Stiehlt der Leapmotor B03X den EU-Geschwistern die Schau? | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 19.05.2026 00:07

Stiehlt der Leapmotor B03X den EU-Geschwistern die Schau?

Nu ma Butter bei die Fische: Wie behauptet sich der Leapmotor B03X bei näherer Betrachtung und auf der Straße? (Foto: Christian Petersen-Clausen/dpa-tmn)
Nu ma Butter bei die Fische: Wie behauptet sich der Leapmotor B03X bei näherer Betrachtung und auf der Straße? (Foto: Christian Petersen-Clausen/dpa-tmn)
Nu ma Butter bei die Fische: Wie behauptet sich der Leapmotor B03X bei näherer Betrachtung und auf der Straße? (Foto: Christian Petersen-Clausen/dpa-tmn)

VW ID.Cross, Skoda Epiq, Renault R4, Kia EV2 - kleine Elektro-SUV kommen in diesem Jahr groß raus. Auch Stellantis will in dem Segment weiter mitmischen. Autos wie der Opel Frontera oder der elektrische Citroën C3 Aircross waren zwar früh dran, sind aber als sogenannte Multi-Mode-Modelle - mit Benziner oder Batterie - kompromissbehaftet und geraten bei den Preisen ins Hintertreffen. 

Um bei den Stadt-SUV den Anschluss zu halten, holt sich der riesige Mischkonzern Hilfe aus China. Denn bei der Adoptivtochter Leapmotor - Stellantis hält Anteile - läuft sich gerade der B03X warm. In China ist er als A10 bereits im Handel und startet bei umgerechnet nicht einmal 10.000 Euro. Wenn er im Herbst auch bei uns in den Handel geht, wird er wohl um die 25.000 Euro kosten, ist aber trotzdem günstiger als die entsprechenden Autos der europäischen Schwesternmarken.

Er will wohl auch einige Konkurrenten außerhalb des eigenen Konzerns unterbieten. Denn zu Preisen, zu denen viele davon nur klassische Kleinwagen wie den ID.Polo oder den R5 verkaufen, bietet er den Sex-Appeal und den Nutzwert eines kleinen SUV. Von der Ausstattung und der Assistenz ganz zu schweigen.

Schicker Auftritt zwischen den Welten 

Sein Auftritt passt dabei gut ins Segment: Er ist hoch aufragend und ein bisschen bulliger, findet aber eine geschickte Mischung aus dem bei so vielen China-Marken vorherrschenden Raumschiff-Design und den eher konservativen europäischen Vorlieben. Nicht so kantig und rechtwinklig wie der Frontera, aber auch nicht so glatt geschliffen wie die Autos, die von BYD, Geely & Co ins Land kommen - und auf jeden Fall leicht wieder zu erkennen.

Erst recht, weil sich die Chinesen sogar ein Augenzwinkern leisten und als wiederkehrendes Dekormerkmal überall am und im Auto eine Comicfigur auftauchen lassen.

Das Format? Passt!

Wichtiger als die Form ist aber das Format und das, was die Chinesen daraus machen. Obwohl der B03X mit 4,27 Metern sogar etwas kürzer ist als etwa Frontera & Co, bietet er dank seines flachen Skateboard-Bodens bei rund 2,61 Metern Radstand mehr Platz im Innenraum: Selbst Erwachsene sitzen deshalb im Fond so bequem, dass sie sogar die Beine übereinander schlagen können.

Und der Komfort für die Hinterbänkler geht nicht zulasten des Kofferraums, der 602 bis 1.549 Liter fasst. Außerdem wurde eine variable Sitzlandschaft eingebaut, die noch mehr Möglichkeiten eröffnet: An der Ladesäule zum Beispiel lässt sich der Innenraum in eine fast durchgängige Liegelandschaft verwandeln. Und wer sperrige Gegenstände transportieren will, kann die beiden Hälften der Sitzbank im Fond auch nach oben klappen wie früher die Sessel im Kino.

Überraschungen bei Ambiente und Ausstattung

Einen weiteren Unterschied zur europäischen Konkurrenz vor allem aus den eigenen Reihen fühlt man gleich beim Erstkontakt mit dem neuen E-Modell: Während Opel und Citroën mit spitzem Stift kalkulieren und für attraktive Preise mehr harten Kunststoff verwenden als sonst bei ihnen üblich, wird der Leapmotor fast zum Handschmeichler: Wo man den Wagen auch anfasst, es fühlt sich immer gut an. Die Komponenten und Konsolen sind weich unterschäumt und mit angenehmem Stoff bezogen. Selbst die Deckenverkleidung oder die Türbrüstungen machen mächtig was her.

