Eindrucksvoll: „Prima Facie“ am Theater Ansbach | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 17.02.2025 07:00

Eindrucksvoll: „Prima Facie“ am Theater Ansbach

Land auf, Land ab steht „Prima Facie“ auf den Spielplänen. Suzie Millers Monolog, ein Broadway- und Westend-Erfolg, trifft in den Nerv der Zeit. Die deutsche Erstaufführung ist kaum eineinhalb Jahre her. Jetzt läuft das Stück auch am Theater Ansbach. Eine wichtige, eindrucksvolle Produktion.

Tessa Enslers Welt ist aus dem Lot. Hinter dem Bett, das die Bühne beherrscht, ist eine riesige Tischplatte samt Gläsern, Flaschen und Löffel in die Senkrechte gekippt. Die Tischfläche wird im Kleinen Haus des Ansbacher Theaters zur Projektionsfläche eines Livestreams aus Tessa Enslers Smartphone.

Was ist ihr widerfahren?

Die Anwältin befragt sich selbst, vergewissert sich. Wer ist sie? Wo kommt sie her. Was ist ihr widerfahren? Wie geht es weiter? Ein Kollege, dem sie vertraute, mit dem sich eine Beziehung anbahnte, hat sie vergewaltigt.

Was zu tun ist, meint Tessa Ensler zu wissen. Sie ist als Anwältin auf Sexualdelikte spezialisiert, allerdings nicht, um Opfern Gerechtigkeit zu erkämpfen, sondern um Tätern einen Freispruch zu verschaffen. Sie kennt die Tricks, um Zeuginnen und Zeugen vor Gericht zu diskreditieren. Und doch kann sie im entscheidenden Moment das Kreuzverhör nicht für sich entscheiden. Sie steht als Lügnerin da. Ihr Kollege wird freigesprochen.

Anwältin kommt zu bitterer Einsicht

Tessa Enslers Fazit ist bitter: „Die weibliche Erfahrung sexualisierter Gewalt passt in kein von Männern geprägtes System. Sie entspricht keiner juristischen Wahrheit und deshalb kann es auch keine Gerechtigkeit geben.“

Suzie Miller weiß, wovon sie schreibt. Die Australierin war selbst Anwältin. Ihr Monolog „Prima Facie“ ist ein mustergültiges Stück Aufklärungstheater. So wie es die Regisseurin Andrea Pinkowski und die Schauspielerin Sophie Weikert auf die Bühne bringen, rüttelt es auf. Beide und Mayan Tuulia Frank, die Bühnen- und Kostümbildnerin, geben dem Text Atmosphären, Stimmungen und starke, surreale Bilder. Das stärkste: Sophie Weikerts langer Kampf mit dem eigenen Kleid, in dem sie wie in einem Kokon, aus dem kein Entkommen mehr ist, verschwindet. Die Szene brennt sich als Metapher einer Vergewaltigung ein.

Andrea Pinkowski inszeniert integer und mit choreographischer Präzision das Portrait einer Frau, die in sich die Widersprüche einer Konkurrenz-Gesellschaft vereint. Sophie Weikert verleiht dem Auf und Ab ihrer Figur eindringlich Kontur. Sie spielt den Erfolgsrausch genauso wie die Demütigungen und die seelischen Wunden. Da ist erst die Karrieristin in Nadelstreifen, die jede Zeugenbefragung wie einen imaginären Wettkampf betreibt und jeden Erfolg mit knalligen Gesten kommentiert, die Emoijs aus ihrem Handy sein könnten. Dann ist da die Tochter einer alleinerziehenden Mutter, die sich aus einfachen Verhältnissen hoch gekämpft hat.

Verlust und Selbstermächtigung

Und da ist die Frau, die in einer Nacht ihre Würde, ihr Selbstbewusstsein, ihre Sicherheit, ihre Überzeugungen verloren hat. Sophie Weikert scheint da eine andere geworden zu sein. Die strahlende Siegerin wird blass und bleich, ist verletzlich und gebrochen. Ein verhärmtes Kind, plötzlich gealtert. Aber nicht lange.

Tessa Ensler gibt nicht klein bei. Sie ermächtigt sich selbst. Sophie Weikert spielt es mit leisem, kämpferischen Nachdruck und langen Pausen: „Da bin ich! Und ich werde nicht schweigen.“ Und sie sagt am Ende einen Satz aus der MeeTo-Bewegung, den Gisèle Pelicot noch einmal berühmt gemacht hat: „Die Scham muss die Seiten wechseln.“

Zeichnet ein starkes Rollenportrait: Sophie Weikert als Tessa Ensler. (Foto: André De Geare)
Zeichnet ein starkes Rollenportrait: Sophie Weikert als Tessa Ensler. (Foto: André De Geare)
Zeichnet ein starkes Rollenportrait: Sophie Weikert als Tessa Ensler. (Foto: André De Geare)

Thomas Wirth
Thomas Wirth
Redakteur im Ressort „Kultur“
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