Beim Betreten des kleinen Saals richtet sich der Blick auf Bilder eines Mädchens mit einer Orange. Martin Schwarz hat vier Variationen davon gemalt. Diese Serie und weitere ausgewählte Werke des Schweizer Künstlers werden bis Anfang August im Doerfler-Museum präsentiert. Inspiriert wurde er von einem ziemlich berühmten Niederländer.
Martin Schwarz ist nicht nur Maler, sondern auch Konzept- und Objektkünstler, Fotograf, Autor und Verleger. In der Schau präsentiert er unter anderem Werke, die im Lauf der Jahre mit Gemälden von Vincent van Gogh in einen spannenden Dialog getreten sind. Dazu gehören „Wie wenn van Gogh das Matterhorn gemalt hätte“, „Van Goghs Kreidefelsen auf Rügen“ und eine „Kopie der Sonnenblumen“.
Die Leiterin der Doerfler-Galerie in Schillingsfürst, Hai Yan Waldmann-Wang, suchte in ihrer Laudatio das Gespräch mit dem Künstler. Es sei eine besondere Ehre, dass Martin Schwarz ein vielleicht frühes Werk von Vincent van Gogh aus seinem Privatbesitz mitgebracht habe. „Vincent“ steht als Signatur darauf. Es ist ein sehr dunkles Bild, mit dominierenden Brauntönen und es stellt eine lesende Frau dar.
Martin Schwarz hat Vincent van Gogh bewusst in den Mittelpunkt der Ausstellung gerückt. Doch was fasziniert Schwarz an dem großen Künstler, will die Leiterin der Doerfler-Galerie wissen? Es sei die religiöse Sehnsucht, sein Glaube, die Glaubensinhalte, die er in Bildern thematisiert, so Schwarz. Außerdem sei er ein Revolutionär gewesen, der „wild“ malen konnte und trotzdem seine Werke thematisch gut verdichtete.
Zur „lesenden Frau“ hat Schwarz ebenfalls vier Variationen in Öl gestaltet – sie sind noch unvollendet, doch außerordentlich charaktervoll in ihrem Ausdruck. Obwohl sich das Grundmotiv an dem mit „Vincent“ signierten Gemälde orientiert, spricht jedes der vier Bilder den Betrachtenden individuell durch die unterschiedliche Farbgebung und die ausdrucksstarken Gesichtszüge der Frau an.
Die Ausstellung präsentiert neben den Gemälden besondere Buchobjekte von Martin Schwarz. Diese, so Waldmann-Wang, seien auch in China ausgestellt worden. Mehr als 10.000 Besucherinnen und Besucher hätten sie bewundert. Er sei der einzige Künstler, der Bücher in dieser Art bearbeite.
Mehr als 235 „Botschaften aus einer sprachlosen Dimension in Buchobjekten“ hat Schwarz geschaffen. Er verbindet Bücher mit Naturmaterialien und ausgesuchten Fundstücken, entwirft, experimentiert. Da gibt es ein Kristallhöhle-Buch, einen blühenden Satzspiegel, dazu ein stehendes Blumenbuch, es grünt und blüht und rankt und wuchert im großen Blumenbuch, im geformten Garten oder im Märchenwald.
Bürgermeister Markus Dinzl freute sich, die Ausstellung im Haus der Heimat eröffnen zu dürfen. Dieses Haus stehe nicht nur für Kunst, sondern für eine Idee, die bis heute trägt, denn Doerfler selbst habe den Grundstein dafür gelegt, indem er seinen künstlerischen Nachlass und sein Vermögen der Stadt übergeben habe, so Dinzl.
Doerflers Ziel sei es gewesen, Kunst, Geschichte und kulturelles Leben dauerhaft miteinander zu verbinden. Kultur brauche Räume und Menschen, die sie ermöglichen und tragen. Das Museum wirke weit über die Stadt hinaus. Es bringe immer wieder neue Impulse für Schillingsfürst, gerade auch durch die Ausstellung der Werke von Martin Schwarz. Besonders freute sich der Bürgermeister, seine beiden Vorgänger im Amt, Michael Trzybinski und Friedrich Wieth, sowie den früheren zweiten Bürgermeister Herbert Seidel begrüßen zu können. Die Vernissage sei „zum Bürgermeistertreff geworden”, so Dinzl schmunzelnd.
Hai Yan Waldmann-Wang sprach noch ein aktuelles Thema an: den Einsatz künstlicher Intelligenz in der Kunst. KI könne innerhalb von Sekunden traumhafte und imaginäre Welten erschaffen. Doch wie schätzt der Künstler das ein? Heute könne man das Haus des Nachbarn fotografieren und in einen Van Gogh umwandeln, so Martin Schwarz. Das sei jedoch die Vorspiegelung einer Realität, die es so nicht gebe. Diese Vortäuschung sei ein gefährlicher Weg. Bei genauerer Betrachtung eines KI-Bildes merke man sehr schnell, dass genau das fehle, was den Charakter eines Bildes ausmache: der individuelle Pinselstrich des Künstlers oder der Künstlerin, die Aura, feine Farbschattierungen, ganz besondere Details, eben die Seele des Bildes.
Die Flötistin Karin von Goetze kennt Martin Schwarz noch aus ihrer Würzburger Studienzeit, wo sie ihr Orchesterdiplom erwarb. Sie hat die Vernissage in Töne von Claude Debussy gekleidet. Mit „Syrinx“ aus dem Jahr 1913 begeisterte von Goetze die Zuhörerinnen und Zuhörer, malte mit dem impressionistischen Werk einen atmosphärisch passenden, poetischen Klangteppich zu den „Musterungen in Grün-Blau“, der „kleinen Abstraktion“ oder der „Verschränkten Komposition“.
Es ist ein spannender Stoff, den Debussy in Syrinx verarbeitet. Der Waldgott Pan hatte sich in Syrinx verliebt, doch diese floh in ein Schilf, ließ sich von der Göttin Diana in ein Schilfrohr verwandeln und war damit gut versteckt. Der trauernde Gott Pan setzte aus Rohren des Schilfs eine Flöte zusammen und blies auf der „Panflöte“ ein Trauerlied für „Syrinx“.
Am Sonntag, 12. Juli, ab 17 Uhr kommt Karin von Goetze erneut in die Doerfler-Galerie, um unter dem Motto „Mit Klängen von Damen ist der Himmel offen“ mit Sylvia Ackermann (Klavier) zu konzertieren. Der Künstler Martin Schwarz erzählt dazu über „Das Echte in der Fälschung“. Er wird an diesem Tag noch einmal die „lesende Frau“ mitbringen und vorstellen. Auf dem Plakat zur Veranstaltung sind die vier „Mädchen mit Orange“ aufgedruckt.
Von den Werken Ludwig Doerflers ist Martin Schwarz sehr angetan und er hat Ideen, wie man seine Bilder noch besser zur Geltung bringen und nicht ausgestellte Werke einbeziehen könnte: Er möchte gerne die Ausstellung neu kuratieren. Noch bis 2. August können die „Bilder und Buchobjekte“ von Martin Schwarz im Ludwig-Doerfler-Museum betrachtet werden, jeweils von Mittwoch bis Sonntag zwischen 12 Uhr und 18 Uhr.