Unteraltenbernheim (Markt Obernzenn) scheint Glück gehabt zu haben. Wie in den Zeitungsartikeln aus dem Jahr 1973 zu lesen ist, schrammte das Dorf beim Absturz eines Starfighters der kanadischen Luftwaffe nur knapp an einer Katastrophe vorbei.
In einem FLZ-Bericht wird ein Augenzeuge zitiert: „Kurz vor Unteraltenbernheim flog der Starfighter nur noch in Höhe der Baumwipfel. Dann zog der Pilot das Flugzeug aber noch einmal kurz hoch. Als er das Dorf hinter sich hatte, betätigte er den Schleudersitz.“ Offenbar gerade noch rechtzeitig, denn nur wenige Sekunden später zeugte ein ohrenbetäubender Knall vom Absturz des Überschallflugzeugs im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim.
Raymond Martin lebte damals in einer der frühen Kommunen im Markt Erlbacher Ortsteil Jobstgreuth. „Der Himmel war blau“, erinnert er sich an den 17. August 1973. Mit zwei weiteren Männern stand er gerade vor dem Haus, von wo aus man einen weiten Blick in die Umgebung hatte. Zuerst hörte er ein Geräusch, als ob jemand eine gigantische metallische Feder habe schnappen lassen. Dann sah er den Fallschirm des Piloten über dem Wald niederschweben. Erst dann hörte er den Schlag des Aufpralls.
Zusammen mit seinen WG-Genossen fuhr Raymond Martin sofort zur Unfallstelle, die ganz in der Nähe des Forsthauses im Schussbachwald bei Haaghof lag. „Da war schon ein einzelner Feuerwehrmann. Er forderte uns auf, uns Werkzeug zu besorgen.“ Gesagt, getan. Der VW-Bus wendete und sammelte in Haaghof Schaufeln ein, mit denen die Männer zusammen mit weiteren Hilfskräften den Brand löschten. Martin spricht von einem Buschbrand, denn bis die großen Bäume Feuer fangen, dauert es lange.
Der Bad Windsheimer Bürgermeister bedankte sich in einer Annonce in der Windsheimer Zeitung später öffentlich für die Hilfe der Feuerwehr und der Kommunarden. Denn der Wald liegt zwar auf Markt Erlbacher Gemarkung, gehört aber der Stadt Bad Windsheim.
13.43 Uhr: diese Zeit macht die Fränkische Landeszeitung später als Zeitpunkt für den Absturz aus. Um 14.30 Uhr ruft die Polizei in der Redaktion an und meldet einen Waldbrand. Wahrscheinlich sei ein Hubschrauber abgestürzt. Frank Lauer, damals als Volontär (wie die Auszubildenden bei der Zeitung heißen) in der Redaktion Neustadt, rast nach Haaghof. Die Zufahrtsstraße zum Forsthaus ist von Autos und Schaulustigen blockiert. Mit Ortskundigen macht er sich zu Fuß auf den Weg.
Gleichzeitig war von Ansbach aus Harald Munzinger zur Absturzstelle unterwegs, erinnert sich Frank Lauer heute. Ersterer arbeitete damals in der Westmittelfranken-Redaktion, beide prägten später jahrzehntelang die Neustädter Redaktion.
Aber egal von welcher Seite: Es war kein Durchkommen. Die US-Streitkräfte von Illesheim waren mittlerweile an der Absturzstelle und hatten mit einem Band großräumig abgesperrt. Lauer berichtet später über sich selbst und seine Kollegen in der FLZ: „Nach einigen Fotografierversuchen stürzen drei Amis zum Fotografen und drohen, ihm die Kamera wegzunehmen. Dieser gibt nun auf, um wenigstens seinen schon belichteten Film zu retten.“ Kollegen hätten von Beschimpfungen berichtet, einer sei „wie ein Verbrecher aus dem Wald gejagt worden“.
Warum die Amerikaner ein so striktes Informations- und Fotografierverbot für die Presse verhängten, erschließt sich dem Journalisten nicht. Originalton Frank Lauer: „Erstaunlich bleibt, dass die Amerikaner solch großen Ehrgeiz entwickeln, ihre Wracks vor neugierigen Einblicken zu schützen, ja, dass sogar die Presse nicht informiert werden sollte. Dabei ist es gerade in der BRD wirklich kein besonderes Ereignis mehr, wenn ein Starfighter vom Himmel fällt.“
In der Tat: Verglichen mit der Starfighter-Bilanz erscheint die Pannenserie der heutigen Bundeswehr fast schon harmlos. 916 Maschinen wurden von der Bundeswehr beschafft. Ein Drittel davon stürzte ab. 116 Piloten kamen ums Leben.
Dass kanadische Luftwaffe in Westmittelfranken unterwegs war, wunderte zu dieser Zeit noch niemanden: Die Kanadier unterhielten bis nach dem Mauerfall noch eigene Militärflughäfen in Deutschland. Ob der Haaghöfer Starfighter von Söllingen oder Lahr (beides in Baden) aus startete, darüber gibt es widersprüchliche Angaben. Auch die Absturzursache wurde nie öffentlich bekannt.
Bei Haaghof ging der kanadische Absturz vergleichsweise glimpflich aus: Unteraltenbernheim blieb verschont, der Pilot konnte sich retten. An der Absturzstelle im Wald sind längst wieder Bäume nachgewachsen. Die Trümmer landeten sogar im Garten des Forsthauses, weiß der Bad Windsheimer Stadtförster Sven Finnberg noch aus Erzählungen seines Vorgängers Frithjof Ackermann. Vor noch nicht allzu langer Zeit habe jemand mit dem Metalldetektor nach Überbleibseln des „Sargfighters“, wie einer der sarkastischen Spitznamen des Flugzeugs lautete, gesucht – allerdings ohne Erfolg.