Therapieplätze sind in Deutschland rar gesät. Doch die Menschen haben Gesprächsbedarf. Ängste, depressive Episoden, Beziehungsprobleme: Die Gründe, warum jemand Unterstützung sucht, sind vielfältig. Für solche Fälle gibt es in Dinkelsbühl die Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen (EFL) der katholischen Kirche.
Über 800 Beratungsstunden fanden im Jahr 2023 in der EFL-Außenstelle Dinkelsbühl der Diözese Augsburg statt. Insgesamt 111 Fälle – das können Einzelpersonen oder Paare sein – wurden dabei betreut. „Die Warteliste ist lang“, erklärt Sandra Meyer, die seit 2019 dort als psychologische Beraterin tätig ist. Mindestens zwei Monate könne es dauern, um einen Termin zu bekommen.
Die Zahl der Ratsuchenden steige kontinuierlich an. Vor allem kämen auch immer mehr jüngere Paare, die die Unterstützung in Anspruch nehmen. „Es ist mittlerweile in unserer Gesellschaft anerkannt, sich frühzeitig Hilfe zu holen. Es ist nicht mehr so schambehaftet, sondern es wird als Chance gesehen. Und das sind gute Voraussetzungen“, betont Meyer.
Aber wie läuft so eine Beratungsstunde ab? Beim ersten Termin stehe vor allem das Kennenlernen im Vordergrund. Das Eis soll gebrochen werden. Zudem werde geklärt, was denn die Wünsche und Zielsetzungen der Beratung sind. „Wir geben aber keine direkten Ratschläge, sondern unterstützen dabei, dass die Menschen ihre Lösungen selbst erarbeiten“, betont Michael Lassert, der die EFL-Außenstelle in Dinkelsbühl und Dillingen leitet.
Der Psychologe erklärt, dass bei Paarsitzungen – in Dinkelsbühl waren es letztes Jahr 230 Stunden – vor allem Kommunikationsprobleme das Hauptthema seien. „Es geht oft um Gefühle und Gefühle werden meistens nicht benannt, weil man sich damit angreifbar macht. Zum Beispiel, dass man sich alleine fühlt in der Beziehung. Da muss man als Paar ein Bewusstsein für die Gefühle entwickeln und anfangen, sich diese auch mitzuteilen“, fasst er zusammen.
Bei den Einzelberatungen stünden vor allem depressive Episoden im Mittelpunkt. „Das ist ein weit verbreitetes Leiden, wo ganz unterschiedliche Themen dahinterstecken können“, so Lassert. Hierbei sei es ein wichtiger Ansatz, dass der Klient zunächst einmal herausfindet, was er überhaupt braucht, damit es ihm gut geht und dass er das dann auch an entsprechender Stelle einfordere. „Wenn die Depression allerdings zu stark ist, dann sind wir nicht die richtige Anlaufstelle. Dann verweisen wir die Person an den Sozialpsychiatrischen Dienst.“
In den EFL-Sitzungen werde häufig mit nonverbalen Methoden gearbeitet, wie Sandra Meyer erzählt. So kommen beispielsweise Puppen für Rollenspiele, Seile zur visuellen Raumeinteilung oder ein sogenanntes Familienbrett zum Einsatz. Bei letzterem können die Klienten mit Hilfe von Holzfiguren verschiedene Szenarien darstellen. „Zum Beispiel wo stehe ich, wo sehe ich meinen Mann und wie würde ich es mir wünschen?“, erläutert Meyer eine mögliche Situation. „Oft ist es schwierig, es mit Worten zu erklären und dann tun sich einige mit dem Familienbrett viel leichter, sich auszudrücken. Und darüber können wir dann ins Gespräch kommen.“
Aber Meyer versichert, nicht jeder müsse bei den Rollenspielen mitmachen. „Für manche ist das einfach nichts. Und dann finden wir eine andere Methode. Ich gehe individuell auf jeden Einzelnen ein. Keiner wird zu irgendetwas gedrängt. Jeder soll sich wohlfühlen.“
Die Menschen, die Meyer in der Beratungsstelle in der Dinkelsbühler Altstadt besuchen, sind bunt gemischt, dennoch sei der Frauenanteil höher. Das Beratungsangebot umfasst maximal 15 Sitzungen, die bei Einzelpersonen zirka eine Stunde und bei Paaren etwa 90 Minuten dauern. „Diese Höchstgrenze an Sitzungen haben wir jetzt neu eingeführt. Es ist wichtig, dass es irgendwann zum Abschluss kommt, sonst kommen manche Fälle über mehrere Jahre hinweg und wir hätten keine Zeit für neue Klienten.“
Die Berater und Beraterinnen unterliegen der Schweigepflicht und bilden sich regelmäßig fort, um ihr Handwerkszeug zu erweitern und auf dem neuesten Stand zu bleiben. Das Angebot ist kostenlos und richtet sich an alle Menschen ab 18 Jahren, unabhängig von Religion, Weltanschauung, Nationalität oder sexuellen Orientierung.
Finanziert wird die EFL-Beratungsstelle mit über 80 Prozent aus der Kirchensteuer, mit Zuschüssen vom Landkreis Ansbach und dem Freistaat Bayern sowie mit Spenden.