27-Jährige Hebamme wechselt in ein Geburtshaus nach Indien | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 12.02.2024 10:00

27-Jährige Hebamme wechselt in ein Geburtshaus nach Indien

„Jeevalaya Birthing Home“, so wird das neu gebaute Geburtshaus im Süden Indiens genannt, in dem Anorthe Münz demnächst arbeiten wird. Für die Hebamme geht damit ein Traum in Erfüllung – aber sie sieht darin auch große Chancen für das Land und die Hebammenarbeit.

Anorthe Münz ist 27 Jahre alt und Hebamme im Geburtshaus in Meinhardswinden. Noch – denn in weniger als drei Wochen geht ihr Flug nach Indien. In Coimbatore will sie mindestens ein Jahr lang im Birthing Home arbeiten.

Die ganze Geschichte startete im vergangenen Juni. Da hat sie eine Freundin auf das Projekt aufmerksam gemacht. Im August war Münz dann zwei Wochen vor Ort, um sich das Haus anzusehen – damals noch im Aufbau. Nun geht es los für die junge Hebamme, die im allerersten Jahrgang des Hebammenstudiums ausgebildet wurde. „Es ist ein Traum, der in Erfüllung geht, dass ich den Schritt wage, ins Ausland zu gehen.“

Keine vergleichbare Ausbildung zur Hebamme in Indien

Im Birthing Home will Anorthe Münz aber nicht nur ihre eigenen Ansichten aus der deutschen Ausbildung einbringen, sondern vielleicht auch eine eigene Art der Hebammenarbeit für die Leute dort mitentwickeln. Denn: In Indien gibt es bisher keine vergleichbare Ausbildung zur Hebamme. Geburten werden in Krankenhäusern meist von Krankenschwestern und mit ärztlicher Unterstützung durchgeführt.

Dies führt laut Münz dazu, dass bei der kleinsten Abweichung direkt ein Kaiserschnitt vorgenommen wird. „Die Gesellschaft verlernt zu gebären“, sagt sie. Die Rate der Kaiserschnitte liegt in Indien bei etwa 70 Prozent, hierzulande bei etwa 30 Prozent. Geburtshäuser gibt es in Indien maximal eine Handvoll, sagt Münz. Doch die wären bitter nötig, denn „Schwangere werden in Indien noch schlechter behandelt als Frauen eh schon“. Sie seien bei den Geburten auf sich allein gestellt und ohne Begleitung bei der Entbindung. Berichten zufolge werden viele Frauen sogar angeschrien, auch werden sie zu wenig informiert; die Müttersterblichkeit in Indien ist hoch.

Münz will mit ihrem Team – das aktuell noch aus zwei weiteren Hebammen aus Amerika und zwei Krankenschwestern aus Indien besteht – zeigen, „dass eine Geburt nicht nur schlimm, sondern auch eine bestärkende Erfahrung sein kann“.

Die Zeit in Indien läuft bei der 27-Jährigen als eine Art Sabbatjahr. Ob sie danach noch länger bleibt, ist aktuell nicht klar. Die Arbeit wird sich wahrscheinlich eher wie eine „Gesellschaftsarbeit“ anfühlen, sagt sie, da „die Schwiegerfamilien dort quasi mitgebären“.

Das Land kennt Anorthe Münz bereits. Während ihrer Ausbildung zur Hebamme hat sie im Norden Indiens bereits fünf Monate gearbeitet und die Situation kennengelernt. Die Hebammenarbeit sei ziemlich veraltet und „nicht so evidenzbasiert“. Wer als Hebamme arbeiten möchte, wird als „Nurse“ oder „Midwife“ ausgebildet. Die eigentlichen Kenntnisse als Geburtshelferin seien nur ziemlich oberflächlich.

Weibliche Föten werden oft abgetrieben

Auch die Abtreibungsrate ist in Indien sehr hoch, weiß Münz. Weibliche Föten würden oftmals abgetrieben. Viele Schwangerschaften seien zudem durch Vergewaltigungen entstanden. Auch deshalb ist es ihr ein Anliegen, den Gebärenden im Birthing Home eine empathische Betreuung bei der Entbindung zu gewährleisten. Und auch die Partner der Frauen können dort – im Gegensatz zum Krankenhaus – dabei sein.

Die Situation in Indien stört auch das deutsch-indische Paar Johanna und Simon Durairaj. Sie wollen den Ungehörten in Indien eine Stimme geben und haben bereits ein Frauenhaus und ein Altenheim eröffnet. Das Paar ist auch der Initiator des neuen Birthing Home, in dem Anorthe Münz arbeiten wird. Das Geburtshaus ist komplett spendenbasiert.

Das Ziel des Projekts wird nicht nur die Betreuung der Schwangeren sein, sondern auf Dauer vielleicht auch, indische Hebammen auszubilden, so Münz. Denn: „Jede Familie hat es verdient, eine wundervolle Geburt zu haben.“ Einzelne Krankenhäuser in Indien würden bereits Hebammen ausbilden, sagt Münz. Da seien auch deutliche Verbesserungen zu spüren. So sei dort beispielsweise ein verminderter Einsatz an Schmerzmitteln vermeldet worden.

Anorthe Münz selbst freut sich auf die Zeit in Indien. Und auch darauf, vom Wissen ihrer erfahrenen Kolleginnen aus Amerika zu profitieren. In der Arbeit in Indien sieht sie aber auch eine Chance. „Man kann einen neuen Gedanken in die Köpfe pflanzen“, sagt sie, „vielleicht wird dadurch auch etwas angestoßen“.

Über ihre Zeit in Indien wird Anorthe Münz auch auf ihrem Blog unter midvision.weebly.com berichten. Hier gibt es weitere Informationen zum Projekt.

Für Hebamme Anorthe Münz beginnt am 3. März ein großes Abenteuer. (Foto: Anna Beigel)
Für Hebamme Anorthe Münz beginnt am 3. März ein großes Abenteuer. (Foto: Anna Beigel)
Für Hebamme Anorthe Münz beginnt am 3. März ein großes Abenteuer. (Foto: Anna Beigel)
Das neue Birthing Home in Coimbatore, Indien. (Foto: Anorthe Münz)
Das neue Birthing Home in Coimbatore, Indien. (Foto: Anorthe Münz)
Das neue Birthing Home in Coimbatore, Indien. (Foto: Anorthe Münz)

Anna Beigel
Anna Beigel
Redakteurin in Ansbach
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