hupen als Zeichen zur Flucht

Zu sehen war, so der Zeuge, wie ein Mann vor der Bank in einem Auto wartet. Dann ist ein Hupen zu hören, offenbar das Zeichen für die Flucht. Weil nicht gleich die Komplizen aus den Qualm nach den Sprengungen herauskamen, sei der Mann kurz in den Geldautomatenraum gegangen. Auf dem Video sind auch männliche Stimmen wahrnehmbar, offenbar die der Täter, in einer ausländischen Sprache. Dann ist der Nachbar, der das Video dreht und parallel mit der Polizei telefoniert, selbst zu hören: „Drei Männer gehen raus. Fahren jetzt in Richtung (Red.: Obere) Bahnhofstraße weg – wie die Gestörten. Jetzt sind sie weg“.

Der Zeuge zeigte sich nicht sicher, ob es sich tatsächlich bei dem großen Flucht-Pkw um einen des Typs Audi handelte.

Nach Angaben des 47-Jährigen soll auch die Polizei sein Video haben. Laut Waldinger ist es aber nicht sicher, ob ein von der Polizei ausgewertetes Video wirklich das des 47-Jährigen ist. Die Analyse, in welcher ausländischen Sprache die Täter auf dem Video kommunizieren, laufe noch.

Indes fand im zeitlichen Umfeld der Sprengung, in Rothenburg in der Altstadt das Fest Stadtmosphäre statt. Doch Ludwig Waldinger verneinte einen Zusammenhang mit dem Verbrechen: Die Täter seien in der Regel bereits etwa ein halbes Jahr vor den Taten beim Auskundschaften vor Ort. „Da geht es um Fluchtmöglichkeiten.“ Während solcher Feste sei nicht mehr Geld als sonst in den Automaten, andererseits steige durch mehr Geldabhebungen das Entdeckungsrisiko.

Die Polizei würde sich bessere Sicherheitsmaßnahmen bei Geldautomaten wünschen: „Das BLKA wirbt bei den Banken dafür, Geldautomaten so gut zu sichern, dass sich derartige Sprengungen für die Täter nicht mehr lohnen“, so Waldinger

Er erinnerte daran, dass es in den 1980er und 1990er Jahren viele Banküberfälle gab, oft mit hoher Beute. „Inzwischen wird fast nie mehr eine Bank derart überfallen, weil die Sicherung der Bargeldbestände stark verbessert wurde, etwa mit Zeitschlössern. Wir würden uns das auch für Geldautomaten wünschen“, betonten Waldinger und Puchelt.

Wurde bei den drei Rothenburger Automaten das Geld durch Farbpatronen automatisch eingefärbt und unbrauchbar gemacht? Eine Sprecherin der VR-Bank Mittelfranken Mitte meinte dazu am Montag auf FLZ-Anfrage: „Dazu kann ich aus ermittlungstechnischen Gründen keine Angaben manchen.“ Auch dazu ob es eventuell für die Zukunft entsprechende Pläne für Geldautomaten der VR-Bank gebe, werde man nichts sagen, da man sonst den Tätern Hinweise liefern würde.

Falsche Gerüchte über große Goldmünze

Ob, und wie viel Geld erbeutet wurde, halten die Bank und die Polizei weiter unter Verschluss. Unklar ist für die Öffentlichkeit auch noch der entstandene Sachschaden: „Bisher haben wir noch keine Angebote zum Wiederaufbau unserer Hauptstelle in Rothenburg“, meinte die Sprecherin der Bank und ergänzte: „Wenn auch die statische Prüfung final abgeschlossen ist, und ein Wiederaufbau zulässig ist, streben wir den Wiederaufbau an.“

In einem Punkt sorgte die Sprecherin, angesichts in Rothenburg umlaufender Gerüchte, ebenso für absolute Klarheit wie Ludwig Waldinger vom BLKA. Beide dementierten entschieden, dass die Täter eine einige Tage zuvor in der Bank präsentierte große Goldmünze mit einem Materialwert von rund 1,8 Millionen Euro erbeutet hätten: „Die ist nicht in den Händen der Täter gelandet“, so die Banksprecherin.

Die Münze sei zum Zeitpunkt der Sprengungen gar nicht mehr in der Rothenburger Filiale gewesen.

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