In Meetings schweigen, trotz einer guten Idee? E-Mails vor dem Absenden dreimal umformulieren? Sich ständig fragen, was Kollegen von einem denken? Dahinter kann die Angst vor negativer Bewertung stecken, vor der Meinung anderer über einen selbst. Auf Englisch wird das Phänomen eingängig mit FOPO abgekürzt - für „Fear of People’s Opinion“.
Wer sein Handeln ständig danach ausrichtet, was andere denken könnten, hält sich selbst auf und schadet der eigenen Karriere. Was also hilft gegen FOPO? Antworten auf zentrale Fragen.
FOPO beschreibt die körperlich spürbare Sorge, was andere über uns denken, erklärt der Diplom-Psychologe und Coach Hans-Georg Willmann. Der Puls steigt, man ist verspannt oder spürt Magengrummeln. „Am liebsten wollen Betroffene solche Situation vermeiden oder aus ihr fliehen“, sagt Willmann.
Eine gewisse Anspannung ist normal und fördert die Leistung, sagt der Coach. FOPO beginnt dort, wo sie lähmt und eine Person daran hindert, ihr Potenzial auszuschöpfen. Im schlimmsten Fall könne FOPO in einer sozialen Angststörung münden: „Betroffene geraten in eine Vermeidungsspirale und sind nicht mehr handlungsfähig.“
Im Beruf geht es darum, gemeinsam eine Aufgabe zu erledigen. „Rücksichtnahme ist die Orientierung an diesem gemeinsamen Prozess“, sagt der Coach. Wer unter FOPO leidet, passt sich stattdessen an vermeintliche Erwartungen an die eigene Person an.
Die Folge: Betroffene denken mehr über ihre Wirkung auf andere nach als über die eigentliche Aufgabe. „Dann geht es nicht um die Sache, sondern um die Sicherung der Akzeptanz meiner Person“, so Willmann.
Willmann nennt drei Wurzeln, die ineinander greifen. Die erste ist die menschliche Evolution: Menschen sind darauf programmiert, soziale Zugehörigkeit zu suchen, ein Ausschluss aus der Gruppe wird als gefährlich interpretiert. Bis heute fürchtet unser Gehirn Ausgrenzung und nimmt Ablehnung als existenzielle Bedrohung wahr.
Die zweite Wurzel liegt in der Erziehung: Erhalten Kinder Anerkennung nur, wenn sie Erwartungen erfüllen, übernehmen sie diesen inneren Antreiber oft ins Berufsleben. „Besonders prägend sind solche Erfahrungen, wenn Lob und Kritik im Elternhaus inkonsistent und völlig unberechenbar waren“, so Willmann.
Die dritte Wurzel ist das Umfeld: Ein leistungsorientierter Beruf mit Führungskräften, die inkonsistente Erwartungen haben und sich zum Beispiel abwertend äußern, sind „ein idealer Nährboden für FOPO“, sagt Willmann.
Meetings, Präsentationen, Feedbackgespräche, Vorträge – jede Situation, in der man sichtbar ist, etwas leisten soll und sich bewertet fühlt, sagt Willmann. Auch Konkurrenzsituationen und die Gegenwart dominanter Menschen können Symptome auslösen.
Selbst in Alltagssituationen kann die Angst auftreten: „Manchen Betroffenen fällt es sogar schwer, in der Kantine vor Kollegen zu essen“, sagt der Coach.
Karriereberaterin und Unternehmerin Ragnhild Struss nennt mehrere Warnsignale: Betroffene investieren übermäßig viel Zeit in Absicherung, indem sie etwas E-Mails oder Präsentationen immer wieder überarbeiten.
Im direkten Kontakt wägen sie übergenau ab, was sie wem sagen. Sie entschärfen Aussagen aus Angst vor Konfrontation, und ärgern sich später darüber.
Ebenfalls typisch: Nach Gesprächen kreisen die Gedanken. „Die Leute versuchen ständig zu rekonstruieren, wie sie gewirkt haben“, sagt Struss. Feedback zu ihrem Verhalten betrachten sie als Urteil über ihren Wert als Mensch. Selbst Lob können sie nicht annehmen, „weil ihnen die innere Grundlage dafür fehlt“.
Oft meiden Betroffene deshalb bewusst Sichtbarkeit, indem sie etwa Präsentationen anderen überlassen oder sich aus besonders exponierten Situationen zurückziehen. „FOPO kann zu einem echten Karrierehindernis werden“, warnt die Coachin.
Ragnhild Struss rät bei akuten Symptomen das eigene Nervensystem zu beruhigen. „Länger ausatmen als einatmen, zwei bis drei Atemzüge lang“, empfiehlt sie. Das senke den Stresslevel, ohne dass andere etwas merken.
Auch ein kurzes Verlassen der Situation könne helfen: „Holen Sie sich zum Beispiel ein Getränk, ordnen Sie ihre Gedanken und machen Sie sich immer wieder klar: Ich bin hier, um der Sache zu dienen“, sagt Struss.
Für Meetings und Gespräche empfiehlt sie sogenannte Joker-Sätze: kurze, vorbereitete Formulierungen wie „Ich sehe hier ein Risiko“ oder „Ich habe eine Rückfrage“. Solche Sätze erleichtern der Beraterin zufolge den Einstieg ins Gespräch. Wichtig sei es, mit kleinen Wortmeldungen zu beginnen, statt den perfekten Beitrag anzustreben.
„Langfristig geht es darum, den Selbstwert zu stärken und Grenzen zu setzen“, sagt Struss. Wer spürt, dass die Angst vor der Meinung anderer den Berufsalltag stark einschränkt, sollte prüfen, welche Veränderungen im Arbeitsumfeld möglich sind.
Genügt das nicht, empfiehlt sie professionelle Unterstützung. Ob Coaching oder Therapie der richtige Weg ist, hänge von der Schwere der Belastung ab. „Wer permanent körperliche Stresssymptome hat, dauernd schlecht schläft oder ständig grübelt, sollte eher eine Therapie in Betracht ziehen“, sagt Struss.
Und wenn sich Betroffene nicht sicher sind, welche Art von Hilfe sie brauchen? Struss empfiehlt ein Erstgespräch mit einem Profi: „Ein guter Coach oder Psychologe kann einschätzen, welcher Weg passt, und wird das auch deutlich sagen.“
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