Chatbots schreiben Anschreiben, optimieren den Lebenslauf in Sekundenschnelle und verfassen gleich noch eine stimmige Mail an den potenziellen neuen Arbeitgeber: Das klingt im ersten Moment nach Zeitersparnis. Doch wer KI-Chatbots bei der Jobsuche nur als „bessere Schreibmaschine“ nutzt, verschenkt ihr größtes Potenzial, so Karrierecoach Silke Grotegut.
Sie hat zusammen mit Berater, Speaker und KI-Experte Marcel Zimmermann ein Buch zum Thema verfasst („Mit KI zum Karrieresprung“) und erklärt, welche Fehler Sie besser vermeiden, wenn Sie KI im Bewerbungsprozess einsetzen und wie Sie die „Magie der KI“ zu Ihrem Vorteil nutzen.
Der wichtigste Schritt bei der Jobsuche passiert noch vor dem ersten Prompt und bildet die Grundlage für eine gute Interaktion mit der KI. „Der größte Fehler ist oft, dass Bewerberinnen und Bewerber sich entweder keine oder nur wenig Zeit dafür nehmen, sich zu fragen, wohin sie eigentlich wollen und was sie einem potenziellen Arbeitgeber zu bieten haben“, sagt Silke Grotegut.
Wer bin ich? Was kann ich? Was will ich? Bleibt diese Reflexion eigener Ziele, Stärken und Werte aus, beeinflusst das auch die Chancen auf eine neue Stelle. „Das zieht sich dann als Mangel über den gesamten Bewerbungsprozess“, so Grotegut.
Die gute Nachricht: Auch für diese Reflexionsphase kann man sich von der KI unterstützen lassen - wenn man weiß, wie. „Wenn ich die KI etwa mit meinen beruflichen Erfolgen und Stärken füttere, kann sie mir zum Beispiel helfen, pointierte Aussagen über mich und meine Kompetenzen zu machen.“ Ein wichtiger Schritt, bevor man sich ans Anschreiben oder den Lebenslauf macht.
Grundsätzlich gilt: Wer der KI wenig gibt, bekommt in der Regel auch wenig zurück. Grotegut hat dafür ein Bild gefunden, das vielen Bewerbern einleuchtet: „Wenn ich einen Vertreter von mir in ein Bewerbungsgespräch schicken würde, würde der nur so gut performen, wie er vorher von mir gebrieft wurde.“
Analog gilt für die KI: Je mehr berufliche Details man einem Chatbot mitteilt, desto besser kann eine mithilfe der KI erstellte Bewerbung die eigene Persönlichkeit widerspiegeln.
In ihrer Praxis als Coach sieht sie das Problem regelmäßig: Klienten kommen mit fertigen Unterlagen. Nach Prüfung durch die Coachin aber steht schnell fest: „Das müssen wir noch mal von vorne machen, weil sie sich noch nicht damit beschäftigt haben, wie man aus einer KI auch wirklich gute Ergebnisse herausholt.“
Wer alles in einem einzigen Chatfenster des Chatbots erledigt, macht einen gängigen Fehler. Groteguts Empfehlung: „Es ist total wichtig, unterschiedliche Chats aufzusetzen und darin spezialisierte Personas zu entwickeln, die einen unterstützen.“
Konkret bedeutet das: ein eigener Agent für den Lebenslauf, einer für Unternehmensrecherche, einer für die Vorbereitung auf das Vorstellungsgespräch und so weiter.
So lasse sich der KI eine spezifischere Rolle für eine bestimmte Aufgabe zuweisen. Etwa so: „Du bist ein erfahrener Bewerbungscoach mit vielen Jahren Berufserfahrung als Recruiter. Du hast bei top Outplacementberatungen gearbeitet und kennst die Anforderungen von Headhuntern und Recruitern.“ Wer dem jeweiligen Chatbot genau mitteilt, welcher Erfahrungshintergrund erwünscht ist, bekommt in der Regel deutlich bessere Ergebnisse.
Grotegut macht deutlich: „Wenn ich der KI einfach nur sage 'Schreib mir ein schönes Anschreiben, hier ist die Ausschreibung‘, nutze ich die Magie, die KI liefert, überhaupt nicht aus.“
Stattdessen empfiehlt sie, in den Dialog zu gehen, und veranschaulicht das an einem Beispiel. Als Eingangsfrage etwa können Menschen auf Jobsuche eine interessante Stellenanzeige mit der KI teilen und fragen: „Ich möchte mich bei dieser Firma bewerben, hier ist mein CV. Passt das Unternehmen zu mir? Was spricht dafür, was dagegen? Worauf sollte ich achten?“
Wenn die KI weiß, was einem persönlich wichtig ist und welche Karrierepläne man verfolgt, könne sie Aussagen dazu machen, wo es gute Passungen zum Arbeitgeber gibt und wo eher nicht. Als Sparringspartner könne die KI Fragen stellen, die weiterführende Erkenntnisse bringen oder auf blinde Flecken oder Fehler hinweisen, die Bewerberinnen und Bewerber in ihrer Jobsuche zurückhalten.
250 Bewerbungen auf eine einzige ausgeschriebene Stelle – das ist laut Grotegut heute keine Seltenheit mehr. Personalentscheider haben heute in der Regel deutlich mehr auf dem Schreibtisch als in Zeiten, in denen KI noch nicht in der Masse genutzt wurde.
Das Problem: Viele dieser Unterlagen klingen gleich und - dank KI - auch gleich gut. Das macht es besonders schwer, aus der Masse hervorzustechen und als Bewerberin und Bewerber zu überzeugen. Grotegut empfiehlt daher besonders darauf zu achten, als Person sichtbar zu werden. Wer in der Bewerbung etwas Persönliches von sich erzählt, konkrete Beispiele liefert und individuell auf das Gegenüber eingeht, habe einen Vorteil gegenüber all jenen, deren Unterlagen wie austauschbare Standardtexte wirken.
Grotegut erinnert an eine Grundregel. „Die KI kann mir Vorschläge machen, aber das Persönliche – das muss auf jeden Fall ich noch liefern.“ Sobald bei Recruitern der Eindruck entstehe, ein Schreiben sei ein Massenanschreiben und nicht individuell adressiert, sinke die Chance, überhaupt berücksichtigt zu werden, sagt die ehemalige Personalerin.
Nicht zuletzt sollte man Grotegut zufolge immer den Grundsatz „Human in the Loop“ befolgen. Heißt: Ohne menschliche Kontrolle geht es nicht. „Die KI kann etwas vorschlagen, aber es ist meine Aufgabe, das gegenzulesen und freizugeben.“
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