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Veröffentlicht am 11.03.2026 00:08

Wo der Wind ein Fall fürs Museum ist

Triest liegt an der Adria. Vorn das Meer, im Rücken die Berge: ideal für die Bora. (Foto: Wolfgang Stelljes/dpa-tmn)
Triest liegt an der Adria. Vorn das Meer, im Rücken die Berge: ideal für die Bora. (Foto: Wolfgang Stelljes/dpa-tmn)
Triest liegt an der Adria. Vorn das Meer, im Rücken die Berge: ideal für die Bora. (Foto: Wolfgang Stelljes/dpa-tmn)

Es gibt nicht viele Orte in Italien, an denen mehr Kaffee getrunken wird als im „Caffè degli Specchi“, im Volksmund auch das „Wohnzimmer von Triest“. Ein Grund ist sicher, dass der Espresso, der hier „Nero“ heißt und nur einen Euro kostet. Wenn man ihn an der Bar zu sich nimmt, versteht sich.

Einen Teil seiner Kundschaft verdankt das „Café der Spiegel“, wie das zweitälteste Kaffeehaus in der norditalienischen Hafenstadt übersetzt heißt, allerdings auch einem regionalen Naturphänomen: der Bora.

Denn wenn der kalte und trockene Wind aus Ost-Nord-Ost in die Stadt einfällt, dann wähnen sich die Menschen in diesem Café sich: Es liegt mit dem Rücken zur Einfallsrichtung des Windes.

Wer seinen Espresso nicht an der Bar trinkt, sondern etwas tiefer in die Tasche greift, kann von seinem Logenplatz am Fenster aus beobachten, wie die grün-weiß-rote Fahne Italiens am nahen Rathaus steif wie ein Brett im Wind steht. Und wie sich die Menschen auf der Piazza Unità d'Italia, dem zentralen Platz der Stadt, mitunter recht eigentümlich fortbewegen. 

„Wenn man läuft, sieht es aus, als wäre man betrunken“, sagt Sabina Viezzoli, die Naturführerin schlechthin in Sachen Bora. Die Böen dieses berühmt-berüchtigten Windes, den Meteorologen mit Luftdruck- und Temperaturunterschieden zwischen Gebirge und Meer erklären, kommen überraschend.

Halskette als Windanzeiger

Auf Fotos, die Viezzoli bei ihren Führungen zeigt, sieht man umgestürzte Lkw und Trambahnen. Über die Intensität der Bora gibt die Halskette der 50-Jährigen Auskunft, an der 365 kleine farbige Scheiben die Windstärke im Jahreslauf anzeigen: Rot steht für Tage mit besonders starker Bora, Dunkelblau für Tage mit normaler Bora und Hellblau für Tage ohne Bora. Zu Rot und Dunkelblau greift sie vor allem in den Wintermonaten. 

„Wir wissen, welche Straßen sicher sind und welche nicht“, sagt Viezzoli. Sicher sind zum Beispiel die verwinkelten Altstadtgassen. Nicht sicher ist die - der Name lässt es erahnen - Via della Bora. In der Straße hat man eigens ein Geländer angebracht, damit Fußgänger Halt finden. 

Nicht sicher sind auch die Wege am Canal Grande. Rechts und links des Kanals zeugen schmucke Paläste vom Reichtum jener Familien, die zu Habsburger Zeiten den Handel in der Stadt bestimmten. Am Ende dieses Kanals haben Händler ihre Stände mit Obst, Gemüse, Olivenöl und Blumen aufgebaut, auch Schals, Mützen und Schirme werden angeboten.

Was sie von der Bora halten? „Eine Tragödie“, sagt Sandra Stopper, eine Händlerin, „man muss alles mit Seilen sichern.“ Mit eher durchwachsenem Erfolg. Denn es kommt durchaus vor, dass sich die Bora doch etwas aus den Auslagen schnappt. 

Gäbe es nicht die Trinkwasserbrunnen mit dem halbrunden Schutzblech, das verhindern soll, dass dem Durstigen bei Wind das Wasser ins Gesicht klatscht, wäre die Bora für ungeübte Augen im Stadtbild kaum existent. An einer Stelle allerdings ist sie sogar bildlich dargestellt, noch dazu mit dicken Backen: auf einer bronzenen Windrose auf einem Natursteinsockel am Ende der Molo Audace, einem rund 250 Meter langen Kai.

Der Wind aus der Flasche

Auf dieser Windrose sind die für Triest charakteristischen Winde verewigt. Wenn hier die Bora so richtig bläst, dann ragen auf dem Kai nur noch die Poller aus der schäumenden See. Selbst die Barcolana, die größte Segelregatta der Welt, die alljährlich im Oktober im Golf von Triest ausgetragen wird, musste schon abgesagt werden, weil man nicht reihenweise Mast- und Ruderbrüche riskieren wollte.

