Immer mehr Menschen in der Region verlieren Hunderttausende Euro, weil sie in gefälschte Finanzprodukte investieren. Der Kriminalpolizei in Ansbach kommen bittere Fälle unter. Mit perfiden Maschen wickeln die Betrügerbanden selbst vorsichtige Anlegerinnen und Anleger ein. Was bleibt, ist ein ruiniertes Leben.
„Bing, Bing, Bing, Bing”, schellt die Glocke. „60k! 60k!”, jubelt ein Mann in einem Büro und schlägt im Sekundentakt auf die goldene Klingel. Um ihn herum: Menschen in Partystimmung. Kein Wunder, sie haben gerade 60.000 Euro verdient. Die Szene wurde in einem bulgarischen Callcenter per Handyvideo aufgenommen und liegt deutschen Ermittlerinnen und Ermittlern vor. Irgendjemand hat sich in diesem Moment entschieden, Zehntausende Euro in ein Finanzprodukt des Callcenters zu investieren. Doch das Produkt existiert gar nicht – und der Investor wird sein Geld nie wieder sehen.
Mit dem Glockengebimmel stürzen die Betrüger eine Person in finanzielle Not, die sie womöglich ihr Leben lang begleiten wird. Das Opfer wurde von der Bande mutmaßlich über Monate oder Jahre angefüttert, vertrauensvoll betreut, nahm extra Kredite auf. Bis die Falle zuschnappte.
„Cybertrading Fraud” heißt die Masche, bei der Menschen in vermeintlich sichere Fonds oder Krypto-Investitionen gedrängt werden, die nicht existieren. Eine Art Enkeltrick – nur eben nicht für Oma, sondern den etwas unsicheren Geldanleger.
Für die Betrügerinnen und Betrüger ist es derweil ein recht sicheres Investment: kaum Hebel für die Strafverfolgung, gigantische Gewinnsummen. Alleine in Bayern sicherten sie sich 2025 nach Schätzungen der Polizei Hunderte Millionen Euro Beute. „Die Zahlen haben sich seit 2020 vervielfacht”, sagt Andreas Bauereiß. Er leitet das Kommissariat für Wirtschafts- und Vermögenskriminalität bei der Kripo Ansbach.
Die Bayerische Polizei gibt Tipps, wie sich faule Geldanlagen im Internet erkennen lassen. Anlegerinnen und Anleger sollten sich demnach diese Fragen stellen:
Wenn der Polizist über Fälle von Cybertrading-Betrug spricht, klingt das eindringlich und mitfühlend. Geld zu verlieren, sei für viele schambehaftet. Opfer würden als naiv abgestempelt. Aber Bauereiß macht klar: „Es kann jeden treffen.” Die Täterinnen und Täter seien hochprofessionell, emotional manipulativ, charismatisch und für jede Volte mit einem Drehbuch vorbereitet.
Da ist der Landwirt aus dem Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim, der 270.000 Euro investierte und verlor. Der Handwerker aus dem Kreis Ansbach: 180.000 Euro futsch und finanziell ruiniert. Besonders krass: Ein Ruheständler aus dem Kreis Neustadt, dem über gut zwei Jahre insgesamt 1,2 Millionen Euro abgeknöpft wurden. Skeptisch wurde am Ende dessen Bank und bewahrte ihn womöglich vor noch mehr Verlust. „Standardfälle mit hohen fünfstelligen Beträgen” habe er zuhauf am Schreibtisch, sagt Ermittler Bauereiß.
Dabei machen sich die Gauner gar nicht mehr die Mühe, ihre Opfer auszusuchen – die Menschen kommen von selbst: über geschaltete Werbung im Internet. Hier kursieren unzählige Anzeigen für Finanzprodukte. Darunter sind seriöse Banken, Investmentfirmen, Vermögensverwalter – und die Announcen der Betrügerbanden. Wer sich auf der professionell wirkenden Website als Interessent registriert, bekommt bald einen Anruf aus einem ausländischen Callcenter – oder landet in einer Chatgruppe.
„Wenn ich schon 250 Euro höre, ist alles klar”, sagt Bauereiß. Denn eine Summe in dieser Größenordnung versuchen die Callcenter-Mitarbeitenden als Erstinvestition aufzuschwatzen. „Das tut noch niemandem richtig weh.” In einem persönlichen Portal werden den Opfern dann ausgedachte Kurse präsentiert, die stetig steigen. Und wenn sich die 250 Euro schon binnen Wochen vermeintlich in 400 Euro verwandeln, wie toll wären dann erst 25.000 Euro gewesen? „Viele haben den Überblick verloren. Und wenn dann noch Kryptowährungen hinzukommen, wird der Sachverhalt noch komplexer”, erzählt Bauereiß aus Erfahrung.
Besonders perfide ist ein weiterer Trick: Um Investoren bei Laune zu halten, lassen die Betrügenden ihnen zuweilen kleinere, angebliche Gewinne zukommen. Aber nicht mit dem eigenen Geld. Stattdessen bitten sie Opfer A, seine „Investition” auf das Konto von Opfer B zu überweisen. Opfer A glaubt in das Produkt zu investieren, Opfer B wähnt sich im Börsenglück. Nach Rechtslage macht sich Opfer B allerdings der Geldwäsche schuldig, wenn es die Summe für weitere Investitionen nutzt.
Für Bauereiß und sein Team gestalten sich die Ermittlungen herausfordernd: „Wenn die Täter fehlerarm agieren, ist es schwierig”, sagt er. „Das ist die bittere Wahrheit.” Meist führe nur eine Unachtsamkeit oder der Zufall auf die Spur der jeweiligen Bande. Die Kripo Ansbach liefert ihre Fälle der Zentralstelle Cybercrime Bayern zu, wo übergreifende Ermittlungen gebündelt werden.
Einen Erfolg konnten die Behörden in jenem Fall des bulgarischen Callcenters mit der Glocke verbuchen: Über 400 Betrugsfälle wurden der Gruppe nachgewiesen, darunter auch ein Opfer aus dem Landkreis Ansbach mit fast 300.000 Euro Verlust. Der Gesamtschaden der Bande: mindestens 20 Millionen Euro. Während die Ermittlungen weiter andauern, konnten nach Angaben der Polizei bereits 14 Beteiligte verurteilt werden.