Die inContAlert GmbH aus Trautskirchen und Bayreuth hat ein neuartiges Produkt entwickelt. Es verspricht Inkontinenzpatientinnen und -patienten ein Plus an Lebensqualität. Um die Technologie bis zur Marktreife weiterzuentwickeln, hat sich das Unternehmen um Fremdkapital aus verschiedenen Wagniskapitalfonds beworben und 1,5 Millionen Euro erhalten.
Damit sollen nun weitere Studien durchgeführt und die EU-weite Zulassung erworben werden. Das Kernstück des inContAlert Systems ist ein Messgerät, das an einem Bauchgurt oberhalb des Schambeins getragen wird. Mithilfe einer eigens entwickelten Form der Nahinfrarot-Spektroskopie ermittelt es den Blasenfüllstand. Hat sich eine gewisse Menge Urin angesammelt, sendet eine mit dem Gerät verbundene Handy-App dem Nutzer ein diskretes Signal, so dass dieser die Entleerung in die Wege leiten kann.
Die Zielgruppe sind Menschen, die aufgrund von Erkrankungen wie einer Querschnittlähmung, Multiple Sklerose, Spina Bifida, Parkinson oder Krebs die Kontrolle über ihre Blase verloren haben. Viele dieser Patienten müssen sich mehrfach am Tag und in der Nacht selbst katheterisieren. Auch für Kinder, die Probleme mit Bettnässen haben, soll das Produkt zugelassen werden.
„Allein in Deutschland leben 2,2 Millionen Menschen, die von Blasenfunktionsstörungen betroffen sind und denen inContAlert den Alltag deutlich erleichtern kann“, sagt der Mitgründer, Wirtschaftsingenieur und Geschäftsführer, Dr. Jannik Lockl aus Trautskirchen. „Da wir mit unserem Gerät quasi in den Körper hineinschauen können, wird den Betroffenen dieser würdelose Moment des unfreiwilligen Urinverlusts und in manchen Fällen auch das lange Liegen in den eigenen Ausscheidungen erspart.“
Der Verbrauch von Hilfsmitteln wie Windeln ließe sich deutlich reduzieren, das Legen von Dauerkathetern in vielen Fällen vermeiden – und damit Nachteile wie ein höheres Krebs- und Infektionsrisiko. Auch die Gefahr von Nierenschäden durch Urinrückstau werde verringert.
In der täglichen Anwendung generiert das Gerät Daten über die Patienten und wertet diese mittels künstlicher Intelligenz aus. Dadurch kann schon nach wenigen Tagen relativ genau vorhergesagt werden, wann der nächste Toilettengang am besten eingeplant werden sollte.
Die Idee hatten der 32-Jährige und sein Geschäftspartner Tristan Zürl 2017 im Rahmen eines internationalen Businessplan-Wettbewerbs in Hongkong zum Thema Medizintechnik für Senioren. „Um uns einen Überblick zu verschaffen, wo in diesem Bereich die Probleme liegen, haben wir zunächst Forschungsliteratur studiert und eine Reihe an Vorträgen von Medizinern gehört, die die Herausforderungen mit dem Inkontinenzmanagement im Klinik- und Heimalltag geschildert haben“, erinnert sich Lockl.
Dabei hätten die Gründer auch eine Vorstellung davon bekommen, wie groß der Leidensdruck der Betroffenen ist. „Wir waren uns daraufhin schnell einig, dass wir nicht einfach bessere Windeln entwickeln, sondern bereits deutlich vorher ansetzen möchten – noch bevor der Urin den Körper verlässt.“
Zwei Jahre lang entwickelte Lockl das System und die Messtechnologie neben seiner Promotion im Fach Wirtschaftsinformatik und Doktorandentätigkeit an der Universität Bayreuth. 2019 und 2021 erhielt das zum damaligen Zeitpunkt bereits um die beiden weiteren Co-Gründer Nicolas Ruhland und Pascal Fechner erweiterte Team insgesamt eine Million Euro an Fördergeldern vom Bund und dem Land Bayern. Dadurch konnten sie mehrere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einstellen. Mittlerweile umfasst das Team 13 Personen in Teil- und Vollzeit.
Außerdem ermöglichten ihnen Fördergelder und Investitionskapital, sich selbst ein Gehalt auszuzahlen und sich vollständig der Gründung zu widmen. Zwar bedeutet dies auch, dass die Jungunternehmer ihre Entscheidungen mittlerweile mit einem Aufsichtsrat abstimmen müssen. Andererseits reduziert sich so ihr persönliches wirtschaftliches Risiko. Mit dieser Erfahrung möchte Lockl anderen Mut machen, die gründen wollen, aber vielleicht Angst davor haben, eine jahrelange Durststrecke überbrücken zu müssen.
„Wenn ich mir nach der Promotion eine Tätigkeit als Angestellter gesucht hätte, würde ich vielleicht jetzt mehr verdienen“, räumt Lockl ein. Durch das von ihm mitgegründete Unternehmen verdiene er aber dennoch bereits seit ein paar Jahren seinen Lebensunterhalt. „Und bei der Gründung habe ich die Möglichkeit, etwas komplett Neues zu schaffen und etwas aufzubauen.“
Die Motivation, ausgerechnet der Entwicklung dieses Produkts so viel Zeit zu widmen, verdankt Lockl unter anderem dem ermutigenden Feedback von Ärzten, Pflegekräften und vor allem den Patienten. „Seit in Fachmedien Publikationen über inContAlert erschienen sind, melden sich regelmäßig Betroffene bei uns, die ihre Probleme schildern und sich als Probanden zur Verfügung stellen, weil sie sich eine deutliche Erleichterung ihres Alltags erhoffen.“
Aktuell tragen 35 Testpersonen das in Ansbach und Bayreuth gefertigte Gerät und senden den Herstellern regelmäßig Berichte zu ihren Erfahrungen. Darauf aufbauend werden Handhabung, Technologie und Software kontinuierlich weiterentwickelt. Im nächsten Jahr soll die Zulassung vorliegen, 2025 könnte Verkaufsstart sein. Weitere Informationen gibt es unter www.incontalert.de