Bei den Luftangriffen auf Ansbach starben mehrere Menschen, die im Postgebäude arbeiteten und wohnten. Eine von ihnen war die 31-jährige Peppi Räder. Ihr Sohn Bertram Räder, der in Böblingen zu Hause ist, kommt am Todestag seiner Mutter fast immer in seine Heimatstadt Ansbach. Um an den Gedenkfeiern teilzunehmen und den Friedhof zu besuchen.
„Ich weiß noch genau, wie meine Mutter am 23. Februar 1945 aus dem Haus gegangen ist. Der morgendliche Abschied, ein letztes Winken – dieses Bild hat sich für immer eingeprägt“, erzählt der 86-jährige Bertram Räder. „Ich sehe mich noch da sitzen und sie rausgehen.“
Bertram, seine Mutter Babette, genannt Peppi, und seine Oma wohnten im ersten Stock des ehemaligen Farbenhauses am Martin-Luther-Platz 14. Der Junge war drei Jahre alt, als im Sommer 1941 ein Soldat an der Tür stand. „Es war ein großer Mann, und er hat die traurige Nachricht überbracht, dass mein Vater in Russland gefallen ist.“
Im Herbst 1944 wurde Bertram Räder eingeschult, er ging in die Karolinenschule. Warum er an jenem 23. Februar 1945, einem Freitag, nicht im Unterricht war, weiß der Rentner nicht mehr. Wahrscheinlich weil die Schule bei dem ersten Angriff am Tag zuvor teilweise zerstört wurde, vermutet er.
Bertram blieb also mit seiner Oma zu Hause, während seine Mutter die Wohnung in der Innenstadt verließ. „Sie war dienstverpflichtet im Luftwarndienst und musste die Stadt warnen, wenn sich Flugzeuge näherten. Ihre Dienststelle war auf der Post. Sie hat in einem Zimmer ganz links im Postgebäude gearbeitet, manchmal habe ich sie dort besucht.“
Gegen Mittag wurde Alarm ausgelöst. „Vielleicht war es meine Mutter, die von der Post aus die Stadt alarmiert hat.“ Bertram, seine Oma und andere Familien versammelten sich im Hof des Hauses am Martin-Luther-Platz. „Es waren mehrere Kinder dabei, es war ein klarer Tag, und wir konnten die Bomber am Himmel sehen. Auch wie sich kleine schwarze Punkte von den Maschinen lösten, sahen wir. Das waren die Bomben.“
Der Hauswart habe sie aufgefordert, in den Keller zu laufen. „Da hörten wir auch schon die Bomben pfeifen und surren, das habe ich immer noch im Ohr. Surren bedeutete, die Bomben sind weiter weg, pfeifen bedeutete einen nahen Einschlag.“
Nach einer halben Stunde verließ die verängstigte, aber unverletzte Gruppe den Keller, doch für Bertram war der Schrecken noch lange nicht vorbei. „Meine Oma wurde immer aufgeregter und wollte wissen, wo die Bomben genau gefallen waren. Die Sorge galt ihrer Tochter, meiner Mutter. Als sie erfuhr, dass das Bahnhofsviertel schwer getroffen war, machte sich meine Oma in Richtung Bahnhof auf. Ich wartete zu Hause. Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen: Ich saß am Tisch und trommelte mit beiden Fäusten und rief immer wieder, dass ich hier nicht weggehe, bis meine Mama wiederkommt.“
Doch Peppi Räder kam nicht zurück. „Sie war im Postgebäude, das mehrmals voll getroffen worden war, verschüttet.“ In dem Keller, in dem sie Schutz gesucht hatte, starb sie zusammen mit der Familie Krodel, mit Mutter Sophie Krodel und deren sechs Töchtern.
Aus heutiger Sicht würde er sagen, er sei nach dem Tod seiner Mutter „traumatisiert“ gewesen, so der 86-Jährige. „Damals waren das viele, keiner half, konnte helfen. Das Leben ging weiter. Nach ein paar Tagen schnürte ich, der sechsjährige Vollwaise, mein Bündel und lief zu meiner Tante Marri in die Turnitzstraße. Sie war meine Lieblingstante, eine Schwester meiner Mutter, und zu ihr wollte ich.“
Ohne zu zögern nahm die Tante den Jungen auf. „Es gab eine Vereinbarung zwischen den Schwestern. Wenn meiner Mutter etwas zustoßen würde, dann würde meine Tante sich um mich kümmern. Sie hatte selbst zwei Kinder.“
Um sicherer zu sein als in Ansbach, machte sich die Familie der Tante mit Bertram Mitte April zu Verwandten im Allgäu auf. „Wir wollten dort auf einem Bauernhof das Kriegsende abwarten. Wir kamen aber nur etwa 60 Kilometer bis Kaisheim, wo wir Unterschlupf in einem Kohlenkeller fanden, denn die Front war uns auf den Fersen. Am 24. April, meinem Geburtstag, krachte es fürchterlich, ins Nebengebäude war ein riesiges Loch geschossen, Panzer fuhren vorbei. Ich saß am Kellerfenster auf dem Kohlenhaufen und beobachtete, wie aus dem Nachbarhaus deutsche Soldaten von Amerikanern herausgetrieben wurden.“
Am späten Nachmittag seines Geburtstags war der Krieg für Bertram Räder zu Ende. Der Kohlenkeller und das dazugehörige Haus wurden geräumt. Der Bub sah „in den Straßengräben tote und verwundete Soldaten“. Szenen, die sich ebenfalls „für immer eingeprägt haben“.
Die Familie zog in eine Notunterkunft. „Ein paar Tage später wagten wir dann zu Fuß den Heimweg nach Ansbach. Dort hatten sich die Amis eingerichtet. Wir Kinder suchten sofort Kontakt zu ihnen, und die Amis waren freundlich zu uns. Ich bekam meine erste Coca-Cola und werde den Geschmack nie vergessen.“
Auch an die Armut und „das Hamstern“ in den folgenden Wochen erinnert sich Räder. „Wir Kinder hatten trotzdem viel aufregende Freizeit. Von der Turnitzstraße, meinem neuen Zuhause, war es nicht weit zu den Bombentrichtern am Bahnhof. Da gab es viel zu entdecken. Besonders angetan hatten es uns die Pulverstäbchen, die aussahen wie schwarze Spaghetti. Wir sammelten Munition, zerlegten Granaten, die in Massen herumlagen. Wir banden Bündel des Pulvers auf Holzbretter und zündeten sie an. Wie Raketenschlitten flitzten sie über die mit Wasser gefüllten Bombentrichter.“ Dass er dort spielte, wo seine Mutter gestorben war, darüber dachte der kleine Bertram nicht nach. „Ich habe das verdrängt.“
Der Ansbacher machte Karriere, er wurde ein erfolgreicher Unternehmensberater. Der Verlust seiner Mutter beschäftigt ihn noch immer sehr. Schon zum 60. Jahrestag der Bombardierungen meldete sich Räder deshalb bei der FLZ, 80 Jahre nach den Luftangriffen nun erneut. Mittlerweile ist er einer der letzten Zeitzeugen. Am 22. und 23. Februar wird Bertram Räder wieder in Ansbach sein, um an den Gedenkfeiern für die Bombenopfer teilzunehmen und um den Friedhof zu besuchen.