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Veröffentlicht am 02.10.2026 10:42, aktualisiert am 02.10.2026 11:02

Von Walmüttern und Elefantenherden: Können Tiere trauern?

Walmütter haben eine enge Bindung zu ihrem Kalb.  (Foto: Olaf Meynecke/dpa)
Walmütter haben eine enge Bindung zu ihrem Kalb. (Foto: Olaf Meynecke/dpa)
Walmütter haben eine enge Bindung zu ihrem Kalb. (Foto: Olaf Meynecke/dpa)

Das Meer vor der australischen Gold Coast ist an diesem Wintermorgen erstaunlich ruhig. Zwei Buckelwale ziehen durch das flache Wasser vor Palm Beach Reef. Einer hält sich immer wieder an einer Stelle am Meeresboden auf. Dort wird eine kleine Kamera hinabgelassen - und zeigt ein Bild, das selbst erfahrene Walbeobachter berührt: Auf dem Grund liegt ein totes Kalb.

Die junge Buckelwal-Kuh taucht immer wieder hinab und berührt den Körper mit Kopf und Brustflosse. Sie legt sich neben das Kalb, Auge an Auge. Fast zwei Stunden bleibt sie in seiner Nähe. Ein zweiter erwachsener Wal schwimmt bei ihr. Auch Lautäußerungen sind zu hören.

„Für mich war ihre Suche nach Körperkontakt und der Versuch von Augenkontakt mit dem verstorbenen Kalb überraschend, aber auch die Dauer des Verhaltens - über Stunden und vermutlich sogar über Tage“, sagte der deutsch-australische Meeresbiologe Olaf Meynecke von der Griffith University der Deutschen Presse-Agentur. 

Er hat die Beobachtung gemeinsam mit dem Walretter Andrew Mulville ausgewertet und eine Studie verfasst. Nach Angaben der Forscher ist es der erste detailliert dokumentierte Fall eines solchen Verhaltens bei einem Buckelwal. 

Was geht in Tieren vor?

Hinter der Szene auf dem Meeresgrund steckt eine große Frage: Können Tiere trauern? Das ist schwer zu beantworten: Niemand kann einen Wal fragen, was in ihm vorgeht. Forscher können nur beobachten, was ein Tier tut - und versuchen, daraus vorsichtig auf seinen inneren Zustand zu schließen.

Das Weibchen versuchte jedenfalls nicht, das tote Kalb an die Wasseroberfläche zu bringen. Normalerweise helfen Muttertiere ihren neugeborenen Kälbern so beim ersten Atemzug. „Wir haben zwei Theorien“, sagte Meynecke. „Es kann sein, dass die Mutter nicht in der Lage war, es nach oben zu bringen, aber dagegen spricht, dass wir keinen solchen Versuch dokumentieren konnten. Oder aber ihr war bewusst, dass es nicht mehr lebt.“

Die Trauerreise von Tahlequah

Das Verhalten erinnert an andere Säugetiere. Besonders eindrucksvoll sind Orcas: Das Weibchen Tahlequah trug 2018 sein totes Kalb vor der Küste Nordamerikas 17 Tage lang auf der Schnauze und Stirn mit sich und legte dabei mehr als 1.500 Kilometer zurück. Immer wieder hob es den Körper aus dem Wasser, wenn er abzusinken drohte. Wissenschaftler sprachen von einer „Tour of grief“ - einer Trauerreise. Auch Grindwale und Delfine wurden dabei beobachtet, tote Jungtiere noch über längere Zeit mit sich zu tragen. Bei Buckelwalen ist die Datenlage dünner.

„Aus persönlicher Erfahrung bin ich mir sehr sicher: Auch andere Arten, und generell Säugetiere, nehmen den Verlust eines Artgenossen wahr, und dies führt zu Verhaltensweisen, die als Trauer oder Depression beschrieben werden können“, sagte Meynecke. Die Empfindungen seien vermutlich anders als bei Menschen, die Auswirkungen aber oft ähnlich - etwa die Verweigerung von Nahrungsaufnahme.

Schimpanse Flint starb an gebrochenem Herzen

Besonders dramatisch ist die Geschichte des Schimpansen-Kindes Flint. Als seine Mama Flo im tansanischen Gombe-Nationalpark starb, isolierte sich ihr damals achtjähriger Sohn zunehmend. Die weltberühmte Primatenforscherin Jane Goodall beobachtete, wie Flint immer wieder zu seiner toten Mutter ging. Dann hörte er auf zu fressen - wenige Wochen später war er selbst tot. Goodall sagte später, Flint sei an gebrochenem Herzen gestorben. 

Auch Schimpansenmütter scheinen sich umgekehrt nur schwer von ihren toten Jungen zu trennen. Manche tragen die leblosen Körper noch Tage mit sich – manchmal Wochen oder sogar Monate.

Und was ist mit Haustieren? In einer Studie aus Australien und Neuseeland mit 159 Hunden und 152 Katzen berichteten Halter unter anderem von verändertem Fressverhalten, wenn ein Gefährte starb. Bei Hunden fraßen 35 Prozent weniger, 31 Prozent langsamer. Auch Katzen zeigten Veränderungen: Viele miauten häufiger und lauter. Beide Arten suchten die Lieblingsplätze des toten Artgenossen auf.

Elefanten „begraben“ ihre Toten

Elefanten wiederum versammeln sich an Kadavern, berühren, beschnuppern und bewachen sie und kehren immer wieder zu dem Toten zurück. Beobachtet wurde auch, wie Elefanten sterbende Tiere zu stützen oder tote Kälber fortzutragen versuchten. Manchmal bedecken sie verstorbene Artgenossen mit Erde oder Pflanzen. Ob dies tatsächlich der menschlichen Vorstellung von Bestattung entspricht, kann aber niemand wissen.

Ein eindrucksvoller Fall ereignete sich 2013 in Kenia. Als die 55 Jahre alte Elefantenkuh Victoria starb, wich die Familie der Matriarchin nicht von ihrer Seite. Victorias zehnjährige Tochter Noor blieb noch lange bei ihr, ihr 13-jähriger Sohn Malasso stieß die Mutter sogar mit den Stoßzähnen an – wohl in dem Versuch, sie wieder aufzurichten. Wochen später beobachtete die Forscherin Shifra Goldenberg dann eine noch überraschendere Szene: Sogar Elefanten aus anderen Familien suchten noch immer Victorias Überreste auf. 

Was löst solches Verhalten aus? An diesem Punkt stößt die Wissenschaft bisher an Grenzen. Vielleicht geht es nicht um Abschied, wie Menschen ihn verstehen. Aber wenn Trauer bedeutet, einen Verstorbenen nicht einfach loslassen zu können, dann kommen viele Tiere dieser Definition wohl ziemlich nahe.

© dpa-infocom, dpa:261002-930-778980/2


Von dpa
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