Der Markgrafenbau in Burgbernheim: Ein Anwesen mit Revoluzzer-Geist | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 04.09.2024 06:00

Der Markgrafenbau in Burgbernheim: Ein Anwesen mit Revoluzzer-Geist

Neues Leben im Markgrafenbau im Wald oberhalb von Burgbernheim: Vereinsmitglieder nutzen das Gebäude mittlerweile auch als Feriendomizil. (Foto: Roland Hoede)
Neues Leben im Markgrafenbau im Wald oberhalb von Burgbernheim: Vereinsmitglieder nutzen das Gebäude mittlerweile auch als Feriendomizil. (Foto: Roland Hoede)
Neues Leben im Markgrafenbau im Wald oberhalb von Burgbernheim: Vereinsmitglieder nutzen das Gebäude mittlerweile auch als Feriendomizil. (Foto: Roland Hoede)

Der Burgbernheimer Markgrafenbau hat seit Anbeginn im Jahr 1790 schon immer einen Hauch Revoluzzer-Geist beheimatet – auch seine Entstehungsgeschichte handelt davon. Eine zionistische Untergrundorganisation hat auf den Anhöhen mitten im Wald schon trainiert, mittlerweile residieren dort die neuen Markgrafen. Aber das Gebäude hat selbstredend auch dunkle Kapitel erleben müssen.

Zum Tag des Offenen Denkmals am kommenden Sonntag (eine Programmübersicht folgt in der Freitagsausgabe) öffnen die neuen Markgrafen ihr Domizil. Der Verein der Freunde Markgrafenbau-Wildbad, in dem sie organisiert sind, hat den prunkvollen Bau mit gigantischem Festsaal vor dem Verfall bewahrt und auch die Historie mit aufgearbeitet. Einer von ihnen ist Roland Hoede aus Frankfurt am Main. Er sprach mit unserer Redaktion über die kuriose Geschichte des Markgrafenbaus, der mitten im Wald bei Burgbernheim, nahe des Wildbads, steht.

Der Ansbacher Markgraf Karl-Alexander erlebte turbulente Zeiten. Geldprobleme hatte seine Dynastie, ihn plagten moralische Gewissensbisse. Doch als sich die Staatsgeschäfte beruhigten, zog gähnende Langeweile in das markgräfliche Leben. Alexander reiste gerne und frönte der Jagd. Da bot sich so ein schönes Waldstück doch an, mit jeder Menge Ruhe und Entspannung. Der Blick fiel auf das Wildbad.

Ein Markgrafenbefehl? Den Räten war’s egal

Per Dekret forderte der Markgraf den Bürgermeister und die Räte dazu auf, ihm die Heilstätte zu überlassen. Die Gemeinde könnte sich doch den Erhalt der Baulichkeiten ohnehin nicht leisten – und er als Gönner würde gerne „auch weiterhin den Einheimischen wie Fremden die Möglichkeit zum Genuss aller möglichen Bequemlichkeiten und Vergnügungen“ bieten.

In den damals herrschenden Zeiten des Absolutismus mag nun jeder denken: Klar, die Burgbernheimer schenkten ihr Wildbad her. Aber nein. „Die Antwort aus Burgbernheim muss eingeschlagen haben wie eine Bombe“, sagt Hoede. Keine Spur von untertänigster Haltung. Sie veranlassten eine Art Bürgerentscheid – und kein Einziger stimmte dafür, Alexander das Wildbad zu schenken. „Das ist eine für die Zeitumstände sehr merkwürdige Angelegenheit.“

Der Markgraf selbst aber reagierte noch merkwürdiger. Hass und Strafe? Fehlanzeige. Er ließ sich einfach unweit des Wildbades sein eigenes Jagdschlösschen bauen: den Markgrafenbau. Obwohl das Gebäude schnell entstand, verlor Alexander schon während der Bauphase das Interesse. Der Markgrafenbau wurde zum „Schloss ohne Schlossherren“, betont Roland Hoede, und lieblos behandelt. „Alexander fühlte sich nie wirklich verantwortlich.“ Bei der Einweihung glänzte er durch Abwesenheit. Der Markgrafenbau verfiel in einen tiefen Dornröschenschlaf.

Neue Technik, neues Leben

Erst die technische Entwicklung sollte wieder Leben auf die Frankenhöhe bringen. Der Bau der Eisenbahn brachte für das Wildbad und somit auch für den Markgrafenbau neue Hoffnung. Vom Burgbernheimer Anschluss erhoffte man sich viele Ferien- und Badegäste. Das Wildbad wurde modernisiert und auch das Jagdschlösschen profitierte.

Plötzlich wurde der Wald über Burgbernheim zum beliebten Ziel. Frankenweit. „Zahlreich sind uns Beschreibungen über Ausflüge ins Wildbad überliefert, in denen der obligatorische Spaziergang hinauf zum Markgrafenbau nicht fehlen durfte“, erklärt Roland Hoede.

Bürgerbälle und „Mittwochskränzchen”

Der Markgrafensaal wurde zur guten Tanzstube, Bürgerbälle und allmonatliche „Mittwochskränzchen“ stiegen darin. „Es muss hoch hergegangen sein damals – und nicht nur im Saal vergnügten sich die Burgbernheimer, selbst nach draußen in den Wald soll sich bei warmem Wetter das eine oder andere Pärchen zurückgezogen haben“, weiß Hoede aus der Historie.

