Zwischen Linden und Kastanien: Ein Park für Pferde-Senioren | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 21.06.2024 18:30

Zwischen Linden und Kastanien: Ein Park für Pferde-Senioren

Das „Virus Pferd“ ließ Rita Schieber nicht mehr los. (Foto: Johannes Zimmermann)
Das „Virus Pferd“ ließ Rita Schieber nicht mehr los. (Foto: Johannes Zimmermann)
Das „Virus Pferd“ ließ Rita Schieber nicht mehr los. (Foto: Johannes Zimmermann)

Eigentlich ist Rita Schieber Übersetzerin für Englisch, Französisch und Italienisch. Sie arbeitete viele Jahre auf einem Kreuzfahrtschiff, war Weltenbummlerin. Doch das „Virus Pferd“ ließ die Wahl-Wallmersbacherin nie los. In dem Uffenheimer Ortsteil eröffnete sie einen Dressurstall. „Im November werden es 18 Jahre und ich möchte keinen Tag missen.“

Ein bisschen versteckt und abseits der Wallmersbacher Hauptstraße liegt das Domizil von Rita Schieber. Das Anwesen wird gerne auch Kastanienhof genannt. Wieso? Die Pferde-Freundin lacht. Den Hof bereichern drei uralte Kastanienbäume, neben den Koppeln stehen 20 weitere Exemplare in Reihe. „Wenn die blühen, ist das der Hammer.“ Daneben wachsen meterhohe Rosen, 100 Jahre alte Lindenbäume und Vögel zwitschern. „Schließen Sie mal die Augen“, bittet Schieber. „Hören Sie das. Wenn Sie es nicht wüssten, würden Sie denken, Sie stehen im Park.“

Quereinsteigerin mit eigenem Konzept

Parkähnlich ist das gesamte Areal angelegt. Rita Schieber pflegt ohnehin ihren eigenen Ansatz. Ihr Wallmersbacher Stall ist eher Seniorenresidenz und Urlaubsziel für Pferde. 17 Innenboxen reihen sich im Stall aneinander. Viele ihrer Schützlinge können durch das Fenster direkt ins Grüne schauen. Immer wieder recken sich Köpfe durch die Luken. War das ein Pferdegrinsen?

Sattelkammer, Wasch- und Putzplatz und sogar ein Solarium finden sich im Gebäude. Der riesige Vorteil vom Hof: „Wir kommen trockenen Fußes vom Stall in die Halle.“ Die Reithalle, 20 auf 60 Meter, lichtdurchflutet, ein Pferdetraum auf Sand. „Dafür beneiden uns viele.“ Eine Beregnungsanlage sorgt für die nötige Feuchtigkeit. In drei Spiegeln können sich die Dressurreiter selbst beobachten und gegebenenfalls ihre Haltung korrigieren.

Wenn Rita Schieber all das erzählt, spürt man ihr inneres Glück. Doch um das zu finden, stolperte die Übersetzerin nicht nur über einen Stein. „Wir hatten vier Jahre eine Reithalle im Ries bei Nördlingen gepachtet.“ Dahinter stand ein Verein, die Absprachen seien kompliziert gewesen. „Es wollten einfach zu viele Leute mitreden.“ Deshalb betreibt Schieber den Wallmersbacher Dressurstall nun privat.

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Auf bundesweiter Gebäudesuche

Ihr Metier ist die Ausbildung von Pferd und Reiter, sie gibt auch auswärts Lehrgänge und Reitstunden, hilft Besitzern beim Kauf und Verkauf von Pferden, auch international, und hat alle nötigen Ausbildungen nachgeholt – und das Geschäftsmodell funktioniert, das lehrten Schieber die Nördlingen-Jahre. Sie wollte als absolute Quereinsteigerin dem Pferde-Business treu bleiben, nur an einem anderen Ort und in Privatbesitz.

