„Japandi“: Hinter diesem Begriff verbirgt sich weder Teesorte noch Sushikreation. Die Wortschöpfung, die sich, so schreibt es das Fachmagazin „AD Architectural Digest“ aus den Wörtern Japan und Skandinavien zusammensetzt, bezeichnet die Kombination von japanischen und skandinavischen Design-Philosophien.
Doch wie sieht das eigentlich aus? Und wie lässt sich der Wohntrend im eigenen Zuhause umsetzen? Interior Designer Boris Bandyopadhyay und Professor Moritz Schloten vom Fachbereich Design der Akademie Mode & Design (AMD) erklären, was es mit „Japandi“ auf sich hat.
Ein bisschen Wabi-Sabi hier, ein bisschen Hygge dort - und schon hat man „Japandi“? Wem jetzt die Ohren klingeln, der darf sich entspannen, denn ganz so kompliziert ist der Wohntrend gar nicht. „Wir sind hier im minimalistischen Einrichtungsstil und das Hauptaugenmerk beim Japandi-Stil liegt meiner Meinung nach auf dem sehr sensiblen Umgang mit Raum“, sagt Moritz Schloten.
Wenige Einrichtungsgegenstände und viele bewusst gesetzte Zwischenräume nennt Schloten als Merkmale von „Japandi“. Aber auch die Einbindung von natürlichen Farben, Materialien und Oberflächen lassen sich als solche ausmachen, sagt Interior Designer Boris Bandyopadhyay. „Die Idee dahinter ist, auch im Innenraum die menschlichen Sinne anzusprechen, etwa über eine gewisse Rauigkeit, ein Muster oder Relief.“ Und auch das Spiel aus Licht und Schatten ist typisch für „Japandi“.
Der Wohntrend hat übrigens auch seine Vorteile fürs Wohngefühl: Die Natur wieder stärker in den Wohnraum zu holen, wirke beruhigend und gebe uns ein „menschlicheres“ Gefühl, schließlich seien wir auch ein Teil der Natur, so Bandyopadhyay.
Die Verbindung von japanischen und skandinavischen Gestaltungsideen ist gar nicht so neu, wie sie scheinen mag. Bereits im 19. Jahrhundert hätten sich viele dänische Einrichter sehr stark an der japanischen Kultur orientiert, sagt Moritz Schloten. Gemein hätten beide Kulturen eine hohe Handwerklichkeit und den sensiblen Umgang mit Materialien. „Da die skandinavischen Länder nicht besonders reich waren, ist man mit dem Material sehr bewusst umgegangen. In Japan gab es eine ähnliche Bewegung, auch wenn sie schon viel früher begann“, so Moritz Schloten.
Wer auf natürliche Materialien setzt, geht immer auch das Risiko ein, dass diese unperfekt sind. Das sei eine Ästhetik, die gerade im japanischen Raum regelrecht zelebriert werde, erklärt Boris Bandyopadhyay.
Und noch eine Parallele sieht der Innenraum-Designer: den Umgang mit Licht und vor allem Schatten. Weil japanische Häuser aufgrund großer Dachüberstände traditionell einen eher dunklen Innenraum hatten, habe sich das Dunkle und Geheimnisvolle zu einem festen Bestandteil der japanischen Ästhetik entwickelt. „Auch das skandinavische Hygge-Konzept arbeitet mit warmen Licht-Akzenten, etwa durch Kerzen, um Gemütlichkeit zu erzeugen.“
Das könnte, da sind sich die Experten einig, mit der tendenziellen Reizüberflutung in unserem alltäglichen Leben zusammenhängen. „Unser Lebensalltag ist oft auf glatte Arbeitsplatten, Bildschirmoberflächen und eine Kommunikation auf Distanz ausgerichtet“, sagt Boris Bandyopadhyay. „Unser Wohnumfeld dann minimalistischer, wärmer und naturverbundener zu gestalten, ist, glaube ich, eine der Sehnsüchte, die in der Vergangenheit immer stärker geworden ist.“
Auch Moritz Schloten vermutet den Wunsch nach Ruhepolen und Reduktion hinter der Popularität des „Japandi“-Stils. „Gerade sind wir ganz oben auf der Trendwelle des reduzierten Einrichtens. Aber es gibt auch schon wieder Gegenbewegungen, hin zu einer zurückhaltenden Opulenz.“
„Ein erster Schritt wäre, sich den Raum anzugucken und zu schauen, was einem daran wichtig ist“, so Schloten. Vielleicht soll die alte Kommode bestehen bleiben, vieles andere aber weg? „Man sollte erst mal Raum schaffen und sich auf das konzentrieren, was man erhalten möchte. Danach kann man überlegen, wie man den Charakter des Raums noch stärken kann.“
Dafür bietet sich das Spiel mit erdigen oder pastelligen Farbtönen an, rät Bandyopadhyay. Auch Textilien mit unterschiedlichen Strukturen und der bewusste Einsatz verschiedener warmer Lichtquellen statt dem einen großen, hellen Deckenfluter können der Wohnung den gewünschten „Japandi“-Touch geben. Für eine erste Inspiration lassen sich auch KI-Apps nutzen: Fotos des eigenen Zimmers lassen sich hier bisweilen hochladen und der Raum dann virtuell nach verschiedenen Stilen umgestalten.
Sich zu sehr von Vorlagen einnehmen zu lassen, hält Moritz Schloten aber für einen Fehler. „Man sollte sich erst mit der Thematik beschäftigen und dann in den eigenen Raum schauen.“ Die Gestaltung habe immer etwas mit dem Ort zu tun, an dem man ist. Kopiere man nur andere Räume, nehme man die Gestaltung nicht ernst und laufe Gefahr, dass das Wohnzimmer am Ende aufgesetzt aussehe.
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