Zwei Tage nach der Geldautomaten-Sprengung in Colmberg steht die Polizei wie so häufig in diesen Fällen vor großen Herausforderungen: Von den Tätern fehlt jede Spur, die Ermittlungen dürften schwierig werden. Ein Augenzeugen-Video zeigt den Ablauf der Tat.
Erst ein Knall, dann lautes Stimmengewirr, eine Metallstange klirrt, dann röhrt ein Motor ohrenbetäubend los: Es ist Nacht in Colmberg und stockdunkel, aber die Geräuschkulisse klingt gegen 3.40 Uhr wie auf einer kleinen Baustelle. Im kargen Licht zweier Autoscheinwerfer ist zu sehen, wie mehrere Personen Am Markt rund um die betroffene Sparkassen-Filiale seelenruhig Gegenstände umhertragen. Dann rennen sie hektisch zum wartenden Fluchtwagen.
Am Ende steigen mindestens drei Täter in das dunkle Auto, der Fahrer gibt schon Gas, während der Beifahrer noch nicht einmal richtig sitzt. All das zeigt ein Video von Anwohnern, die während der entscheidenden Momente aus dem Fenster filmten. Das Video wurde anschließend vom Bilderdienst News5 verbreitet.
Es sind Szenen, die sich in dieser Form seit einigen Jahren immer wieder in Deutschland zutragen. Kriminelle Banden, oft organisiert aus den Niederlanden, jagen nachts Geldautomaten in die Luft, greifen die Scheine ab und flüchten mit schnellen Autos in die Anonymität der nahen Autobahn. Zurück bleiben verwüstete Bankfilialen und geschockte Anwohner, die zum Teil direkt über den betroffenen Geschäftsräumen wohnen. Auch in Colmberg mussten Bewohner des Hauses zunächst umziehen. Bankraub mit der gezogenen Pistole war gestern, heute kommen die Täter gleich mit Sprengstoff: mal ein Gasgemisch, mal Paste oder andere explosive Hilfsmittel.
Für die Ermittler sind die Bonnie und Clydes des 21. Jahrhunderts ein Problem. Nicht nur, dass die Verbrecher hochprofessionell dafür ausgebildet werden. Sie stehlen nicht nur große Summen Bargeld, sondern richten auch immense Schäden an. Alleine in Herrieden, wo im Dezember 2024 in einer Sparkasse Sprengstoff detonierte, liegen die Sanierungskosten bei über einer Million Euro.
Die Vorfälle sind auch mengenmäßig zu einer wahren Plage geworden: „Da sind schon mehrere Banden bei uns unterwegs”, sagt Ludwig Waldinger, Pressesprecher des zuständigen Bayerischen Landeskriminalamts. Das Bundeskriminalamt führt seit einigen Jahren ganze Lagebilder zu Angriffen auf Geldautomaten. Demnach stieg die Zahl in Deutschland binnen zehn Jahren von 89 Fällen (2013) auf 461 (2023). Die Gangster schlagen nach Erkenntnissen der Ermittler gerne werktags zwischen 2 und 5 Uhr zu, stammen überwiegend aus den Niederlanden und sind meist jünger als 30 Jahre.
Einen leichten Rückgang der Fälle von 2022 auf 2023 führt die Polizei auf erhöhte Schutzmaßnahmen der Banken und Ermittlungserfolge zurück. Für 2024 liegen noch keine gesammelten Daten vor.
Dass Prävention aber nicht alles ist, zeigt der Fall in Colmberg eindeutig: Obwohl der Automat mit Farbpatronen ausgerüstet war, die das Geld im Fall einer Sprengung unbrauchbar machen, griffen die Täter an.
Warum sie das taten, ist unklar. Ludwig Waldinger hat aber eine mögliche Erklärung: „Das Objekt wird irgendwann ausgespäht und für geeignet befunden.” Das könne am Gebäude liegen, am Automatentyp, an den Fluchtmöglichkeiten oder anderem. Innerhalb der Bande bekomme ein Team dann früher oder später nach der Ausspähaktion den Auftrag zuzuschlagen. „In der Zeit wurde der Automat aber vielleicht schon umgerüstet”, sagt Waldinger. Möglich sei aber auch, „dass die Täter sagen: 'Uns ist das völlig egal'”. Dass sie es also einfach darauf ankommen lassen.
In Colmberg jedenfalls habe die Sicherung funktioniert, sagt der LKA-Sprecher. Die Farbpatronen lösten aus: „Man kann davon ausgehen, dass sehr viele der Scheine mit Farbe markiert sind und damit unbrauchbar wurden.” Zur Höhe der Beute machte Waldinger keine Angaben.
Ob ein Zusammenhang mit der Sprengung in Herrieden oder anderen Taten der letzten Jahre in der Region besteht, sei spekulativ, erklärt er. Dazu müssten Spuren ausgewertet werden. Ein Hinweis könne sein, ob der gleiche Sprengstoff verwendet wurde. Mit Details dazu sei die Polizei aber zurückhaltend, da es sich dabei um Täterwissen handeln könne.