Versorgt mit heißen Getränken und Wolldecken, warten die Zuschauer im Klosterchor gespannt auf die Premiere des „Theaters in der Stadt“. Alle Plätze sind belegt, als das Licht ausgeht und melancholische Musik erklingt. „Was bleibt“ heißt das Stück. In fünf Episoden geht es um Erinnerungen.
Fast wären sie im Müll gelandet, die Erinnerungen. Bibliothekar Jürgen Passmann (Thomas Fischer) findet eine geheimnisvolle Kiste und Bettina Köhler vom Erinnerungsministerium (Luise Bernburg) weiß sofort, um was es sich beim Inhalt handelt: Erinnerungen, die keinen Besitzer mehr haben, also quasi zeitlos und ungebunden sind.
„Was sind Erinnerungen eigentlich?“, will Bibliothekar Passmann wissen. Rein wissenschaftlich betrachtet, sind sie das mentale Wiedererleben früherer Erlebnisse und Erfahrungen. Erinnerungen, so die Fachfrau, können lange halten, obwohl sie sehr fragil sind. Sie können sich verändern. Größer oder kleiner werden.
Manche würde man gerne vergessen. Und die Mitarbeiterin weiß, dass Erinnerungen viel Arbeit machen. Sie müssen angesehen und bewertet und dann archiviert oder gelöscht werden. Vorsichtig nimmt sie eine der fünf Erinnerungen aus der Kiste. Ein Puff, ein Knall, und schon wird die erste Erinnerung sichtbar.
Jede Szene beleuchtet das Thema aus einem anderen Blickwinkel. Erinnerungen muss man Zeit und Raum geben, wird klar, als man Renate Schiele (Christl Spyra) und ihre Tochter Kathrin (Özlem Dogan) bei einem nicht ganz konfliktarmen Dialog belauscht. Diese Erinnerung ist es nicht wert, archiviert zu werden, befindet Bettina Köhler. Passmann ist erstaunt, wie sie einfach so mit fremden Erinnerungen umgehen kann.
Episode zwei verdeutlicht, dass man sich ungute Erinnerungen im Nachhinein nicht schön reden, sie aber vielleicht loslassen kann. Auch diese Erinnerung erfüllt nicht die Kriterien, um ins Archiv aufgenommen zu werden: keine kulturelle Bedeutsamkeit, nicht historisch wichtig, keine neuen Informationen über den Ort. Es folgt die nächste Erinnerung. Ein Porträt weckt bei zwei Menschen völlig unterschiedliche Gefühle. Erst als sie sich gegenseitig ihre Erinnerungen schildern, fangen sie an, sich zu verstehen.
Die vierte Szene versetzt das Publikum zurück in eine längst vergangene Zeit zu Johanna, die im Gebet die Nähe zu Gott sucht. Ihre Erinnerungen sind schmerzhaft. Sehr emotional spielt Nicole Paskow die Rolle der betenden Johanna. Die Emotionen schwappen über in die Rahmenhandlung. Die bisher so sachlich und nüchtern wirkende Bettina Köhler ist tief berührt. Auch wenn sie eine Erinnerung nicht ins Archiv aufnimmt, so lebt sie doch in ihr selbst weiter. Erinnerungen sind eben hauptsächlich Emotionen und lassen sich nicht rein wissenschaftlich betrachten.
In der letzten Episode treten die Töchter von Levent Özdil deutlich erkennbar in die schauspielerischen Fußstapfen ihres Vaters. Es ist gut vorstellbar, dass sie sich selbst spielen. Elisa (Lelina Sirin Paskow) ist genervt von der jüngeren Schwester Melli (Yuna Didem Paskow), die zu viel redet und gerne und laut singt. Dennoch zeigen sich beide einander verbunden. Soll sie doch im Klosterchor singen, denkt Elisa, und das tut Melli dann auch. Mit Begeisterung und leuchtenden Augen genießt sie den Auftritt. Die Melodie des Liedes hat ihr Christian Glowatzki in die Stimme geschrieben, der die Aufführung musikalisch am Klavier umrahmte. Das Publikum fällt mit lautem Applaus in den Schluss des Stückes ein.
Die Klammer um alle Geschichten ist der Ort, denn alle Erinnerungen haben einen Bezug zum Klosterchor. Der in Bad Windheim verwurzelte, vielseitig begabte Schauspieler Levent Özdil hat das Stück „Was bleibt“ verfasst,mit einer Gruppe von Laienschauspielern über mehrere Wochen hinweg einstudiert und sich damit seinen großen Wunsch vom eigenen Theater in seiner Stadt verwirklicht. Die Erinnerungen haben teils Anteil von ihm. Selbst erlebt sind die auftretenden Kindheitserinnerungen an Vater, Großmutter, warme Milch und Behaglichkeit.
Der besondere Charme der Aufführung im Klosterchor ist, dass das Geschehen nicht auf einer Bühne spielt, sondern auf einer Ebene mit dem Publikum, zum Greifen nahe. Das Stück lässt eine Begegnung mit der Geschichte der Stadt und mit ihren Bürgern zu. Man kennt die Mitwirkenden, kann sie morgen wieder auf der Straße oder beim Einkaufen treffen.
Somit ist das Theater in der Stadt auch ein Projekt von Bad Windsheimern für Bad Windsheimer. Und es soll fortgesetzt werden. Ein neues Stück mit dem Titel „Das große Los“ liegt schon bereit. Und gerne möchte Özdil ein Projekt mit Jugendlichen starten, ein Thema aufgreifen, das ihnen wichtig ist, und daraus gemeinsam etwas entwickeln.
Für die Vorstellungen des Stücks „Was bleibt“ am Freitag, 1., und Samstag, 2. Dezember sind auf der Internetseite des Theaters in der Stadt, www.theater-in-der-stadt.de, noch Karten erhältlich. Die Aufführungen beginnen jeweils um 19.30 Uhr.