Die Bombenangriffe vor 80 Jahren in Ansbach: Aufzeichnungen eines Zeitzeugen | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 28.02.2025 07:00

Die Bombenangriffe vor 80 Jahren in Ansbach: Aufzeichnungen eines Zeitzeugen

Dr. Helmut Deffner verlor bei den Luftangriffen auf Ansbach seinen besten Freund. Die detailgenauen Erinnerungen an den 22. Februar 1945 schrieb er im Rahmen seiner Dissertation in Geschichte nieder. Helmut Deffner ist 1990 verstorben, er war der Vater von Oberbürgermeister Thomas Deffner. Hier die Aufzeichnungen des Zeitzeugen.

„Der 22. Februar 1945, ein Donnerstag, war ein klarer, sonniger Tag mit fast schon frühlingshaften Temperaturen. Ich besuchte damals die vierte Klasse in der Luitpoldschule. Wir hatten am Vormittag eine Kinovorstellung in den Schlosslichtspielen besucht und gingen nach der Vorstellung nach Hause. Mein Klassenkamerad und bester Freund Hermann Schuster war bei mir.

Den Klassenkameraden letztmals lebend gesehen

Vor meinem Elternhaus in der Endresstraße trennten wir uns gegen 11.05 Uhr, nachdem wir vereinbart hatten, dass Hermann nach dem Mittagessen zu mir kommen sollte. Wir wollten gemeinsam unsere Hausaufgaben machen, deshalb nahm ich seinen Schulranzen gleich mit ins Haus. Ich ahnte damals nicht, dass ich meinen Freund nicht mehr lebend sehen würde.

Kaum war ich in der Wohnung, als Voralarm gegeben wurde. Das passierte damals mehrmals am Tag, und wenn der feindliche Bomberverband über Ansbach weiterflog, kam es nicht zum Hauptalarm. Plötzlich begann die Flak am Bahnhof zu schießen. In unserem Geschäftshaus, das mitten in der Stadt lag, hatten wir auf dem Dach eine sogenannte Altane, die ich als Kind an schönen Tagen zum Spielen nutzte. Ich lief sofort auf die Altane, um besser sehen zu können, was es mit dem Flakschießen auf sich hatte.

Thunderbolts flogen im Tiefflug über die Bahnstrecke

Was ich sah, war für mich damals Zehnjährigen faszinierend: Zwei oder drei amerikanische Thunderbolts flogen im Tiefflug die Bahnstrecke entlang, die etwa 150 bis 200 Meter entfernt verlief. Im Bahnhofsbereich hatte eine Vierlingsflakbatterie, die von 14-jährigen Flakhelfern bedient wurde, das Feuer eröffnet, ohne jedoch zu treffen.

Dieses Spektakel dauerte nur wenige Minuten, dann war es wieder ruhig. Ich verließ die Altane und ging in unsere Küche zum Mittagessen. Ich weiß noch wie heute, dass es mein Leibgericht gab: Kartoffelsuppe mit Rauchfleisch!

Während des Essens wurde Hauptalarm gegeben. Meine Muter drängte mich zum sofortigen Aufbruch in den Luftschutzkeller. Sie nahm unsere Köfferchen, die immer bereitstanden, und ging vor mir die Treppe – wir wohnten im zweiten Stock – hinunter. Ich folgte ihr nur langsam, meinen Suppenteller in der Hand, eifrig löffelnd.

Unten stand ich dann im Flur, immer noch essend, und wollte auch nicht aufhören, da schrie meine Mutter plötzlich, ich solle schnell kommen. Sie war aus der Haustür getreten und hatte die Flugzeuge, die niedrig über der Stadt flogen, gesehen. Ich stellte meinen Teller ab und sprang ins Freie. Man hörte das tiefe Brummen des Bomberverbandes, aber das war ich schon gewöhnt, da viele Flugzeuge Ansbach am Rande überflogen, wenn sie Nürnberg angreifen wollten.

Luftschutzkeller im Brandversicherungsamt

Diesmal aber waren sie direkt über uns, und sie flogen viel tiefer. Wir hetzten über die Straße zum etwa 60 Meter entfernten Brandversicherungsamt, in dessen Luftschutzkeller wir eingewiesen worden waren, da unser Keller nicht als Luftschutzraum zugelassen war. Meine Eltern hatten eine Drogerie, in deren Lagerräumen leicht brennbares Material abgestellt war.

Meine Mutter hatte das Brandversicherungsamt bereits betreten und eilte in den Luftschutzkeller. Sie bemerkte nicht, dass ich am Eingang stehengeblieben war. Mich faszinierten die in der Sonne glitzernden Flugzeuge, die sich mit tiefem Dröhnen über mir langsam entlang der Bahnstrecke bewegten.

Plötzlich mischten sich in das tiefe Brummen helle, pfeifende Töne, die immer lauter wurden. Von den Flugzeugen lösten sich kleine, schwarze Pünktchen, die sich in Windeseile vergrößerten.

