Der Jahrgang 48 der „Streiflichter aus der Heimatgeschichte” ist erschienen. Wie immer ein optisch unauffälliges, bescheiden daher kommendes Bändchen, das von sich selbst wenig Aufhebens macht, für jeden Bewohner Neustadts und seiner unmittelbaren Umgebung jedoch nach wie vor eine Schatztruhe voll kollektiver Erinnerungen darstellt.
„Geschichte ist, wer wir sind und warum wir so sind, wie wir sind.” Vom US-amerikanischen Historiker David McCullough stammt dieses Zitat und möglicherweise hatten sowohl der frühere Schriftleiter der Streiflichter, Neustadts Altbürgermeister Dr. Wolfgang Mück, als auch der aktuell Verantwortliche, der Museumsleiter und Kreisheimatpfleger Jochen Ringer, diese Sichtweise im Kopf. Denn in den verschiedensten Erscheinungsformen und Ausprägungen ist genau diese Betrachtungsweise von Geschichte der Kern dessen, was die Streiflichter ausmacht: die Historie unserer Umgebung, das Wesen unserer Heimat – das prägt den wackeren Mittelfranken und speziell natürlich auch den Neustädter.
In der jüngsten Ausgabe der Streiflichter finden sich dazu ein paar besonders eindrucksvolle Zeugnisse, wobei es zu weit führen würde, alle aufzuzählen. Zu nennen ist jedoch zuvorderst ein kleiner, unbebildeter, fast ein wenig unscheinbar wirkender Zeitzeugenbericht auf den Seiten 133 und 134: „Mein Vater Schorsch – im Jahr 1945 erster deutscher Kriegsgefangener in Neustadt an der Aisch.”
Gänzlich ohne Pathos, mit einfachen, aber womöglich dadurch noch eindringlicheren Worten beschreibt da Werner Muschler jenen 16. April des Jahres 1945, als die Amerikaner in Neustadt einmarschierten und wie sein Vater kurzfristig zwischen den Fronten geriet und schließlich als Gefangener an der Spitze eines amerikanischen Trupps auf den Marktplatz einmarschierte. Polizist sei der Vater seinerzeit gewesen, damals 54 Jahre alt, verheiratet mit der zehn Jahre jüngeren Maria, Vater von drei Söhnen, von denen der Älteste, gerade mal 18 Jahre zählend, bereits an der Westfront in Kriegsgefangenschaft geraten war.
Wie Papa Schorsch, ein „Gendarm”, wie man damals gemeinhin sagte, der von den Resten der deutschen Wehrmacht beauftragt worden war, den Vormarsch des Feindes zu beobachten und zu melden, mit einem amerikanischen Stoßtrupp zusammentraf, wie er gefangen genommen wurde und was die weiße Armbinde bedeutete, die er fortan zu tragen hatte – das beschreibt der damals gerade mal 14 Jahre alte Sohn Werner Muschler wunderbar nachvollziehbar und eindrucksvoll.
Wer sich schon immer gefragt hat, woher manche Flurnamen kommen, der wird sich möglicherweise in den Beitrag von Erich Herndl ab der Seite 103 der Streiflichter vertiefen. Mit einer leichten Distanz zum durchaus schweren Thema schreibt Herndl da über die „Flurnamenforschung”, die ja bekanntlich ein „recht schwammiges Forschungsfeld” sei. Denn Flurnamen, die sich heute häufig noch in Straßenbezeichnungen wiederfinden, seien meist aus der Umgangssprache entwickelt worden und einem stetigen Wandel unterworfen, was die Nachverfolgung so problematisch macht.
Beispiele gefällig? Nun, fast jeder Neustädter dürfte die Wohngebiete „Klinger” und „Hasengründlein” kennen. Doch woher stammen diese Bezeichungen? Als „Klinger” oder auch „Klinge” wurde, so klärt Herndls Aufsatz auf, ein Geländeeinschnitt bezeichnet, „also eine Art Kerbe, die wie mit einer Messerklinge in die Landschaft geschnitten ist”. Wenn dieser Einschnitt sich jedoch wie eine Art Schlucht darstelle, dann sei dafür oft der Name „Hölle” gebräuchlich. Auch dafür gibt es in und um Neustadt Beispiele, doch leitet sich der Begriff laut Herndl nicht etwa vom Wohnort des Teufels ab, sondern vielmehr vom alten Begriff „Hohlweg”, dessen Aussprache sich über die Jahrhunderte hinweg entsprechend verändert hat.
Und das Hasengründlein? Nun– hierfür gebe es zwei mögliche Ableitungen. Zum einen könne es sein, dass das besagte Gebiet tatsächlich bekannt war für seine Fülle an tierischen Bewohnern, doch Hasen waren so weit verbreitet damals, dass „sich das als örtliche Besonderheit nicht eignete”. Die Auflösung: In der Stadtchronik von Matthias Salomon Schnizzer aus dem Jahr 1708 heiße das Gebiet noch Haselgrund, sei also nach der Hasel benannt, die dort gewachsen ist.
Ein paar Kilometer weiter, zwischen Unternesselbach und Schauerheim, werde das beim Ortsteil Hasenlohe noch deutlicher, der früher wohl „Hasellohe” geheißen habe, doch weil dieser Begriff „schwer über die Zunge” geht, habe er sich wohl zu Hasenlohe „verschliffen”. Von einem Haselwäldchen ist dort heute nichts mehr zu sehen, der Name jedoch hat die Zeiten überdauert.
In den jüngsten Streiflichtern finden sich noch etliche weitere interessante und großartig recherchierte Geschichten aus der Geschichte Neustadts und des Umlands. Ob zur regionalen Familiengeschichte des berühmten Naturforschers Dr. Johann Baptist Ritter von Spix, ob zu den Erlebnissen des Wilhermsdorfers Johann Wolfgang Heydt im fernen Osten des 18.Jahrhunderts oder wie die „kleine Eiszeit” der Jahre 1770 bis 1772 auch den Aischgrund heimsuchte (Uli Meyer) – all dies ist mehr als lesenswert. Die Streiflichter waren, sind und bleiben hoffentlich ein ziemlich einzigartiges Neustädter Kleinod. Denn: „Geschichte ist, wer wir sind und warum wir so sind, wie wir sind.”