Das Flugzeugunglück, bei dem der Feuchtwanger Karl Belstner am 17. Oktober 1939 unweit von Prag sein Leben verloren hat, ist der am genauesten dokumentierte Absturz einer deutschen Luftwaffenmaschine über tschechischem Gebiet. Das betont der Archäologe Jan Vladar, der das tragische Geschehen derzeit erforscht.
Bei seinen Recherchen für eine Veröffentlichung im Rahmen des Projekts Japo Publishing (www.japo.eu) ist der im tschechischen Pilsen wohnende Archäologe und Regionalhistoriker, der vor 15 Jahren die Absturzstelle bei Tehow etwa 25 Kilometer südöstlich von Prag ausfindig gemacht hat, jetzt im Staatlichen Bezirksarchiv in Prag fündig geworden: Dort hat er das damalige Dienstbuch der Gendarmerie-Station in Tehov sowie einen Bericht und die am 19. Oktober 1939 geschlossene Ermittlungsakte des Gendarmerie-Bezirksamts im nahen Říčany entdeckt. Die Texte – darunter Augenzeugenberichte – hat Vladar aus dem Tschechischen ins Deutsche übersetzt.
Neu ist, dass es sich bei dem auf einem Übungsflug abgestürzten Flugzeug um eine zweimotorige Focke-Wulf 58 Weihe und nicht, wie zunächst vermutet, um eine dreimotorige Junkers JU52 handelte. Ein Grund für diese erste, irrtümliche Annahme war gewesen, dass der 25-jährige Funkausbilder Karl Belstner vor seiner Versetzung zur Luftflotten-Nachrichten-Schule 3 in München-Riem als Bordfunker bei Kampfgeschwadern in Giebelstadt auf JU52-Flugzeugen eingesetzt war. Aber auch in einem der überlieferten Zeugenberichte ist von einer Junkers die Rede.
Noch nicht ganz klar ist zudem, wie viele Personen den Absturz mit ihrem Leben bezahlt haben: Als sicher gilt, dass der 26-jährige Unteroffizier Erich Blees aus Stolberg-Büsbach bei Aachen die Maschine als Pilot geflogen hat. An Bord war auch der knapp 22-jährige Obergefreite Franz Riederer aus Osterhofen, der ebenso wie Unteroffizier Karl Belstner der Luftflotten-Nachrichten-Schule 3 zugeteilt war.
Jedoch widersprechen sich ein Bericht des Gendarmerie-Bezirksamts in Říčany und dessen Ermittlungsakte: Da werden zunächst drei, dann aber der „Pilot und angeblich 3 weitere Personen“ genannt, die „bis auf kleine Körperteile verbrannt“ seien. Zwar ist laut Jan Vladar von einem vierten Opfer keine namentliche Sterbekarte überliefert, doch ein Foto bestätigt die letztere Version: Karl Belstners Neffe Wolfgang Kern, der mit seiner Frau Manuela die Zinn- und Teestube in der Unteren Torstraße in Feuchtwangen betreibt, hat das Bild im Nachlass seiner Mutter Wilhelmine „Minni“ Kern, geborene Belstner, gefunden. Es zeigt vier aufgebahrte Soldatensärge.
Zum Hergang des Absturzes zitiert die Ermittlungsakte den Zeugen Václav Kubelka aus Tehov, der in der Nähe des Říčanský Walds ein Feld gepflügt hatte. Seiner Aussage zufolge waren kurz vor 15 Uhr zwei Maschinen mit einem Abstand von rund 100 Metern hintereinander von Světice her in nordöstlicher Richtung mit ziemlich hoher Geschwindigkeit geflogen. „Etwa 200 Meter vor dem Wald begann der Motor des zweiten Flugzeugs stärker zu arbeiten und auszufallen.“
Bald habe er die Flieger aus den Augen verloren, jedoch sei dann „ein lautes Dröhnen“ zu vernehmen gewesen und aus dem Wald Rauch aufgestiegen. „Er rannte schnell in diese Richtung und hörte mehrere Explosionen“, steht in der Akte. Als Kubelka näher gekommen war, habe er die brennende Maschine auf dem Boden gesehen. Aber: „Wegen der Hitze war es unmöglich, sich dem Flugzeug zu nähern und irgendwelche Rettungsarbeiten durchzuführen.“ Ohnedies habe er in den Trümmern keine Menschen entdeckt.
František Rašek aus Říčany wiederum hatte etwa 300 Meter von der Absturzstelle entfernt im Wald gearbeitet. Wie es in der Akte heißt, hörte er um 15 Uhr ein Flugzeug, das in Richtung Říčany flog, konnte es aber nicht sehen. Gleich danach sei eine Art Rumpeln – gefolgt von mehreren Explosionen – ertönt. „Er rannte in die Richtung, aus der er die Detonationen gehört hatte, und hörte den Ruf ,Hallo‘.“ Den habe Rašek wiederholt, „aber niemand antwortete“. Vom Waldrand aus habe er dann den brennenden Flieger im Wald gesehen.
Den Archivalien zufolge war Wachtmeister Václav Zajíček von der Tehover Polizei, der gerade seine Routinestreife absolvierte, um 15.35 Uhr an der Absturzstelle. Um 15.55 Uhr traf dort auch sein Vorgesetzter, Oberwachtmeister Václav Fořt, ein. „Die beiden Gendarmen sorgten für die Sicherung des Ortes, stellten Zeugen sicher und informierten die Bezirksleitung.“ Deren Kommandeur, Leutnant Karel Krebs, sei um 16.45 Uhr mit weiteren Beamten aus Říčany und Radošovice angekommen. Um 17.15 Uhr traf die Geheime Staatspolizei aus Prag und um 19 Uhr die Militärluftfahrtkommission vom Flughafen Prag-Kbely ein.
„Am folgenden Tag, dem 18. Oktober 1939, übernahm die deutsche Justizkommission die Ermittlungen und veranlasste um 14.15 Uhr die Überführung der sterblichen Überreste der Besatzung nach Prag und die Beseitigung des Flugzeugwracks.“ Indes hätten die deutschen Behörden die Arbeit der tschechischen Polizei „auf die Sicherstellung der Ordnung und Überwachung an der Absturzstelle beschränkt“.
Die Ermittlungsakte enthalte „keine Angaben zur Identifizierung des Flugzeugs und seiner Besatzung“, so Jan Vladar, der persönlich noch Wrackteile vor Ort gefunden hat. Das „zweimotorige militärische Beobachtungsflugzeug“ sei den Archivalien zufolge bis auf ein paar kleine Metallstücke verbrannt. Die Ursache des Absturzes sei nicht geklärt worden.
Schnell wurde die Absturzstelle „zu einem Ausflugsziel für die Anwohner aus der Umgebung“: So wird ein O. Schreiber aus Říčany zitiert, der von der Schule dorthin gegangen ist, um sich das Wrack anzusehen: „Es gab ein geschmolzenes Flugzeug und einige Metallplatten, den Rest haben die Soldaten mitgenommen.“
Karl Belstner ist der zweite Feuchtwanger, der im Zweiten Weltkrieg gefallen ist. Seine sterblichen Überreste wurden in seine Heimatstadt überführt und hier im Familiengrab beigesetzt.