Die neue „Antigone“ am Theater Ansbach könnte auch „Kreon“ heißen. Der König von Theben rückt in den Mittelpunkt. Groß ist er in seinem Schmerz, ungeheuer in seinem Irrtum. Packend die ganze Inszenierung. Man sieht Sophokles’ Tragödie danach mit anderen Augen, wieder einmal. Mehr ist nicht zu wollen.
Der Grundkonflikt ist der: Macht und Moral prallen aufeinander. Was hat Vorrang: Staatsgesetz oder Göttergesetz, Gehorsam oder Menschenwürde? Antigone will ihren Bruder Polyneikes begraben. König Kreon, ihr Onkel, verbietet es bei Todesstrafe. Der Verräter soll ein Fraß für Vögel und Hunde werden. Antigone widersetzt sich. Kreon bleibt hart. Wer der Schurke in diesem Drama ist, scheint klar.
Frank Siebenschuh macht es sich in seiner Inszenierung nicht so einfach, deswegen ist sie so spannend. Er geht frei mit dem antiken Drama und dessen Nachdichtung von Walter Jens um. Die metaphysischen Aspekte blendet er aus, dafür ballt er die Konfliktenergien in Kreon – mit Robert Arnold hat er einen Schauspieler, der dies sehr intensiv zeigen, eruptiv durchleben kann.
Dass hier nichts mehr in Ordnung ist, dass hier eine Gesellschaft ins Chaos zu kippen droht, macht Frank Siebenschuh schnell und eindringlich klar. Die unbekümmerte Anmut von Bachs Bourrée am Anfang dauert nicht lange. Helikopterlärm zerhackt sie. Im Sand liegen Leichen bis zum Horizont, Opfer des Bruderkriegs, der den Onkel, der unversehens Kreon an die Macht bringt.
Starke Bilder schon zu Beginn. Jörg Zysik hat dafür einen hell ausgehängten Kunst-Raum samt abschüssiger Ebene entworfen. Nüchtern ist sein Bühnenbild; es bietet aber im Hintergrund eine Projektionsfläche für Pathos-Formeln der Macht, der Masse und des Untergangs: Königsköpfe, Volk in Reih und Glied, Prärie und flammendes Abendrot.
Dorthinein stellen Frank Siebenschuh und das siebenköpfige Antigone-Ensemble: den traumatisierten Theben-Clan, heutige Menschen, die der Krieg bis ins Mark erschüttert hat, die aneinander hängen, sich umarmen, ineinander verklammert sind. Ihre innere Unruhe bricht sich in Bewegungsroutinen Bahn, die aus dem Tanztheater entlehnt sind. Das ist sehr expressiv und stilisiert zugleich. Allen voran hier: Lukas Dittmer als Haimon, Annetta Chiantone als Ismene und Anna Woll als Antigone.
Der entscheidende Punkt ist jedoch der: Dieser Kreon trauert, er leidet, er liebt – so wie Antigone. Anna Woll spielt sie mit heiligem Zorn. Entsetzen über Kreon ist ihr ins Gesicht geschnitten. Aber der opfert sie nicht leicht seiner Machtlogik. Dieser Kreon, so wie ihn Robert Arnold spielt, ist nicht auf seine Herrschaft vorbereitet. Er ringt um sie, zieht falsche Schlüsse, während er anderes zu bewältigen hat: den Tod eines geliebten Menschen.
Hingestreckt liegt dessen Leichnam (Sophie Weikert) da. Wer es ist, bleibt lange mehrdeutig. Einer der Brüder, die sich gegenseitig im Kampf um die Herrschaft getötet haben? Das wäre sinnig. Es ist aber Eurydike, Kreons Frau, die bei Sophokles erst am Ende stirbt.
Kreons Verblendung löst spät, zu spät Teiresias, den Nicole Schneider als einen profitbewusst Unternehmensberater vorführt.
Ein wenig Komik und Hoffnung bringt Esther Berkel als Wächter und seilhüpfendes Mädchen in die Tragödie. Allein die Helikopter fliegen am Ende noch.