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Veröffentlicht am 24.10.2025 15:00

Ansbach: Mathias Tretter fächelt der Demokratie mehr Sauerstoff zu

Der Demokratie gehe langsam der Sauerstoff aus, so die Befürchtung von Mathias Tretter beim Blick auf die gegenwärtige politisch-gesellschaftliche Entwicklung. Der Kabarettist war mit seinem Programm „Souverän“ am Donnerstag in den Kammerspielen zu Gast.

Hörte man dem gebürtigen Würzburger und Wahlleipziger aufmerksam zu, dann ahnte man bald: Die Lage ist ernst. Etwa, wenn man bei 31 Grad auf der Wiesn nur die Entscheidung zwischen Vollrausch und Hitzschlag habe oder man bei dem ganzen Sprachwirrwarr gar nicht mehr sicher sei, ob man überhaupt noch Altweibersommer sagen dürfe, oder nicht besser von „feminin geriatrischer Wetterphase“ sprechen sollte. Oder etwa der von Friedrich Merz ausgerufene Herbst der Reformen, nicht eher zum Aprilscherz mutiere.

Zügig durch die große Politik

Tretter arbeitete sich mit raschem Schritt durch Weltpolitik und Parteienlandschaft, sprach vom Fachkräftemangel, der sich auch in der Politik zeige. Minister seien Repräsentanten ihres Amtes, was Fachkenntnisse des jeweiligen Ressorts auch nicht zwingend erfordere. Das spüre man. Die AfD etwa wolle ja gar nicht wirklich regieren, sondern Unruhe und Chaos stiften. Die Rechten hassten alles, was ihm selbst wichtig sei, etwa Vielfalt, Freiheit oder Demokratie. Andere Parteien, solche mit sogenannter Zukunftsorientierung, sähen in allen eine Chance, was ihm Angst mache.

Problematisch sei auch der Kauf- und Genussrausch der Menschen. Gerümpel häufe sich auf, müsse gelagert und entsorgt werden. Die Alternative? Nicht so viel shoppen. Allerdings seien da auch die Grünen auf einem unguten Weg. „Besser shoppen“ allein, sei auch keine Alternative.

Weiter ging es mit dem Anteil älterer Menschen, so Tretter, der stetig wachse. Das sei auch schon das einzige Wachstum, das zu erwarten sei. Ähnlich der Überalterung in Japan, einem Land, das Einwanderung ebenfalls nicht als Alternative sehe. Die „Achse des Rollators“ nannte er das.

Beunruhigend sei auch, dass das Ich zum neuen Wir werde. Etwa ein Fünftel sehe sich als sensibel. Selbst seien sie wie Mimosen, würden aber anderen gegenüber ungehemmt furzen. Alles werde „gefühlt“ betrachtet.

Intensiv „gefühlt“ zeigten sich auch die Kommentare Ansgars, Alter Ego des Kabarettisten. Der sinnierte aus der Raumkapsel, als erster Philosoph auf dem Weg zum Mars, über das Geschehen unten.

Ein großes Bild aus vielen Themen

Tretter hatte viele Themen bereit, die er zu einem großen Bild zusammenbastelte, zur Orientierung immer wieder Querverbindungen herstellte. Zur Sprache kamen auch Kindheitserinnerungen im unterfränkischen Dorfleben, darunter etwa der Otto-Versand als Verbindung zur Außenwelt. Frottee-Unterhosen im 10er-Pack, kaufen, was das Zeug hielt.
Immer wieder tauchte auch das Taylor-Swift-Phänomen auf. Das sei wie real existierender Sozialismus. Wo eine Schlange sei, stelle man sich an.

Die Polykrisen der Welt seien wie die „Büchse der Pandora“, so Tretter. Aufmerksam zuhören, der Welt eine Chance und der Demokratie neuen Sauerstoff geben – ein Denkanstoß für den Heimweg. Insgesamt eine souveräne Darbietung.

Fragt sich, ob Friedrich Merz' „Herbst der Reformen” nicht eher zum Aprilscherz mutiert: der Kabarettist Mathias Tretter. (Foto: Elke Walter)
Fragt sich, ob Friedrich Merz' „Herbst der Reformen” nicht eher zum Aprilscherz mutiert: der Kabarettist Mathias Tretter. (Foto: Elke Walter)
Fragt sich, ob Friedrich Merz' „Herbst der Reformen” nicht eher zum Aprilscherz mutiert: der Kabarettist Mathias Tretter. (Foto: Elke Walter)

Von ELKE WALTER
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