Sie haben Millionen von Kilometern runtergerissen, unfallfrei, haben gegen keine Verkehrsregeln verstoßen und Zoll- sowie Verwaltungsvorschriften penibel eingehalten. Und das über Jahrzehnte. Jetzt sind die Busfahrer Henry Jung und Hans-Günther Kallender, beide 65 Jahre alt, offiziell in den Ruhestand verabschiedet worden. Mit Urkunden und Auszeichnungen.
Christof Thürauf und Rudi Schmidt, Geschäftsführer des Busreiseunternehmens Thürauf mit Sitz an der Ipsheimer Straße in Bad Windsheim, haben Kallender und Jung nur ungern ziehen lassen. „Weil man solche zuverlässigen, verantwortungsbewussten, pünktlichen und vorausschauenden Fahrer nur noch selten findet“, sagt Schmidt. Vor allem das Arbeiten an Feiertagen, Wochenenden und in der Ferienzeit würden viele nicht auf sich nehmen wollen. Für Kallender und Jung gehörte das ganz selbstverständlich zu ihrem Beruf dazu.
So wie das Fahren ohne Navi. Denn sie gehören zu einer Generation von Busfahrern, die sich noch ohne technische Hilfe auf die Straßen der Republik und darüber hinaus gewagt haben. Wohl auch deswegen verstehen sie bis heute nicht, wie man sich einem Navi blind anvertrauen kann. Wenn sie in fremde Metropolen wie Paris, Rom, Florenz oder Mailand gefahren sind, haben sie vorab intensiv die analogen Straßenkarten studiert, einen Spickzettel gemacht und los ging's.
Und wenn sie sich doch mal verfahren haben? „Dann darf man sich gegenüber den Reisenden im Bus nichts anmerken lassen, muss einfach weiter fahren und zwar langsam. Dann verschafft man sich Zeit, um sich zu orientieren“, sagt Jung. Und raus aus den Großstädten dieser Welt käme man ohnehin immer. Denn bei „All directions“ sei immer auch Bad Windsheim mit dabei.
Kallender und Jung haben auch die vielen gut gemeinten Tipps ihrer Fahrgäste stets erfolgreich ignoriert. „Du bist der Chef. Du machst die Ansagen, keine Diskussionen“, betont Jung, der gelernter Heizungsbauer ist, und wie Kallender erst hinterm Lkw-Steuer saß, bevor er zum Bus wechselte. Er ist vor allem im Reiseverkehr unterwegs gewesen, während sein Kollege schwerpunktmäßig im Schulbus- und Linienverkehr eingesetzt war.
Auch die Route des Bocksbeutel-Expresses, eine beliebte Freizeitlinie ins Weinparadies, ist Kallender regelmäßig gefahren. Und er hat 25 Jahre lang dafür gesorgt, dass der Bayern-München-Fanclub aus Marktbergel pünktlich zu den Spielen seines Vereins gekommen ist. Und wieder zurück. „Damit ich endlich losfahren konnte, musste ich einige Fans schon mal von denen des jeweils gegnerischen Vereins trennen und in den Bus schieben“, erinnert sich Kallender. Ansonsten seien die Fahrten friedlich verlaufen. Nur einmal, da sei der Bus mit Steinen beworfen worden.
Ähnliche Erfahrungen haben Jung und Kallender unabhängig voneinander bei Fahrten in die ehemalige DDR gemacht, als der sozialistische Staat noch existierte. „An der Grenze hat man nie gewusst, was man erleben würde“, sagt Kallender und erinnert sich an die Grenzposten, Soldaten mit Maschinengewehren. „Da war es immer ganz ruhig im Bus“, sagt Jung. Eine kleine Unachtsamkeit, habe mitunter unangenehme Folgen gehabt. Dann sei man zum Halten gezwungen worden, habe viele Stunden lang warten müssen und nie gewusst, ob es ein gutes Ende nehmen würde.
Dass sie ihre Fahrgäste stets unfallfrei chauffiert haben, macht Kallender und Jung stolz. Wie sowas gelingt? Man müsse Ruhe bewahren, sind sie sich einig. Wer sich mit Lichthupe nähere, werde schlichtweg nicht beachtet. „Nie aufregen, nicht schimpfen. Das führt zu nichts“, sagt Jung und plädiert für gegenseitige Rücksichtnahme im Straßenverkehr. Schließlich mache jeder mal einen Fehler.
Dass Kallender und Jung selten Fehler gemacht haben und Millionen von Kilometern unfallfrei gefahren sind, ist von der International Road Transport Union (IRU) mit Sitz in Genf honoriert worden. Dieser Weltdachverband des Personen- und Transportgewerbes hat Kallender das „IRU Diplom d'Honneur“ passend zum Eintritt ins Rentendasein verliehen. Jung war diese Ehre bereits im Jahr 2000 zuteil geworden. Er freute sich aber jetzt über eine Urkunde und Anstecknadeln seines liebsten Autoherstellers. Der würdigte ihn für 3,5 Millionen gefahrene Kilometer im Bus eben dieser Herstellerfirma.
Seit sie in Rente sind, haben die beiden Busfahrer nun mehr Zeit für ihre Hobbys. Jung ist gerne mit seinem Oldtimer unterwegs, einem 200er Mercedes. Den hatte er sich vor 43 Jahren zugelegt. Also im selben Jahr, in dem er auch bei der Firma Thürauf angefangen hatte. Ansonsten musiziert er leidenschaftlich gerne im Spielmanns- und Fanfarenzug Bad Windsheim. Kallender gehörte seit 29 Jahren zum Thürauf-Team. Zu seinen Hobbys gehört das Sammeln von Modell-Bussen. Insgesamt 50 Exemplare hat er, darunter auch „ein Skoda Bus mit der runden Schnauze“: Das ist der erste Bus, den Kallender je gefahren hat. Ohne Navi, natürlich.