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Veröffentlicht am 19.08.2024 07:23

Sicher fühlen in der Kirchengemeinde

Sie sind ein Teil der Arbeitsgruppe, die das Schutzkonzept entwickelt (von links): Sonja Markert, Jörg Dittmar, Christine Stradtner, Anita Sonnenberg, Max von Egidy und Philipp Flierl. In den Händen halten sie ein Handbuch zur Schutzkonzeptentwicklung. (Foto: Anna Franck)
Sie sind ein Teil der Arbeitsgruppe, die das Schutzkonzept entwickelt (von links): Sonja Markert, Jörg Dittmar, Christine Stradtner, Anita Sonnenberg, Max von Egidy und Philipp Flierl. In den Händen halten sie ein Handbuch zur Schutzkonzeptentwicklung. (Foto: Anna Franck)
Sie sind ein Teil der Arbeitsgruppe, die das Schutzkonzept entwickelt (von links): Sonja Markert, Jörg Dittmar, Christine Stradtner, Anita Sonnenberg, Max von Egidy und Philipp Flierl. In den Händen halten sie ein Handbuch zur Schutzkonzeptentwicklung. (Foto: Anna Franck)

Der Umgang mit sexualisierter Gewalt beschäftigt die Kirchengemeinden und Dekanatsbezirke in der Region. Eine Arbeitsgruppe, bestehend aus Mitgliedern der evangelischen Dekanate Bad Windsheim und Uffenheim, arbeitet derzeit an der Erstellung eines Schutzkonzeptes.

Anlass für die Entwicklung ist unter anderem, aber nicht nur, eine Studie des Forschungsverbundes „ForuM – Forschung zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und anderen Missbrauchsformen in der Evangelischen Kirche und Diakonie in Deutschland“, deren Ergebnisse auch online einsehbar sind.

Suche nach einer fachlich vernünftigen Position

Diese hat, wie Bad Windsheims Dekan Jörg Dittmar erläutert, die evangelische Kirche in Auftrag gegeben. „Das Ergebnis der Studie ist verheerend, aber auch der Gesamtprozess ist nicht so professionell gelaufen, wie wir uns das vorgestellt hätten.“ Eine fachlich vernünftige Position zu finden, sei schwierig, „weil wir viele Dinge nicht wissen“, beispielsweise wie der Auftrag entstanden ist.

Teils werde bemängelt, dass die Kirche zu wenig Akten geliefert habe. Andererseits hörte Dittmar Stimmen aus der Landeskirche, die sagen, dass vorab nicht definiert war, dass alle Personalakten digitalisiert zur Verfügung gestellt werden sollen und man das auch gar nicht schaffe. Immerhin gehe die Studie zurück bis ins Jahr 1945, teils noch weiter.

Ziel ist, Februar 2025 fertig zu sein

„Das war ein Riesenthema, wir können das aber nicht beurteilen. Vieles ist nicht so deutlich, wie wir das gern wollen. Was aber zählt, ist: Die Dekanate Uffenheim und Bad Windsheim haben entschieden, dass dieses Schutzkonzept zu entwickeln ist“, so Dittmar. „Das ist unser Auftrag.“

Das Papier der Dekanate ist Ausgangspunkt für Schutzkonzepte, die in den einzelnen Kirchengemeinden zu entwickeln sind. Nach dem Präventionsgesetz der evangelischen Kirche in Bayern sollen alle Konzepte bis spätestens Ende 2025 fertig sein. Die Arbeitsgruppe will mit ihrem deshalb bereits im Februar 2025 durch sein.

Risiko und Potenzial wird analysiert

„Ziel ist, das man sich bei all unseren Angeboten sicher fühlen darf im Hinblick auf sexualisierte Gewalt“, erklärt Jörg Dittmar. Das Konzept bezieht sich beispielsweise auf die Kinder- und Jugendarbeit, die Seniorenarbeit, die Arbeit der Kirchenmusik und Chöre, aber auch auf Situationen in den Büros und Verwaltungseinrichtungen. Wesentlich sind detaillierte Risiko- und Potentialanalysen.

„Wir überlegen, wo Menschen gefährdet sein könnten“, erklärt Uffenheims Dekan Max von Egidy. Szenarien werden durchgespielt. Bisherige Prozedere werden überdacht und es wird überlegt: Passt das so oder müssen wir etwas verändern?

