Das Postamt in Neustadt ist ab Dienstag endgültig Geschichte. Eine Geschichte, die je nach Betrachtung mehr als 200 Jahre alt ist und in der Alleestraße 6 mehr als 100 Jahre beheimatet war.
Wolfram Schmidt lernte selbst im Neustädter Postamt, war dort zunächst Postjungbote, dann Postschaffner und schließlich Postassistent. Er war freigestellter Personalrat und Regionalmarktleiter für Neustadt und Fürth, daneben aber auch immer wieder in anderen Bereichen eingesetzt und blickt auf 46 Jahre Beschäftigung bei der Post zurück. In zwei Büchern hat er Bilder und Dokumente des Postamtes in Neustadt gesammelt. Anlässlich der Schließung soll ein dritter Band folgen.
Die Post war in früheren Jahrhunderten, als es noch ohne Internet und Telefon gehen musste, die einzig mögliche Form der Kommunikation über größere Distanzen hinweg. Viele Gasthöfe „Zur Post“ erinnern an ehemalige Poststationen, von denen aus die Briefe wie ein Staffelholz von einem Boten zum nächsten weitergereicht wurden.
Gegenüber dem Gasthof „Zur Post“ in der Wilhelmstraße war auch einer der frühen Standorte der Neustädter Post. Denn die königlich bayerische Postverwaltung in Neustadt hat 1810 eine Postexpedition eingerichtet. Von nun an gab es, wie Wolfram Schmidt schreibt, durchgehend eine eigene Post, die mal am Max-Döllner-Platz, mal am Bahnhof und wiederholt in der Wilhelmstraße ihren Standort hatte.
1912 kam die Post dann in die Alleestraße 6, wo sie mehr als 100 Jahre lang blieb. Die Fotos zeigen einen repräsentativen Bau mit einer auffälligen Dachlaterne und eine baumgesäumte, sehr großzügig ausgeführte Straße. Es ist wohl kein Zufall, dass die Nationalsozialisten während ihrer Herrschaft sich gerade diese Allee aussuchten, um sie nach dem „Führer“ zu benennen.
Von außen trifft der erste Postbau mehr den Geschmack als der heutige Zweckbau. Fotos aus dem Inneren zeigen aber kleine und sehr vollgepackte Räume, in denen Möbel, Postsäcke und Pakete für Enge sorgen. Immerhin hatte die Post kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs – im Jahr 1948 – schon fast 100 Beschäftigte.
Die Anforderungen änderten sich in den nächsten anderthalb Jahrzehnten, etwas Zweckmäßigeres musste her: 1963 kam es schließlich zum Abriss, ein Ausweichquartier am Marktplatz wurde bezogen. Es dauerte fünf Jahre, bis der Neubau eingerichtet werden konnte. Zu einer Verzögerung kam es, weil die Abbruchfirma, nachdem das Grundstück voller Trümmer lag, auf einmal nicht mehr auftauchte.
Es dürfte eines jener Postämter in der Bundesrepublik sein, dessen Entstehung ministeriell mit am besten begleitet wurde. Der Postminister ließ sich sowohl auf der Baustelle, als auch beim Richtfest und später bei der Einweihung blicken. Kein Wunder, er hatte einen kurzen Weg: Es handelte sich um den Neustädter Dr. Werner Dollinger.
Der Neubau hatte noch – wie bei Bankschaltern – eine Abtrennung mit schusssicherem Glas. Im Keller gab es zwei Rentenzahlschalter: Dort konnten sich Rentner und Rentnerinnen ihre Altersversorgung in bar auszahlen lassen. Man benötigte noch kein Girokonto und wickelte auch Überweisungen bar am Schalter per Zahlkarte ab.
Beim Neubau kam Neustadt auch in den Genuss von „Kunst am Bau“. Eine Uhr, die passend zum Jahr der Einweihung 1968 den Namen „Hippie-Uhr“ verpasst bekam, hing an der Wand. Zwischen den Stunden waren darauf die Sternzeichen abgebildet. Mindestens einen Fan scheint diese Uhr gehabt zu haben, sie ist jedenfalls spurlos verschwunden.
Schon ab 1982 – damals wurde die Verwaltung mit Fürth zusammengelegt – gab es immer wieder Zusammenlegungen und Auflösungen. Bis 1994 gab es in Neustadt zum Beispiel noch eine posteigene Kfz-Werkstatt. In den Jahren ab der deutschen Wiedervereinigung wurde die Deutsche Bundespost in drei öffentliche Unternehmen aufgeteilt, die blaue Post (Postbank), die gelbe Post (Postdienste) und die graue Post (die Telekom).
1998 gab es dann noch einmal einen großen Umbau. Aus dem Postamt wurde eine „Postbank-Center-Filiale“. Das Panzerglas wurde entfernt, der Schalterbereich offener. Warum Neustadt schon so früh zum Zuge kam – gleichzeitig wurde die Hauptpost in Fürth umgestaltet – sorgte bei der dortigen Belegschaft für Verwunderung. Ob es Zufall war oder ein Rechenfehler – es ging das Gerücht um, dass irgendwo ein Komma um eine Stelle verrutscht war – lässt sich nicht mehr sagen.
Öffentlichkeitswirksam wurde auch diese Änderung beworben. Zur Wiedereröffnung gab’s einen Sonderstempel mit der Inschrift „Wir rollen den gelben Teppich für Sie aus“ – und tatsächlich empfingen Regionalmarktleiter Wolfram Schmidt und sein Team die Gäste mit einem gelben Teppich. In einer Pressemitteilung wurde vollmundig angekündigt: „Die Kundenbedienung soll so organisiert werden, dass zukünftig die Kunden in der Filiale nicht länger als drei Minuten warten müssen.“ Schlecht scheint das Neustädter Team diese Herausforderung nicht gemeistert zu haben, denn Neustadt wurde 2001 zur erfolgreichsten Postfiliale Bayerns gekürt.
Ab 2012 wurde dann zunächst das zweite, ab 2019 auch das erste Obergeschoss ans Kolpingwerk vermietet, das dort nach wie vor seine Kurse anbietet. 2018 eröffnete die Post die neue Halle in der Robert-Bosch-Straße im Gewerbegebiet Kleinerlbach, in der kaum Kundenverkehr stattfindet. Lediglich die Postfächer sind aus der benachbarten Alleestraße 10 mit dorthin umgezogen.
Ab 2009 übernahm die Deutsche Bank schrittweise die Postbank, so dass spätestens seit 2020 die Postbank in der Alleestraße aus Sicht der Post „nur“ noch eine Filiale ist, wie sie bei anderen Einzelhändlern wie den Toto-Lotto-Läden bei Norma und Kaufland oder der Buchhandlung in der Bamberger Straße betrieben werden. In einem Schreiben wurden die Postbankkunden auf das Ende der Filiale vorbereitet.