Auf Abschiedstour? Mit Schneeschuhen über den Gletscher | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 10.04.2026 00:08

Auf Abschiedstour? Mit Schneeschuhen über den Gletscher

Vorn wird gespurt, hinten ausreichend Abstand gehalten: Eine kleine Seilschaft bahnt sich entlang von Gletschereis den Weg durch den Schnee.  (Foto: Nathalie Helene Rippich/dpa-tmn)
Vorn wird gespurt, hinten ausreichend Abstand gehalten: Eine kleine Seilschaft bahnt sich entlang von Gletschereis den Weg durch den Schnee. (Foto: Nathalie Helene Rippich/dpa-tmn)
Vorn wird gespurt, hinten ausreichend Abstand gehalten: Eine kleine Seilschaft bahnt sich entlang von Gletschereis den Weg durch den Schnee. (Foto: Nathalie Helene Rippich/dpa-tmn)

Eben noch höre ich Bässe, die vom Bergrestaurant Längfluh über die Piste schallen, und kaum, dass ich mich versehe, ist da nur noch das Knirschen der Schneeschuhe im knietiefen Pulver. Keine fünf Minuten ist es her, dass mein Bergführer Aldo Lomatter ein dünnes Absperrseil am Pistenrand angehoben hat und wir querfeldein los gewandert sind. 

Das Seil, das an meinen Gurt geknotet ist, soll ich stets vor mir lassen. „Es kann auf dem Boden schleifen, aber zieh es nicht hinter dir her“, sagt Aldo, mit dem ich für die nächsten dreieinhalb Stunden durch ein blaues Band verbunden sein werde. Der 72-Jährige geht voran, „spurt“ den Weg für uns. 

Im Schlepptau, etwa hundert Meter hinter uns, haben wir eine zweite Gruppe - einen Bergführer und zwei weitere Gäste. „Er kommt nicht aus der Gegend“, sagt Aldo. Deshalb wird er seinem jungen Kollegen heute zeigen, wie man sich am besten einen Weg durch die Gletscherlandschaft sucht. Wer könnte das besser als Aldo, der über sich sagt, dass er hier gezeugt und geboren wurde, aufgewachsen ist - und sterben wird. 

Der Feegletscher, auf dem wir im beginnenden Schweizer Frühling unterwegs sind, bewegt sich am Tag 30 bis 40 Zentimeter, erklärt Aldo. Heißt: Was heute ist, kann morgen schon weg sein - oder zumindest anders aussehen.

Das Eis ist immer geschmolzen - aber nicht so schnell

Ist das Eis, auf dem ich mich bewege, zum unwiederbringlichen Schmelzen verurteilt - und welche Folgen hätte das? Lokal, regional und vielleicht sogar global? „Dass Gletscher schmelzen, gab es schon immer - sie sind dann immer wieder gewachsen“, sagt Aldo und spricht von „Schwankungen“.

Also doch alles halb so wild? Dann setzt er nach: „Was jetzt anders ist, ist die Geschwindigkeit.“ Er zeigt Richtung Saas-Fee und erzählt, dass der Gletscher in den 1970ern noch bis ganz unten gereicht habe. Dort, wo heute Bäume stehen, war damals, als er die Prüfung zum Bergführer gemacht hat, noch Eis, sagt er. Die Form der Landschaft lässt das erahnen. 

Allein in den Schweizer Alpen ist das Gletschereis seit 2015 um ein Viertel zurückgegangen, sagt Matthias Huss von der ETH Zürich, den ich kurz nach meiner Gletscherwanderung um Einschätzung bitte. Er ist Glaziologe und Leiter des Schweizer Gletschermessnetzes Glamos. Rund 30 Prozent der hiesigen Gletscher seien auch dann nicht mehr zu retten, wenn die internationalen Klimaziele erreicht würden, sagt er. 

Zumindest „mein“ Gletscher ist aber erst mal nicht in akuter Gefahr. Ein Grund dafür: Er erstreckt sich heute noch von rund 4.200 Metern über dem Meeresspiegel bis auf etwa 2.150 Meter. „Der Feegletscher ist vergleichsweise gut ans heutige Klima angepasst und schmilzt daher weniger schnell - aber auch er geht zurück“, sagt Huss. 

Die Landschaft zerklüftet - da ist es: das ewige Eis

Aldo hatte zu Beginn der Tour betont, dass ich das Seil zwischen uns nicht hinter mir her schleifen soll. Diese Warnung wiederholt er nun, und sagt: „Wenn ich in eine Spalte falle, fällst du auf den Bauch und kannst so den Sturz bremsen - auch für dich“. Dem gewitzten Bergführer entgeht mein verdutzter Blick nicht: „Ich komm' dann schon wieder raus, oder er hilft mir.“ Er zeigt auf seinen Begleiter, der mit seiner kleinen Seilschaft noch immer in einigem Abstand hinter uns her stapft.

Wir sind etwa eine halbe Stunde durch den kniehohen Schnee gewandert. Während bisher die Schneedecke glatt wie ein frisch bezogenes Bett vor uns lag, zerklüftet die Landschaft nun zunehmend. Erst erheben sich dicke Eisblöcke neben uns, dann, ein paar Meter weiter, geht es steil nach unten - ebenfalls entlang von massiven Eiswänden. Der Blauton ist sehr hell, nah dran an Weiß, aber mit einer faszinierenden Tiefe. Der Schnee liegt als dünne Schicht obendrauf wie Zuckerguss. 