Es geht um wechselseitigen Schutz

„Da geht es auch um wechselseitigen Schutz“, sagt Jörg Dittmar. „Jede Pfarrerin kann von Situationen berichten, in denen sie übergriffiges Verhalten erfahren hat“, betont Max von Egidy. Passieren kann das in Form von seltsamen Telefonaten oder E-Mails, aber auch bei Seelsorgegesprächen, die harmlos beginnen und dann einen komischen Schwenk erleben. Betroffen können davon freilich auch Männer sein.

Wer einen Verdacht hat oder selbst von sexualisierter Gewalt betroffen ist, soll Unterstützung erfahren. Ganz klar geregelt sein soll: Wie kann ich mich beschweren? Wie finde ich jemanden, der unabhängig ist? Wie komme ich ins Gespräch? Wie wird etwas aufgeklärt? „Das alles ist Inhalt des Konzeptes“, erläutert Jörg Dittmar.

Dass es ab und an in der Öffentlichkeit so dargestellt wird, als ob die evangelische Kirche erst jetzt beginnt, Prävention zu betreiben, stört Max von Egidy. „Das ist Quatsch. Mit dem Schutz von Menschen, die uns in der Kirche anvertraut sind, beschäftigen wir uns schon viele Jahrzehnte.“ In Teilbereichen der Kirche gebe es zudem bereits Schutzkonzepte, beispielsweise im Kita- oder Schulbereich.

Mehr in die Mitte gerückt

Der Umgang mit dem Thema habe sich weiterentwickelt. „Es ist mehr in die Mitte gerückt, und das ist auch gut so.“ Menschen sollen schließlich auf allen kirchlichen Ebenen in vertrauensvollen Kontakt kommen. „Das macht den Raum der Kirche auch für Menschen, die es nicht gut meinen, ausnutzbar. Die Balance ist die Herausforderung.“

Erst kam die Sensibilisierung

Ehe die Arbeitsgruppe im Juni erstmals zusammenkam, waren alle hauptamtlichen Mitarbeitenden geschult worden. Dabei stand die Sensibilisierung und Auseinandersetzung mit dem Thema im Fokus. Das Schutzkonzept ist der nächste Schritt.

Mitglieder der Arbeitsgruppe sind neben Dittmar und von Egidy auch Illesheims Pfarrerin Christine Stradtner, Sonja Markert (Leiterin der Uffenheimer Kindertagesstätte Karoline Kolb), Uffenheims Pfarrerin Anita Sonnenberg, Weigenheims Pfarrer Manfred Lehnert und Philipp Flierl (Geschäftsführer der Kindertagesstätten). Grundsätzlich ist man in ihr gut aufgestellt, für weitere Einblicke und Erfahrungsberichte aus den Reihen der Geistlichen ist man aber offen, betonen die Dekane.

Transparenz schreckt Täter ab

Begleitet wird die Gruppe zudem von der zuständigen regionalen Fachstelle, die das Konzept am Ende prüfen muss. Am 18. September soll eine Schulung der Hauptamtlichen der beiden Dekanate stattfinden, bei der sich insbesondere mit der Risiko- und Potentialanalyse auseinandergesetzt wird. Das Konzept soll auch online veröffentlicht werden. „Transparenz ist wichtig“, sagt Max von Egidy, auch um Täter abzuschrecken.

Übrigens: Die katholische Kirche in der Region hat ebenfalls beim Punkt Schutzkonzept längst angesetzt. Im Bereich des Erzbistums Bamberg laufe das Projekt schon seit 2019, die meisten Seelsorgebereiche haben bereits eines. Man befinde sich gerade in der Umsetzung, die erste Rückmeldeschleife laufe, erklärt Präventionsbeauftragte Monika Rudolf im Gespräch mit unserer Zeitung.

Kontinuierliche Überprüfung nötig

2010 wurde von der Deutschen Bischofskonferenz eine Rahmenordnung Prävention in Kraft gesetzt, die 2019 überarbeitet wurde und seit Anfang 2020 in den Diözesen umgesetzt wird, heißt es zudem auf der Homepage der Deutschen Bischofskonferenz.

Die Umsetzung der Konzepte ist ein wesentlicher Punkt. Eine kontinuierliche Überprüfung ist hierbei nötig. „Entscheidend wird am Ende nicht das entwickelte Papier sein, sondern, dass sich Menschen auf allen Ebenen der Kirche mit dem Thema beschäftigt haben. Das wird uns auch künftig immer weiterbegleiten“, ist sich Max von Egidy sicher. „Das A und O ist den Menschen, die betroffen sind, zuzuhören und sie ernst zu nehmen.“


Anna Franck
Anna Franck
Redakteurin in Bad Windsheim
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