Vielleicht ist Angela Hewitt die große Lehrmeisterin für Bachs Klavierwerk. Zum fünften Mal ist die kanadische Pianistin bei der Bachwoche Ansbach zu Gast. Ihre Interpretation der Goldberg-Variationen bannte das Publikum. Am Ende herrschte lange gespannte Stille in der Orangerie.
Nach anderthalb Stunden Goldberg-Variationen wird sie mit einer lange nachklingenden, quasi selbst ergänzten Tacet-Variation, der Stille, erst respektvoll, dann euphorisch gefeiert.
Es ist alles gesagt, musiziert: Graf Keyserlingk und sein musikalischer Adjutant haben genug gehört, gespielt, um die Nacht, wenn nicht schlafend, so doch mit wunderbarem „Schäfchenzählen“ angenehm zu verbringen.
Hewitt spielt überaus korrekt, überlässt wenig dem Zufall: Sie reibt, massiert sich die Hände, lächelt herzlich ins Publikum, drapiert den Rock ihres Abendkleides auf dem Klavierhocker, wartet ab – ein Handy-Klingelton stört die Konzentration – und beginnt mit Klarheit, Verzierungsreichtum die Aria.
Der Fazioli soll ein mehrmanualiges Cembalo ersetzen, so ihr Ansatz: Schlicht, historisch orientiert und leuchtend nüchtern exponiert sie das Thema. Deutlich sind Hewitts Zäsuren, das bewusste Innehalten nach der Aria, ehe sie sich zupackend, oft überdeutlich, signalhaft artikulierend, in der zwöflten Variation, in die Entwicklungen der Goldberge und ihre Variationsabschlüsse stürzt.
Die Cembalo-Annäherung zeigt sich beispielsweise in der siebten Variation, der Giga, die sie – ähnlich wie Andras Schiff – mit spieluhrähnlichen Oktavierungen in den Wiederholungen versieht, einem pianistischen Manualwechsel sozusagen.
Hewitt spielt fast alle Wiederholungen. Nur bei den Variationen 26 und 27 lässt sie – als dramaturgisches Beschleunigungselement? – einige aus.
Das dramatische und dramaturgische Zentrum in Hewitts Interpretation ist die 25. Variation: Hewitt spielt dieses ins harmonische Dunkel hinabsteigende Adagio in g-Moll tieftraurig, lässt jedoch agogisch feinste Hoffnungsschimmer aufkeimen. Beeindruckend ist ihr langer Sekundvorhalt am Schluss, den sie mit dem Schluss als anhaltende Dissonanz verbindet.
Diesen Coup wiederholt sie am Ende mit der wiederkehrenden Aria: Hewitt zieht den Vorhalt in den Auflösungston hinein, erzeugt damit einen Bezug zu dieser Variation, verbindet den dissonanten, auch als „Schmerzens-Aufschrei“ von Christus am Kreuz gedeutete Stelle mit der Reinheit der Aria. Das gibt – neben der dichten Chromatik – den Goldberg-Variationen symbolischen und theologischen Gehalt, wie er immer wieder bei Bach zu finden ist. Andere Forschungen sehen darin die Ausläufer des „empfindsamen Stils“, für den Bachs Söhne Friedemann und Carl Philipp Emanuel bekannt wurden.
Wie ein Feuerwerk zündet Angela Hewitt zuvor die Französische Ouvertüre mit strengen, höfischen Manierismen. Da ist sie wieder, die gestrenge Herrin über Bachs musikalisches Umfeld, seinen musikhistorischen Kontext. So unerbittlich ihr Martellato-Spiel und die furiosen Steigerungen in den Variationen zum Schluss hin artikulatorisch auf die Spitze getrieben werden, in der 19. Variation beispielsweise, so weich und verbindlich sucht sie, die 24. Variation, ein vermittelndes Klangbild.
Die Stimmkreuzungen, die Reduktion des Flügels auf ein einziges Manual machen die Goldberg-Variationen zu einer diffizilen technischen Herausforderung mit unangenehmen Stolpersteinen für die Hände. Die Cembalistin unter den Pianistinnen Angela Hewitt zeigt imponierend, was da zu bezwingen ist.