Ein flottes Wort wie „Arschbacke“ benutzte Lennart Karl in aller Öffentlichkeit bislang noch nicht. Das war der Doppeltorschütze Deniz Undav - zur Lokalisierung einer Verletzung. Der blutjunge Münchner dagegen will „frech sein“ erstmal auf dem Platz. Da beschrieb er sein Spiel nach dem schwungvollen Startelfdebüt beim 4:0 im WM-Test gegen Finnland dann doch mit ein paar Wörtern, die der von Undav gewählten Körperregion sehr nahekamen.
„Skills, ja“, die müsse man haben. „Einfach irgendwann das eins gegen eins suchen, sich nicht scheißen, und ja, einfach Vollgas geben in jeder Aktion“, sagte Karl zu seinem unbekümmerten Stil kurz vor dem Abflug mit der Fußball-Nationalmannschaft an diesem Dienstag nach Amerika. „Ein bisschen, ich sag’ mal, die Leute verarschen“, fügte der 18-Jährige auch noch an.
Ist Karl etwa schnoddrig? Kein bisschen. Er spricht halt wie ein Teenager. Er ist ja auch einer. Lässige Auftritte ganz in Pink, wie kürzlich in München, sind sein Lifestyle. Auch nach seinem Auftritt in Mainz in rosa Schuhen, der die Frage aufbrachte, warum er eigentlich nicht in Julian Nagelsmanns WM-Startelf stehen sollte, war er freundlich - und zurückhaltend. Ansprüche formuliert er nicht.
„Ich hoffe natürlich schon, aber es gibt natürlich auch noch die Topspieler hier. Es ist einfach ein Konkurrenzfight. Ich liebe alle Spieler hier“, sagte der Tempo-Dribbler. Leroy Sané? Jamie Leweling? Die guten Argumente für einen Platz in der Offensivreihe mit dem Zauberpärchen Jamal Musiala und Florian Wirtz hinter dem als Stürmer weiterhin gesetzten Kai Havertz hat knapp zwei Wochen vor dem Auftaktspiel am 14. Juni in Houston gegen Curaçao plötzlich Karl.
„Das sehen wir in den nächsten eineinhalb Wochen“, sagte Julian Nagelsmann. Der Bundestrainer sprach auch die Gefahren an, denen Himmelsstürmer in der Fußball-Glitzerwelt ausgesetzt sind, Karl als „Straßenkicker“ ganz besonders. „Bei Lenny ist viel passiert. Er hat das heute gut gemacht. Er muss trotzdem die Dinge verarbeiten, die auf ihn einprasseln, das ist die größte Herausforderung in den nächsten Wochen“, sagte Nagelsmann.
Man dürfe Karl „nicht in eine Struktur pressen, sonst verliert er seinen Flow“. Der Bundestrainer hob explizit auf den guten Joker-Auftritt von Sané ab - zur Ablenkung?
Ein Turbo-Start auf der WM-Bühne. Den gab es schon einmal. 2010 kam ein gewisser Thomas Müller mit 20 Jahren ganz befreit daher. Und wurde nach seinem Länderspiel-Debüt im Test im März gegen Argentinien in München vom großen Diego Maradona für einen Balljungen gehalten. Vier Monate später in Südafrika war dieser Müller WM-Torschützenkönig: Start einer Weltkarriere.
Wiederholt sich die bajuwarische Geschichte in Amerika? Auch 2010 waren viele junge, unbeschwerte Talente dabei. Bastian Schweinsteiger, Sami Khedira, Mesut Özil, das war ein neuer Wind. Karl (18), Musiala (23), Wirtz (23) - diese Reihe könnte in diesem Sommer für einen Hype bei den deutschen Fans sorgen. Karl könnte sogar zum zweitjüngsten deutschen WM-Spieler nach Youssoufa Moukoko werden, der 2022 in Katar dabei war.
„Ich traue ihm viel zu, weil er ein guter Junge ist, ein sehr guter Spieler. In den jungen Jahren brutal selbstbewusst sein, genauso muss es sein. Und der hat keine Angst vor nichts und niemandem, das finde ich top“, schwärmte Undav, der vor seinem zweiten Tor gegen Finnland genial von Karl bedient wurde.
Nagelsmann sieht Karl ganz am Beginn seines Weges. „Es ist die Kunst, Profi zu werden. Die größte Kunst ist aber, dann Profi zu sein auf höchstem Niveau über Jahre. Da ist er am Start des Rennens“, sagte der Bundestrainer. Karl selbst weiß, dass der Weg nach oben nicht linear verläuft.
Nach seinem tollen Start beim FC Bayern zum Saisonbeginn, als sofort die Stimmen laut wurden, dass dieser junge Bursche zur WM müsse, kam ein sportliches Loch. „Nach den ersten Toren war schon sehr, sehr viel Druck drauf von den Medien und das ganze Zeug“, erinnerte sich Karl. Den Druck will er ausblenden. Dann kann die WM nicht in die Hose gehen.
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