Man liebt die Bora oder man hasst sie, sagt Sabina Viezzoli. Sie liebt sie, jedenfalls die ersten drei Tage: „Die Bora macht den Kopf frei.“ Einig weiß sie sich mit Rino Lombardi: „Spazierengehen bei Bora ist eine Therapie“, sagt der Mann, der vor gut 25 Jahren begann, ein Bora-Museum aufzubauen. „Kein klassisches Museum“, wie er ausdrücklich betont.

Am Anfang war eine skurrile Idee: Lombardi sammelt Wind in Dosen oder Flaschen. Mehr als 500 Winde aus aller Welt sind inzwischen zusammengekommen. Neben dem Wind im Allgemeinen widmet sich dieses Ein-Raum-Museum der Bora im Speziellen, von der Lombardi sagt, sie sei „eine unsichtbare Institution der Stadt“.

Doch sie hinterlässt Spuren, und die sind im Museum zu sehen, zum Beispiel die Schuhe, von deren Spikes sich der Träger mehr Bodenhaftung erhoffte. Oder die gusseisernen Bügeleisen, die Triestiner Eltern ihren Schulkindern in die Tornister packten – vorsichtshalber. Oder die Seile, die die Stadtverwaltung an besonders gefährlichen Stellen anbringen ließ.

Rekord bei der Windgeschwindigkeit 

Ausgewählte Objekte kann Rino Lombardi seit September 2025 auch an einem weiteren Ort präsentieren: dem „Borarium“ in Opicina, einem Vorort im Norden von Triest. Besucher erfahren, welchen Weg die Bora vom Gebirge bis zur Adria zurücklegt und dass 1954 in Triest eine Windgeschwindigkeit von 171 Kilometern pro Stunde gemessen wurde - bis heute Rekord. Und sie erfahren mittels interaktiv abrufbarer Film- und Tondokumente, wie die Menschen die Bora erleben. „Wir sammeln die Erinnerungen der Leute“, sagt Lombardi.

Sara Parovel aus Bagnoli della Rosandra könnte viele Geschichten erzählen. Wenn die Bora kräftig weht, überlegt sie sich zweimal, ob sie ihr Haus im Val Rosandra verlässt. Das Tal ist eines der großen Einfallstore für die Bora auf dem Weg zur Adria. Und Bagnoli della Rosandra „ist der windigste Ort im Tal“, sagt Sara Parovel.

Als sie zwei Jahre alt war, wurde sie von einer Böe erfasst und purzelte „wie ein Ball“ über den Boden. Die Bora hat auch schon mal das Dach ihrer „Cantina“ abgetragen und einen schweren Holztisch durch die Luft befördert. Auf diesem Holztisch serviert Parovel Besuchern eine Vesperplatte, wenn nicht gerade die Bora tobt. Käse und Schinken bilden die Grundlage für die Verkostung der Weine und Olivenöle, die die Familie produziert. 6.000 Olivenbäume besitzen die Parovels, manche sind über 100 Jahre alt. Viele neigen sich Richtung Südwesten, Richtung Adria. 

Hier reifen „Bianchera“-Oliven heran, deren Öl viele Polyphenole enthält und eher scharf und bitter schmeckt, jedenfalls für deutsche Zungen. Denn das Anbaugebiet, das zu den nördlichsten in Europa zählt, verfügt über ein ganz besonderes Mikroklima. Ihre ausgezeichnete Qualität verdanken die Oliven: auch der Bora.

Links, Tipps, Praktisches:

Anreise: Per Flieger direkt nach Triest von den Flughäfen Berlin und Frankfurt, alternativ von anderen Flughäfen mit Zwischenstopp. Oder aber Direktflug nach Venedig und dann weiter mit der Bahn nach Triest. Mit der Bahn aus Deutschland entweder über München und Verona oder über Wien und Villach. Die Anreise mit dem Auto führt meist über München und durch Österreich (Mautgebühren). 

Rund um die Bora: Sabina Viezzolis informative Führungen dauern etwa zwei Stunden und kosten 200 Euro, wenn bis zu zehn Personen teilnehmen. Für bis zu drei Teilnehmer kostet der Bora-Spaziergang pauschal 150 Euro (guidabora.it). Der Einritt ins Bora-Museum in Opicina (museobora.org) ist frei; Besuchstermine muss man vereinbaren: museobora@iol.it.

Weiterführende Informationen: discover-trieste.it; turismofvg.it

© dpa-infocom, dpa:260310-930-798725/1


Von dpa
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