Die Treppe und die Wände schwankten

In panischer Angst – ich erkannte, dass Bomben fielen – rannte ich ins Haus und hörte von unten meine Mutter nach mir schreien. Plötzlich schwankte die Treppe, ich fiel die Stufen hinab. Am Kellereingang packte man mich und zog mich in den Luftschutzraum. Ein Krachen und Bersten erfüllte den Keller. Wir Kinder wurden unter einen Stahlträger an der Kellertür gestellt, der der sicherste Platz sein sollte. Die Wände schwankten und beißender Pulvergeruch erfüllte die Luft. Die Menschen im Keller weinten, schrien, beteten. Ich glaubte, dass wir alle sterben müssten.

Langsam ebbte der Lärm ab, die Heftigkeit der Stöße nahm ab, die Einschläge schienen sich zu entfernen. Schließlich hörten die Detonationen auf, und das Dröhnen der Flugzeuge war nicht mehr zu hören. Gerade als wir uns fragten, ob eine neue Angriffswelle folgen würde, kam Entwarnung.

Vorsichtig wurde die Stahltüre geöffnet, der Weg nach oben war frei. Aber welcher Anblick bot sich uns draußen! In der Feldstraße qualmte es. Die Wohnhäuser Endresstraße 43 und 45 waren nur noch ein rauchender Trümmerhaufen. Eigentlich hätten wir im Luftschutzkeller des Hauses 43 sein sollen, da er uns zugewiesen worden war. Da der Weg dorthin jedoch für Notfälle zu weit erschien, hatten meine Eltern eine Einweisung in die Brandversicherung beantragt, was auch genehmigt wurde. Alle Bewohner des Hauses 43 konnten nur noch tot geborgen werden.

Im Elternhaus war alles heil geblieben

Das Elternhaus stand noch. Die beiden großen Schaufensterscheiben waren geborsten, Teile der Auslage und Dekoration lagen auf der Straße. Die Fenster der Wohnung waren teilweise zersprungen. Wir gingen ins Haus. Mein Blick fiel auf den Teller mit Kartoffelsuppe, die mit einer dicken Staubkruste bedeckt war. Bei dem Rundgang durch das Haus stellten wir fest, dass alles heil geblieben war.

Dann fiel mir mein Freud Hermann ein. So schnell ich konnte, lief ich in die Innere Oberhäuserstraße, keine Minute entfernt. Das Haus meines Freundes, direkt am Bahndamm gelegen, war nur noch ein Trümmerhaufen. Feuerwehrleute bargen die Verschütteten. Ich wurde fortgewiesen, man konnte Kinder nicht gebrauchen bei dieser Arbeit.

Tote Familie lag in einer Scheune

Nach etwa zwei Stunden erfuhr ich, dass die ganze Familie tot war. Man hatte sie in die Kundnersche Scheune gelegt. Ich ging hin. Die Tür stand einen Spalt breit offen, und ich konnte hineingehen. Hermann lag neben seinen zwei kleinen Brüdern und seiner Mutter. Sein Gesicht war bleich, man sah keine Verletzungen. Sein dunkles Haar war wie mit Mehl überstäubt. Heulend rannte ich nach Hause.

Am Abend verließ ich mit meiner Mutter Ansbach. Bis zum Einmarsch der Amerikaner lebten wir in unserem Wochenendhaus in der Nähe von Neunkirchen, etwa zwölf Kilometer von Ansbach entfernt.“

Helmut Deffner im Alter von etwa zehn Jahren. (Repro: Thomas Deffner)
Helmut Deffner im Alter von etwa zehn Jahren. (Repro: Thomas Deffner)
Helmut Deffner im Alter von etwa zehn Jahren. (Repro: Thomas Deffner)
Etliche Häuser nahe der Bahnlinie wurden komplett zerstört, sodass die Bewohner keine Chance hatten. Diese Aufnahme entstand in der Crailsheimstraße, auch in der Oberhäuserstraße und der Endresstraße wurden ganze Familien ausgelöscht. (Repro: Jim Albright/Sammlung Ernst Güth)
Etliche Häuser nahe der Bahnlinie wurden komplett zerstört, sodass die Bewohner keine Chance hatten. Diese Aufnahme entstand in der Crailsheimstraße, auch in der Oberhäuserstraße und der Endresstraße wurden ganze Familien ausgelöscht. (Repro: Jim Albright/Sammlung Ernst Güth)
Etliche Häuser nahe der Bahnlinie wurden komplett zerstört, sodass die Bewohner keine Chance hatten. Diese Aufnahme entstand in der Crailsheimstraße, auch in der Oberhäuserstraße und der Endresstraße wurden ganze Familien ausgelöscht. (Repro: Jim Albright/Sammlung Ernst Güth)

Lara Hausleitner
Lara Hausleitner
Redakteurin für Lokales und Kultur - und Reisende aus Leidenschaft.

"I have never written a word that did not come from my heart. I never shall."
Nellie Bly
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