Die Jubelbilder vom „Wunder von Lille“ benötigen Deutschlands Handballer als Einstimmung auf das Endspiel ums EM-Halbfinale nicht. „Ich werde mir das Video nicht noch einmal angucken. Das war ein ganz anderes Spiel“, sagte Olympia-Held Renars Uscins vor dem entscheidenden Hauptrundenduell mit Europameister Frankreich am Mittwoch (18.00 Uhr/ZDF/Dyn) in Herning.
Knapp eineinhalb Jahre nach dem Handball-Thriller im Olympia-Viertelfinale, der aufgrund seines dramatischen Verlaufs und unglaublichen Happy Ends für die DHB-Auswahl längst Legendenstatus hat, kommt es erneut zum Showdown. „Das wird ein heißer Tanz, auf den sich alle freuen können“, prophezeite Uscins und versprach: „Wir gehen die Aufgabe mit viel Mut an und werden mit breiter Brust Vollgas geben.“
Die Ausgangslage ist klar: Schon ein Remis reicht der deutschen Mannschaft zum Einzug ins Halbfinale, der den Traum von der ersten EM-Medaille seit dem Gold-Triumph vor zehn Jahren am Leben halten würde. Bei einer Niederlage spielt das DHB-Team am Freitag nur um Platz fünf. „Wir können alles gewinnen oder alles verlieren“, sagte Rückraumspieler Nils Lichtlein.
Um die Köpfe für den Medaillenkampf schnell freizubekommen, hakten Bundestrainer Alfred Gislason und seine Schützlinge das 26:31 gegen Weltmeister und Olympiasieger Dänemark schon wenige Minuten nach dem Schlusspfiff ab. „Es ist schade, dass wir den ersten Matchball nicht nutzen konnten. Aber es bringt nichts, nach hinten zu schauen“, sagte Torwart David Späth und kündigte an: „Wir werden gegen Frankreich alles reinhauen.“
Die Zuversicht ist groß, wie bei Olympia gegen den Rekord-Weltmeister bestehen zu können. „Wir sind voll im Turnier und haben jetzt eine riesige Chance. Wenn uns jemand vor dem letzten Hauptrundenspiel gesagt hätte, dass wir eine bessere Ausgangslage als Frankreich haben, hätten wir das genommen. Darauf freuen wir uns“, sagte Spielmacher Juri Knorr.
Gislason glaubt an die Stärke seiner Mannschaft, die im Turnier bisher noch gar nicht an ihr Limit gekommen ist. „Die Abwehr ist sehr gut und eine Bank, dazu haben wir zwei Weltklasse-Torhüter und können die Breite im Kader nutzen“, zählte der 66 Jahre alte Isländer die positiven Erkenntnisse aus den bisherigen Spielen auf. Der unbedingte Wille ist ohnehin da, wie Rückraumspieler Marko Grgic bekräftigte: „Wir werden alle acht Millionen Prozent dafür geben, dass wir ins Halbfinale kommen.“
So wie bei den Sommerspielen 2024. Da lag die DHB-Auswahl sechs Sekunden vor dem Ende der regulären Spielzeit mit einem Tor hinten - bei Ballbesitz Frankreich. Der Rest ist Sportgeschichte. Julian Köster fing den Anwurf von Frankreich-Star Dika Mem ab, bediente Uscins, und der traf zum Ausgleich. In der Verlängerung hatte Deutschland das bessere Ende für sich und holte später Silber.
„Vielleicht spielt das 'Wunder von Lille' in den Köpfen beider Mannschaften eine Rolle. Allerdings ist es auch schon ein bisschen her. Uns gibt es zumindest ein gutes Gefühl, dass wir sie da geschlagen haben“, sagte Knorr im Rückblick. Und Uscins, der damals 14 Tore erzielte, ergänzte: „Natürlich erinnert man sich an das Spiel. Aber das wird so nicht noch einmal vorkommen.“
Statt in Erinnerungen zu schwelgen, müsse man sich auf die Gegenwart konzentrieren. „Für uns ist das ein Viertelfinale. Aber nicht, weil wir bei Olympia gegen Frankreich im Viertelfinale waren, sondern weil es die Brisanz eines Alles-oder-nichts-Spiels einfach sichtbarer macht“, sagte der 23-Jährige und appellierte: „Wir brauchen 60 Minuten lang Kampf und Glauben.“
Auf ein Remis zocken will das DHB-Team dabei nicht. „Dass ein Unentschieden reicht, ist natürlich im Kopf, falls es am Schluss zu so einem Szenario kommt. Aber im Endeffekt bedeutet es nur, dass wir eine gute Ausgangsposition haben“, sagte Knorr. Torwart Späth bekräftigte: „Für uns ist die Ausgangslage recht einfach zu definieren: Wir werden nicht auf ein Unentschieden pokern, sondern auf Sieg spielen.“
Zwar gilt Frankreich neben Dänemark als heißester Gold-Anwärter, seinen Schrecken hat der Titelverteidiger aber spätestens bei der überraschenden 32:36-Pleite gegen Spanien verloren. „Wir wissen, die Franzosen sind nicht übermenschlich, sondern schlagbar“, sagte Knorr und fügte hinzu: „Wir haben die Chance, etwas Großes zu erreichen.“
Damit das gelingt, müsse die Mannschaft „extrem motiviert und ohne Angst“ auftreten, forderte Gislason: „Das ist ein Endspiel ums Halbfinale. Davon haben wir vor dem Turnier immer wieder gesprochen. Nun ist es genauso gekommen. Das haben wir uns erhofft.“
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