Doch mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges waren die feucht-fröhlichen Markgrafenbau-Zeiten erstmal vorbei. Die Zimmer wurden zu Krankenquartieren umfunktioniert, das Jagdschloss diente als Lazarett für verwundete Soldaten. Endgültig kippte die Geschichte dann mit den Vorwirren des Zweiten Weltkriegs.

Nutzung durch die Nationalsozialisten

Appelle statt Picknick und Ballspiel auf der Wiese, militärische Kommandos und Trillerpfeife statt Kammermusikabende im Saal. Ein Hitler-Jugend-Bann mit Sitz in Burgbernheim nutzte einen Teil des Gebäudes als Führerschule. Mit der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches endete aber auch die Herrschaft der Nationalsozialisten im Markgrafenbau. Er wurde zur Wohnstätte von „Displaced People“, also vor allem von Kriegsgefangenen und KZ-Überlebenden.

Diese knüpften Kontakte nach Palästina zur zionistischen Untergrundorganisation Hagana, wie der Nürnberger Historiker Jim G. Tobias herausfand. Stutzig machten später die militärischen Befehle auf der Lichtung vom Wildbad – in hebräischer Sprache hallten sie durch die kalte Morgenluft. Ja, die Hagana sah in dem Heer von jüdischen Holocaust-Überlebenden, die im Markgrafenbau wohnten, gutes Rekrutierungspotenzial.

Ausbildungsstätte für Widerstandskämpfer

Das Wildbad-Areal entwickelte sich zu einer Art Militärschule für jüdische Kämpfer. Mit der Gründung des Staates Israel verließen die Displaced People Burgbernheim. Sie trafen am Hafen von Haifa ein und mussten schon wenige Tage später ihr gelobtes Land gegen arabische Truppen verteidigen, darunter einige Hagana-Kämpfer, ausgebildet bei Burgbernheim. Die Grundlage für die spätere israelische Armee.

Endlich durfte der Markgrafenbau wieder das sein, wofür er gedacht war: ein Ort der Entspannung und Kulinarik. Wirtin Marie Felbinger betrieb dort nach den Wirren der Weltkriege und den Hagana-Jahren eine Wochenend-Gaststätte.

Domizil für Fernsehturm-Techniker

Bei Fleischwurst und Bier ließen es sich die Menschen gutgehen. Die dunklen Kapitel waren endgültig vorbei. Später fanden die Arbeiter des großen Fernsehturms im Markgrafenbau ihr Domizil. Sie bauten für die Olympischen Spiele 1972 in München im gesamten Land den Empfang aus, für Olympia-Genuss am Fernsehgerät, auch in Burgbernheim.

Doch etwas Bleibendes etablierte sich nie, der Markgrafenbau blieb ein Schloss ohne Schlossherr. Noch. Die Legende besagt, dass ein kleiner Irrweg von Gerhard Simmerling das spätere Schicksal des Prachtbaus besiegeln sollte. Ein Freundeskreis ehemaliger Pfadfinder – mittlerweile kreuz und quer in der Bundesrepublik verstreut – suchte schon lange ein geeignetes Domizil für Wochenendtreffen und die Ferien.

Eigentlich wollte Simmerling nur im Wildbad speisen. Doch er bog falsch ab und stand vor dem mittlerweile völlig verwahrlosten Bau. Aber er erkannte den Charme. Simmerling verständigte seine Freunde – und über viele Umwege kam der Markgrafenbau tatsächlich zu den Pfadfindern, den „neuen Markgrafen“, wie sie in Burgbernheim liebevoll genannt werden.

Die Städter wurden anfangs kritisch beäugt

Doch unumstritten waren sie anfangs nicht. Irgendwelche Städter, die das dem Verfall geweihte Schloss retten wollen. Da konnte etwas nicht stimmen. Aber die neuen Markgrafen ließen sich nicht beirren und legten los – es entstand eine tiefe Freundschaft zur Stadt. Die Ferien verbrachten sie droben im Wald und restaurierten. Ein neues Dach, der Festsaal wurde wieder hergerichtet – „er ist ein Kleinod“, sagt Roland Hoede.

Zurück zu den Wurzeln. Der Markgrafenbau erlebt jetzt wieder Tanzbälle, Musik und gute Gesellschaft. So wie früher. „Der Dachstuhl muss wieder gemacht werden im Laufe der nächsten zehn Jahre“, erklärt der Frankfurter Vereinsvertreter Hoede. Zu tun gibt es immer etwas. „Aber es ist heute nicht mehr so einfach, Leute zu überzeugen, ihre Freizeit in den Erhalt des Markgrafenbaus zu stecken.“ Sommer, Sonne, Strand und Meer sind heutzutage längst zur gängigen Konkurrenz geworden.

Doch der Markgrafenbau lebt. Immer wieder finden dort Treffen statt, Urlauber genießen die Frankenhöhe. Am Sonntag wird das Areal beim Tag des Offenen Denkmals geöffnet: Von 10 bis 16 Uhr werden Führungen angeboten. „Wir werden schon am Samstag einen schönen Abend erleben“, das Wiedersehen im Vereinskreise. Lachend ergänzt Hoede: „Am Sonntag um 10 Uhr stehen wir dann hoffentlich nüchtern zur Verfügung.“

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