Bundesweit machte sich Rita Schieber auf die Suche nach einem passenden Objekt mit Reithalle. Aber entweder hatten die Ställe mehr als 40 Boxen – „das ist mir zu groß, zu viel Verantwortung“ – oder es passte einfach nicht. Mitte der 2000er setzte dann ein schwerer Reitunfall Rita Schieber außer Gefecht: „Ich lag lange Zeit im Krankenhaus“. Dort machte sie ein Bekannter auf ein Areal im Raum Uffenheim aufmerksam, nicht so weit entfernt von Nördlingen. Schieber nahm all ihre Kräfte zusammen und machte sich auf den Weg nach Wallmersbach.

Was sie dort sah, war nicht unbedingt Liebe auf den ersten Blick. „Alles war zugewachsen.“ Alte Hindernisse vergammelten im Gebüsch. „Es wirkte auf mich wie im Dornröschenschlaf“, sagt Schieber. Alles vermoost, alles verlassen. Aber der Charme des Gebäudes hatte Anziehungskraft – der Baumbestand, die Reithalle. „Heutzutage dafür noch eine Baugenehmigung zu bekommen, ist nahezu unmöglich.“ Sie entschied sich dafür – vor knapp 18 Jahren. „Zum Glück.“

Denn Rita Schieber liebt ihre Wahlheimat wirklich sehr. Die Ruhe, ihren Park. Gemeinsam mit ihrer Stallmanagerin betreibt sie den Dressurstall. „Was will ein Pferd? Was braucht es?“ Die Antworten auf diese Fragen sind Schiebers tägliches Lebenselixier, ihre Passion. Und so arg viel scheint die Wallmersbacherin jedenfalls nicht falsch gemacht zu haben: „Ich habe nicht umsonst so viele Senioren.“

Hof-Opi Felix, Rita Schiebers früheres Sportpferd, ist mittlerweile ein Methusalem, zählt stolze 32 Jahre. Schieber pfeift, Felix kommt um die Ecke gerannt. Nur Zahnprobleme plagen ihn, aber mit eingeweichtem Futter ist das kein Problem.

Die Ruhe und Tiere als Lebenselixier

Die Ruhe, die Regelmäßigkeit im Tagesablauf, die Ausstattung auch mit Außenreitplatz und das ganzjährige Draußensein, das gefällt den Pferden, ist Schieber überzeugt. „Viel Licht, Luft und Bewegung.“ Manche Besitzer bringen ihre Tiere – mit den Worten: „Frau Schieber, bieten Sie unserem – hier beliebigen Namen einfügen – einen schönen Ruhestand.“ Das lässt sich die Wallmersbacherin nicht zweimal sagen. Viele kommen auch eigens mit ihrem Pferd für Reitstunden vorbei. Zehn bis zwölf Schützlinge sind „der harte Kern“, die restlichen fünf Plätze sind für Urlaubsbetreuungen oder generell weitere Pferde vorgesehen. „Ich will keine Masse. Ich will individuell auf jedes Tier eingehen können.“ Derzeit sind auch noch Boxen frei.

Vor allem Reiter-Wiedereinsteiger und passionierte Hobbyreiter zählen zu Schiebers Kundschaft. Sie haben Spaß und genießen ihren Feierabend hoch zu Ross, nicht alle wollen den großen Pferde-Grand-Prix gewinnen. Hauptsache möglichst ungefährlich, Hauptsache gesund wieder zu Hause ankommen. „Ich bin nicht der klassische Profi, ich bin eher Idealist“, sagt Schieber. Immer auf das Wohl des Pferdes bedacht. Und das scheint zu funktionieren: „Wir sehen den Tierarzt Gott sei dank nicht so häufig.“

Die Hofbesitzerin deutet in die Luft. Ein Roter Milan kreist. „Sie nisten gerne in den Kiefern.“ Im Park vom Hof gibt es sie eben noch, Ruhe, Artenvielfalt – und uralte Kastanien.

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