„Jemand hat einen Vogel”, sagte man früher, wenn jemand ein bisschen verrückt war. Ein bisschen verrückt muss man auch sein, um das zu tun, was Maria Auer und ihr Sohn Danilo Batz in der Greifvogelauffangstation im Sugenheimer Ortsteil Krautostheim machen. 107 Vögel betreuten sie allein den Juli über.
107 Vögel, das bedeutet, dass die Mittfünfzigerin mittlerweile in den Wohnwagen umgezogen ist, der für die jüngsten und pflegebedürftigsten Schützlinge umfunktioniert wurde. Ein junger Greifvogel muss alle zwei Stunden gefüttert werden, ein junger Singvogel zwischen Sonnenauf- und -untergang sogar alle 30 bis 60 Minuten.
Ist ein Vogel sehr geschwächt, dann muss er ganz behutsam wieder an Nahrung gewöhnt werden: Er bekommt Infusionen unter die Haut, dann Tröpfcheninfusionen mit Nährstoffen – auch nachts. Aufsehen erregte die Auffangstation aber nicht allein mit Greifvögeln: Die aufwendige Rettung der Bad Windsheimer Schwanenbabys sorgte für Schlagzeilen.
Deren Eltern lagen tot auf den Gleisen. Auer glaubt bis heute nicht an einen natürlichen Tod. Sie zeigt ein Foto, auf dem man die Elternvögel quer über den Schienen liegen sieht und das tatsächlich inszeniert wirkt. Aber (bereits tote?) Schwäne auf Gleise drapieren, damit sie überfahren werden: Wer macht denn sowas?
Die Jungvögel jedenfalls haben sich erst einmal kräftig gegen ihre Rettung gesträubt. Am Anfang waren Maria Auer und Danilo Batz auf ihrer Suche dabei noch fast Einzeltäter, am Schluss war ein großer Trupp samt zweier Wasserwachten und der Wildtierhilfe Mittelfranken im Einsatz. Nach drei Tagen gelang die Bergung.
Im „Palmenhorst” – früher hatte Maria Auer eine Gärtnerei für mediterrane Pflanzen, deshalb der Name – wurden sie aufgepäppelt und waren zuerst auch ganz zufrieden mit ihrem „Weiher”, einer Schwimmmuschel im Garten. Inzwischen sind sie größer geworden, die Muschel wurde zu flach, aber in die Freiheit entlassen kann man sie noch nicht. „Wir waren heilfroh, dass wir einen guten Platz auf einem Einsiedlerhof gefunden haben.” Dort gibt es ein eingefriedetes Grundstück mit einem Bachlauf und einem künstlich angelegten Weiher. Die Frau, die dort wohnt, möchte aber nicht öffentlich in Erscheinung treten.
Die Schwäne sollen irgendwann in die Aisch schwimmen und sich ihr eigenes Revier suchen. Bilder zeigen, dass sie mittlerweile schon eine jugendliche Gang bilden. In Krautostheim gibt es aber noch genug andere Sorgenkinder. In der Quarantänestation, einem umgebauten Wohnwagen, werden die Jüngsten oder Kränksten gefüttert und gewärmt. Eine sehr zehrende Aufgabe für die Vogelmama Maria Auer.
Um zu verstehen, was für sie und ihren Sohn die Vögel bedeuten, muss man ihren persönlichen Hintergrund kennen. Maria Auer hatte einen Schlaganfall. „Mein Traum war es, irgendwann mal wieder unseren Uhu auf dem Arm halten zu können.” Das war das Ziel, das sie antrieb, als ihre eine Körperhälfte noch nicht wieder auf Befehle aus dem Gehirn hörte. Und: Sie schaffte es. Auch Danilo Batz sieht die Vögel als Rettung: Er hatte einen Burn-out, jetzt kuschelt und neckt er sich mit dem sibirischen Uhu Sirius, dass man das Gefühl hat, die beiden wären dicke Freunde.
Maria Auer und Danilo Batz haben eine Falknerei mit 13 eigenen Tieren. Daneben gibt es die Auffangstation für Greifvögel und Eulen, den Verein Greifvogelschutz Palmenhorst. Die Arbeit dort nimmt stetig zu: Im ganzen vergangenen Jahr wurden 189 Vögel aufgenommen. Heuer sind es bereits 322.
Die Ursachen? Maria Auer und ihr Sohn gingen mit der Wärmebildkamera hinaus und stellten fest, dass es zu wenig Mäuse gibt. Sie gehen von einem großen Futtermangel in diesem Jahr aus. Dazu kommt, dass die Leute sensibler reagieren, wenn sie ein verletztes Vogeljunges finden – und vermutlich auch, dass der Palmenhorst nicht so leicht „nein” sagen kann.
Andere trauen sich nicht zu, einen Seeadler zu betreuen? Er kommt nach Krautostheim. Singvögel oder gar verletzte Marder, Hasen oder Füchse. Auch sie landen zumindest übergangsweise in Krautostheim. Bei Maria Auer und Danilo Batz lautet die Philosophie dabei: Jedes hilfsbedürftige Tier hat Hilfe verdient. Da sind sie sich mit dem LBV nicht ganz einig, der laut Auer mehr an der Arterhaltung interessiert sein. „Für uns zählt der häufige Mäusebussard genauso viel wie der wesentlich seltenere Rotmilan oder die Wiesenweihe”, stellt Auer unmissverständlich fest.
In aussichtslosen Fällen allerdings erlösen auch sie das Tier schnell, anstatt es lange leiden zu lassen. Mutter und Sohn haben beide den Jagdschein. Sie heißen es auch nicht gut, dass jemand versucht, einen Vogel zu retten, auf den sich ein Habicht stürzt. In der freien Wildbahn habe der Vogel eine Chance, da solle man der Natur nicht ins Handwerk pfuschen, erklärt Danilo Batz. Kommt aber jemand mit einem hilfsbedürftigen Tier zu ihnen, dann ist das etwas anderes. „Wir können nicht Gott spielen”, sagt er, und meint damit die Entscheidung darüber, welcher Vogel wichtig genug ist, um weiterzuleben.
Ein Problem für sie ist mittlerweile die Finanzierung: Das Geld, das die Falknerei verdient, zum Beispiel bei Besuchen in Kindergärten oder Schulen, fließt jetzt alles in die Auffangstation, erzählt die Krautostheimerin: Es stapeln sich Tierarztrechnungen und Belege von Futterkosten.
Andere Landkreise bezahlen demnach pro aufgenommenem Greifvogel einen festen Betrag. Im Landratsamt habe man dagegen nicht mal erfolgreich weitere kostenlose Mülltüten beantragt. Der Verein hat nur zehn Mitglieder, das Spendensammeln auf Märkten ist ein hartes und wenig einträgliches Geschäft. Dass Maria Auer und Danilo Batz irgendwann keinen Vogel mehr haben könnten, ist trotzdem unvorstellbar.
Informationen im Internet:
greifvogelschutz-palmenhorst.com