Immer wieder checkt Aldo, ob ich mich an die Seildisziplin halte. Er stochert mit seinen Stöcken im Schnee, tastet vorsichtig mit den Schneeschuhen und ist doch erstaunlich flott. Sein Lehrling ist maximal halb so alt, aber wenn Aldo nicht wartet, können er und seine Gruppe kaum aufschließen - obwohl die Spur schon da ist. Nur ab und zu wartet Aldo und lässt den jungen Kollegen mal spuren, ruft nach ihm, gibt ihm per Armbewegungen Richtungsempfehlungen, beobachtet, was er tut.

Als Aldo und ich kurz warten, erzählt er, dass er zwei Mal zwei Wochen am Meer Urlaub gemacht hat: „Die schlimmste Zeit meines Lebens“, sagt er. 

Wärmere Sommer belasten die Eispanzer

Wir stecken unsere Jacken in die Rucksäcke. Für mich fühlt es sich an wie 15 Grad, doch das täuscht. „Auch wenn es sich durch die Sonne warm anfühlt, die Temperatur ist kaum über null Grad. Sonst würde das ganze Eis ja schmelzen“, sagt Aldo. 

Wenn die Sonne mir aber jetzt schon so warm vorkommt und die Temperaturen im März bereits um den Gefrierpunkt liegen, was passiert dann im Sommer mit dem Eis? Matthias Huss wird mir später erklären, dass die Temperaturen in der Schweiz durch die Lage in den Bergen abseits der Küsten in den vergangenen 75 Jahren um drei bis vier Grad gestiegen sind: „Die Sommer sind in den Alpen extrem viel wärmer geworden - das geht am Eis nicht spurlos vorbei.“,

Schlecht ist für Gletscher auch, wenn es zu wenig Schnee gibt. Und dieses Problem nimmt durch den Klimawandel ebenfalls zu. Schnee habe zwei wichtige Funktionen, so der Glaziologe. Im Frühjahr und Sommer schützt er die Eisschicht vor Hitze: Je länger er liegt, desto weniger Eis schmilzt. Und er nährt den Gletscher - aber nur, wenn er das ganze Jahr über liegen bleibt. Denn dann wird in den höchsten Lagen aus Schnee Firn und aus Firn nach einigen Jahrzehnten Gletschereis. 

„Wenn nur noch altes Eis da ist, das nach und nach abschmilzt, aber nichts nachkommt, dann ist der Gletscher nur noch ein Relikt aus der Vergangenheit, das langsam verschwindet“, sagt Huss. Das sei etwa bei den vier verbliebenen deutschen Gletschern schon der Fall.

Brücken aus Schnee und Türme aus Eis

Als ich auf der Wanderung schon denke, es kann kaum beeindruckender werden, passieren wir über eine Art kleine Brücke eine breite und recht tiefe Gletscherspalte. „Der Übergang ist nur aus Schnee, da ist kein Eis drunter, siehst du?“, fragt Aldo, als wir die Stelle überquert haben. 

Und es wird noch besser, denn auf einmal sind sie da, der Grund dafür, warum ich diese Gletschertour unbedingt machen wollte: Séracs, Türme aus Eis. Einer sieht aus wie eine Welle, die während des Brechens einfach eingefroren ist. Daneben ragt ein etwa drei Meter hoher Eisobelisk auf, die Sonne schimmert durch ihn hindurch.

Und dann löst Aldo unser Band, und spricht eine neue Warnung aus: „Jetzt vorsichtig gehen, immer erst mal testen mit dem Schuh.“ Wir laufen nicht mehr quer über das Eisfeld, sondern tasten uns am felsigen Hang entlang, zurück in Richtung von Skifahrern, Snowboarderinnen und Musik. 

Als die Seilbahnstation Spielboden in einiger Entfernung unter uns hinter einer Felswand sichtbar wird, grinst Aldo mich an: „Wenn du willst, kannst du die letzten Meter auf dem Hintern zurücklegen.“ Also setze ich mich auf den Po und rutsche die etwa hundert Meter den Hang herunter. Und dann bin ich zurück aus dem „ewigen Eis“, das in Wirklichkeit so vergänglich ist.

Alles wird anders werden

Matthias Huss wird mir einige Tage später sagen, dass das Gletscherschmelzen in den Alpen keine Katastrophe für uns bedeuten muss. Das sehe etwa in den Anden oder Zentralasien ganz anders aus, weil dort das ohnehin knappe Wasser noch rarer werde. Aber die Landschaft würde sich auch hier in Europa extrem verändern. 

Als Beispiel nennt der Glaziologe den Aletschgletscher um die Ecke. Er ist der größte Gletscher der Alpen. An seiner tiefsten Stelle ist das Eis 800 Meter dick. „Irgendwann werden wir dort ein tiefeingeschnittenes Tal haben, mit einem Gletschersee und bewaldeten Hängen.“ Das sei auch attraktiv, aber eben ganz anders als heute. 

Auf dem Feegletscher wird es laut Matthias Huss wahrscheinlich auch in 50 Jahren noch Skipisten geben. „Aber es wird exklusiver, weil der Schnee sich auch im Winter ins Hochgebirge zurückzieht“, sagt der Wissenschaftler. Das heißt auch: Winterurlaub wird voraussichtlich teurer, weniger Menschen können es sich leisten. 

Urlaub in den Bergen sei weiter möglich, natürlich. Der Fokus liege jedoch zunehmend auf Sommeraktivitäten: Wandern, Seilgärten, Sommerrodelbahnen. Auch schön, aber nicht dasselbe. 

Der Mensch habe ein zu kurzes Erinnerungsvermögen, sagt Huss noch. Was er nicht kennt, vermisst er auch nicht. „Aber das Bild der Alpen, das von Schnee und Eis geprägt ist, ist dann nur noch Nostalgie.“

© dpa-infocom, dpa:260409-930-925569/1


Von dpa
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