Für die ukrainische Hauptstadt Kiew war es eine der schwersten Nächte seit Kriegsbeginn. Mit Raketen, Marschflugkörpern und Drohnen hat Russland die Drei-Millionenstadt am Dnjepr attackiert. Mindestens 18 Menschen kamen ums Leben, weitere 86 wurden nach Behördenangaben verletzt. 70 Personen mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden. Derweil suchen die Rettungskräfte unter den Trümmern der vielen zerstörten Wohnhäuser nach Überlebenden und weiteren Opfern.
Kriegsgegner Russland spricht von rein militärischen Zielen. Die Ukraine fordert mehr Hilfe vom Westen gegen diese Art Attacken. Und auch in Europa werden Stimmen nach einer Antwort auf diesen Schlag laut.
Hinter der puren Statistik verbergen sich viele tragische Einzelschicksale. So sei auch ein zehnjähriger Junge schwer verletzt worden, teilte Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko auf Telegram mit. Der Junge werde operiert. „Die Eltern wurden unter den Trümmern nicht gefunden“, schrieb Klitschko dazu. Deshalb sei der Großvater bei dem kleinen Patienten.
Die Mitteilung ist nur ein Indiz von vielen, dass die Opferzahl noch steigen dürfte. Denn viele Wohnhäuser sind bei dem Angriff beschädigt worden, einige wurden teilweise, andere vollständig zerstört. Getroffen hat es auch ein Hotel und das Gebäude eines Telekom-Anbieters im Stadtzentrum. Mehrere Internetanbieter informierten über Probleme.
Laut der ukrainischen Luftwaffe setzte Russland 570 Flugobjekte beim Angriff auf das Nachbarland ein, darunter waren knapp 500 Drohnen. Daneben beschoss das russische Militär Kiew aber auch mit 24 ballistischen Iskander-Raketen und etwa 50 Marschflugkörpern verschiedener Typen. Darunter waren auch vier Hyperschall-Lenkwaffen vom Typ Zirkon, die eigentlich zur Bekämpfung von Schiffen entwickelt wurden.
Die ukrainische Flugabwehr fing eigenen Angaben nach 524 Flugobjekte ab, die meisten davon waren Drohnen.
Zwar war der Angriff erwartet worden und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte seine Landsleute bereits im Vorfeld vor der Attacke gewarnt. Trotzdem zeigte sich die Flugabwehr in Kiew überfordert. Grund war die Vielzahl und Vielfalt der angreifenden Objekte. Russland überlastete die ukrainische Flugabwehr mit mehreren Angriffswellen, in denen es Drohnen, Raketen und Marschflugkörper koordinierte. Bei der Abwehr von Drohnen ist die Ukraine nach eigenen Angaben relativ gut. Bei Marschflugkörpern ist die Abschussquote schon bedeutend geringer, und die Iskander-Raketen bereiten Kiew nach wie vor enorme Kopfschmerzen.
Zwar hat der Westen Flugabwehrwaffen geliefert, wie etwa die amerikanischen Patriot-Systeme oder die deutschen Iris-T-Komplexe. Doch die Raketen für solche Flugabwehrsysteme sind teuer und rar. Durch den von US-Präsident Donald Trump begonnenen Iran-Krieg ist das Defizit an solchen Raketen noch größer geworden.
Trotz der hohen Zahl ziviler Opfer sprach das russische Militär auch diesmal von Schlägen „mit Hochpräzisionswaffen“ gegen militärische Ziele. Getroffen worden sei unter anderem eine Fabrik, in der Steuerungssysteme für die ukrainischen Flugkörper des Typs Flamingo produziert würden, heißt es in Moskau. Darüber hinaus seien Elektronikwerke und ein Treibstoffdepot, das von der ukrainischen Armee genutzt werde, zerstört worden. Unabhängig überprüft werden können diese Angaben nicht.
Präsident Wladimir Putin ließ sich nach Kremlangaben von Generalstabschef Waleri Gerassimow über den Angriff unterrichten. Die Attacke habe allein „militärischen oder militärnahen Objekten“ gegolten, sagte Sprecher Dmitri Peskow der Nachrichtenagentur Tass zufolge.
Nach dem Angriff forderte Selenskyj einmal mehr eine Verstärkung der Flugabwehr. „Der Nachschub an Flugabwehr für die Ukraine hat eine absolute und kritische Priorität“, schrieb er. Wichtig sei jeder Beitrag zum PURL-Programm, bei dem Nato-Staaten Waffen in den USA kaufen und an die Ukraine übergeben. Die Vereinbarungen zur Produktion neuer Abfangsysteme für ballistische Raketen müssten vorangetrieben werden. Selenskyj hoffte auch darauf, dass die USA der Ukraine den Bau von Patriot-Abwehrraketen in Lizenz erlauben.
Auch Brüssel will auf den neuerlichen Angriff gegen Zivilisten reagieren. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas hat neue Sanktionsvorschläge angekündigt. „Heute werde ich als Reaktion auf die Angriffe vorschlagen, weitere Einrichtungen und Unternehmen zu sanktionieren, die den russischen militärisch-industriellen Komplex unterstützen“, teilte sie mit. Je stärker Moskau Zivilisten angreife, desto schärfer müssten die Sanktionen ausfallen. Konkret sollen fünf Einrichtungen und eine Privatperson auf die Schwarze Liste kommen, die an der Herstellung von Drohnen in Russland beteiligt sind.
Ein Ende des Kriegs ist in jedem Fall nicht in Sicht, auch wenn beide Seiten weiterhin ihre Dialogbereitschaft beteuern. Russland verstärke den Druck auf Kiew, um seine gesteckten Ziele zu erreichen, sagte Kremlsprecher Peskow. Moskau fordert für ein Ende der Kämpfe weiterhin den Rückzug ukrainischer Truppen selbst aus den Gebieten im Donbass, die die Russen in mehr als vier Jahren Krieg bislang nicht erobern konnten.
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