Auch bei der Ausstattung wird nicht gekleckert: Wie fast alle China-Autos hat der kleine Leapmotor neben den digitalen Instrumenten noch einen XXL-Bildschirm vor der Mittelkonsole. Es gibt elektrische Helfer für jeden zweiten Handgriff, und selbst das Panoramadach ist bei den meisten Modellen Standard.

Der Clou ist aber der sogenannte Leapmotor Pilot, der fast autonom der Navigation folgt, eigenständig sogar durch den Gegenverkehr abbiegt und ohne Zutun des Fahrers jede Ampelkreuzung meistert. Der wird hinter dem Steuer zum Zuschauer und greift nur noch pro forma alle paar Sekunden mal ins Lenkrad. Damit bietet Leapmotor in einem billigen Kleinwagen eine Technologie, für die sich etwa Mercedes gerade im vielfach teureren CLA feiern lässt und die bei Stellantis noch weit weg ist.

Zwar fehlt dafür in Europa noch die Zulassung, doch beweisen die Chinesen daheim, dass sie die Technik beherrschen. Deshalb müssten sie diese bei uns nach dem Segen aus Brüssel nur noch per Over-the-Air-Update freischalten.

Beim Antrieb ist der Leapmotor nur durchschnittlich ...

Der Blick ins Datenblatt holt einen allerdings wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Denn bei Akku und Antrieb zeigt sich, dass auch die Chinesen nur mit Wasser kochen und dafür ebenfalls tief in die Tasche greifen müssen. Akkus von 40 und 53 kWh für 403 oder 505 Kilometer (nach der etwas laxeren China-Norm) sind zwar allemal ausreichend, aber trotzdem allenfalls gehobener Durchschnitt.

Das gilt auch fürs Laden. Da stellt Leapmotor 16 Minuten für den Sprung von 30 auf 80 Prozent in Aussicht, und es ist von einer Ladegeschwindigkeit von 130 kW am Schnelllader zu hören. Nicht konkurrenzlos gut, aber in dieser Liga kein schlechter Wert.

Die E-Maschine an der Vorderachse dagegen, die wahlweise 70 kW/95 PS oder 90 kW/122 PS hat und in beiden Fällen nicht mehr schafft als 160 km/h, ist schwächer als in dieser Klasse üblich.

... und bei der Abstimmung müssen sie noch einmal ran.

Viel schneller will man mit dem B03X allerdings auch nicht fahren. Zumindest nicht mit den Autos für den Heimatmarkt, die für den europäischen Geschmack viel zu weich und unverbindlich abgestimmt sind. Die Lenkung ist etwa so spontan und zielgenau wie bei einem Ozeandampfer. Und spätestens, wenn das City-SUV über eine der endlosen Temposchwellen auf den Straßen im Industriegebiet von Huzhou rumpelt, fühlen sich auch die Passagiere wie auf hoher See. Und zwar bei schlechtem Wetter.

Da müssen die Chinesen noch einmal ran, bevor sie den Wagen nach Westen schicken. Oder sie bitten die Stiefschwestern um Hilfe, bei denen sie ja schließlich für den Verkauf und die Logistik unterschlüpfen. Und wenn die Basis stimmt, werden die erfahrenen Kollegen etwa bei Opel in Rüsselsheim aus der gefühllosen China-Melange schon eine Autobahn-Abstimmung zaubern.

Fazit: Wenn das mal keinen Familienzwist gibt

Er sieht gut aus, ist üppig ausgestattet und kommt zu attraktiven Preisen – so wird der Leapmotor B03X zu einem harten Herausforderer für die vielen kleinen E-SUV, die gerade unsere Städte fluten. Bei VW oder Skoda, Renault und den Koreanern sind sie den Preiskampf mit China bereits gewohnt und haben zudem durchweg neue Produkte am Start, denen der Neue schon nicht ganz so sehr zusetzen dürfte.

Aber innerhalb der Stellantis-Familie kann der B03X Modellen wie Citroën C3 Aircross, Peugeot 2008 oder Opel Frontera gefährlich werden - obendrein steht er oft noch beim gleichen Händler. Das macht den Kunden den Vergleich und den Umstieg umso leichter. Wenn das mal keinen Zwist in der Familie gibt. 

Leapmotor B03X - Technische Daten 

 

 

 

© dpa-infocom, dpa:260518-930-97533/1


Von dpa
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