Vieles ist neu und ungewohnt bei der ersten Schwangerschaft, die neue Lebenssituation ganz unbekannt. In der KoKi-Koordinationsstelle „Frühe Hilfen“ kam sie das erste Mal zum Einsatz: Leo, eines von zwei Real-Care-Babys, eine computerunterstützte Simulationspuppe, das neue Projekt für Schwangere mit besonderem Bedarf.
Es ist genauso groß und schwer wie ein richtiges Neugeborenes und riecht nach Babypuder. Anfangs hält die junge Schwangere die Puppe noch etwas steif im Arm und weiß augenscheinlich noch nicht so genau, was sie nun damit anfangen soll. Sie ist im sechsten Monat ungeplant schwanger. Die Partnerschaft ist noch frisch, dennoch freuen sich beide Elternteile auf ihren baldigen Nachwuchs.
Puppe Leo verhält sich wie ein richtiges Baby: Er schreit, wenn er Hunger hat oder die Windel gewechselt werden muss, aber auch, wenn er einfach nur kuscheln möchte. Belohnt wird die richtige Reaktion der zukünftigen Eltern mit wohligem Glucksen. Und wie ein richtiger Säugling schreit das Simulationsbaby auch nachts und möchte versorgt werden.
Das Real-Care-Baby kann mit unterschiedlichen Handlungen und Tagesabläufen programmiert werden. Diese können anschließend ausgelesen und ausgewertet werden, um für die weitere Arbeit mit den künftigen Eltern Verwendung zu finden. Mit anfänglicher Skepsis startet die junge Frau in das Projekt, zunächst ganz langsam.
Begleitet von einer familienunterstützenden Fachkraft der KoKi werden die Eltern mit Leo vertraut gemacht. Die erste Handlung: Das Füttern. Leo fängt langsam an Laute von sich zu geben. Babyweinen und stärker werdendes Schreien, klingen wie bei einem echten Baby.
Nun muss die werdende Mutter reagieren. Kerstin Stöcker, eine Fachkraft der KoKi, zeigt ihr, wie sie das Baby richtig hält und ihm dabei die Flasche gibt. Das Füttern dauert unterschiedlich lang, mal wenige Minuten, mal auch eine Dreiviertelstunde. Ähnlich verhält es sich mit dem Windelwechseln und dem Aufstoßen, dem Bäucherchen machen.
In regelmäßigen wöchentlichen Terminen wird die Versorgung des elektronischen Kindes eingeübt. Die werdende Familie wurde über einen Zeitraum von vier Monaten begleitet. Mehr und mehr wurde Leo akzeptiert und fürsorglich versorgt – auch über Nacht. Schwierige Situationen können besprochen und somit im Vorfeld Lösungen gefunden werden.
Durch das Projekt ist es werdenden Eltern möglich, sich realitätsnah und handlungsorientiert mit ihrer baldigen Rolle auseinandersetzten. Ein Nebeneffekt ist, dass auf diese Weise auch alles Weitere rund ums Neugeborene vorbereitet wird. Die Eltern erfahren, welche Kleidung benötigt wird, wie der Wickeltisch eingerichtet wird, eine Babywanne und Heizstrahler angebracht werden und wie die Babyschale im Auto zum Einsatz kommt.
Anträge rund um die Geburt und den Mutterschutz wurden ebenfalls gestellt, zu weiteren Netzwerkpartnern wurden die Eltern vermittelt. Die zukünftigen Möglichkeiten, Menschen in ähnlichen Lebenssituationen zu treffen, wurden vorgestellt und der Babypflegekurs „Startklar fürs Baby“ der KoKi wurde besucht.
Nach zwei Monaten übernachtete Leo bei dem jungen Paar und wurde am nächsten Vormittag im Kinderwagen wieder bei der KoKi vorbeigebracht. Mit den Worten: „Ich hole Leo nächsten Dienstag wieder ab – passt mir gut auf ihn auf“, verabschiedet sich die junge Frau. Das war im vorigen Jahr. Inzwischen hat sie eine richtige Familie. Ihr Sohn wurde im November geboren.
Die spielerisch eingeübten Inhalte konnten auf den Alltag mit ihrem Sohn angewendet werden. Es läuft gut. Um der jungen Familie auch noch weiterhin eine Ansprechpartnerin zur Seite zu stellen, damit auch zukünftige Situation gemeistert werden können, wird zur weiteren Begleitung eine Familienhebamme eingesetzt.
Ermöglicht wurde die Anschaffung der Real-Care-Baby-Puppe durch die Genossenschaftsstiftung der Raiffeisenbank Neustadt. Leo hat übrigens auch eine Schwester Leni, die ebenfalls gerne in einer Familie zum Einsatz kommen möchte.