„Bassd“: Den Ausdruck fränkischer Begeisterung, man hörte ihn oft am vergangenen Wochenende in Berna. Berna, das lernt man als Zugereister schnell, Berna ist Burgbernheim. Der Dialekt verknappt den Namen aufs Knappste – fränkische Sparsamkeit.
Alles andere als knapp bemessen war das, was am Wochenende auf dem Kapellenberg zu erleben war. Die dritte Ausgabe des Mundart-Festivals knüpfte mit einem üppigen Programm an die zweite an, als seien inzwischen keine sechs Jahre vergangen. Da ist er wieder, dieser bodenständige Dreiklang aus Natur, Erholung, Kultur.
Es duftet nach Gegrilltem. Entspannt geht es zu. Wer nicht auf Stühlen oder Bänken sitzen mag, hockt sich ins Gras und lässt den lieben Gott einen guten Mann sein, horcht zu, schaut hin. Es bassd in Berna. Das Wetter. Die Organisation. Das Essen. Die Musik. Die Texte.
Im Festzelt und auf der Streuobstbühne macht sich eine Stimmung breit, die wieder den Verdacht nährt, dass Edzerdla eine Art Mundart-Woodstock ist. Die Barden, Poeten und Song-Dolmetscher sprechen halt Dialekt, irgendeine der ungezählten Fränkisch-Varianten.
Weltläufig haben sie ihre Mundart gemacht. Dschubbi und Jerry Zwaavodoo oder die Scheinfelder Band Nauswärts, zum Beispiel. Die gemeinden die Beatles oder Elvis mit ihren Übersetzungen ein. Es geht noch weiter zurück. Joachim Adam-czewski hat Catull vertont, den römischen Dichter. Die lateinischen Verse von Liebe und Hass sind über 2000 Jahre alt, Hans Boas hat sie geschmeidig ins Fränkisch übersetzt. Adamczewski singt sie enthusiastisch zur Gitarre, schöner als so mancher Liedermacher seine eigenen Songs. Als ehemaliger Windsbacher kann er halt singen.
Gegen Abend gibt es eine Edzerdla-Premiere: „Am Kiosk“, das erste abendfüllende Theaterstück. Das Theater Kuckucksheim aus Heppstädt hat dafür einen Kiosk wie aus dem Bilderbuch auf die Bühne im Festzelt gestellt. Stefan Kügel und seine Söhne, Benjamin und Nando Seeberger, blättern darin Lebensgeschichten auf, erzählen von Liebe, Fernweh, Daheimbleiben, von Scheitern und Erfolg.
Geschichten, wie man sie sich am Kiosk erzählen und weiterfabulieren könnte. Weil die drei auch Puppenspieler sind, verwandeln sich die Dinge in Mitspieler. Schokoriegel, Lutscher, Bierflasche und einiges mehr ergeben ein buntes Ensemble. Und ein gelber Fahrradhelm taugt als Sonne überm Meer.
Mit viel Humor und Nachdenklichkeit, mit runderneuerten alten Hits auf Fränkisch und wuchtig poetischer Bühnenpräsenz wird „Am Kiosk“ zu prallem Erzähltheater. Das Publikum feierte es.
Die Mädchen und Frauen aus Eschenbach brachten am Freitagabend das Publikum schon zum Mitsingen und -klatschen. Das Kellerkommando aus Bamberg übernimmt mit ein paar Umdrehungen mehr. Es singt auch Kerwalieder. Im Turbomodus. David Saam (Akkordeon), Stefan Schalanda (Trompete), Jakob Winterstein (Bass), Joachim Leyh (Drums) und Ilya Khenkin (Posaune) verlassen sich in der Tradition der Volksmusik auf die Eingängigkeit klarer Melodien, und legen darüber eine endlose Batterie aus ihrem breiten Regal.
Punk, Rap, Rock, Soul, Klezmer, nichts fehlt, und vor der Bühne wird es eng. Band und Fans knien nieder, ein knallblauer Irokese ragt aus der Menge, dann bittet die Band wieder zum Tanz. Nach mehreren Zugaben entkommt sie nur mit einem Zug durchs Zelt. Mit dem unverwüstlichen „Weil wir die Mondscheinbrüder sind, und in der Früh erst heimwärts ziehen“ geht es hinaus in die Nacht.
Wer nicht Fränkisch kann, könnte die Brüder Georg, Heiner und Johannes Bomhard nur für virtuose Musikanten halten, die lässig zwischen allen Rhythmen, Tonarten und Traditionen vom Kerwatanz bis zu Tango und Polka wechseln. Georg am Kontrabass, Heiner am Akkordeon, Johannes an der Gitarre. Sie singen wunderbar dreistimmig und sehen so nett aus, dass man sie ins Herz schließen muss. Aber Obacht!
Diebische Freude blitzt aus ihren Augen, wenn sie sich erst an das Ei und das Küken hinschmelzen und den romantischen Lebenszyklus des süßen Hühnchens mittags auf dem Tisch enden lassen. Danach trifft es ein Rehlein und als sie drunten am Bach sind, wo das Wasser sanft plätschert, wäre die Wasserleiche eines Hasen keine Überraschung.
Mitten im Lied schleicht sich Cleopatra, die zutrauliche Katze aus dem Haus am Oberen Bahnhof in Burgbernheim, auf die Bühne, vielleicht hat sie das vom Bach gehört. Kurz den Atem anhalten, doch Cleopatra muss nichts befürchten, als sich Johannes Bomhard bückt. Sie wird gestreichelt, sind ja nur Texte.
Katze, Obstbäume, Blumenwiese, Blick ins Tal, drüben fährt ein lautloser ICE an der Frankenhöhe entlang, Abendsonne hinter der Streuobstbühne. Da ist man mit der Kapelle froh, nicht irgendwo in Oberbayern zu sein, wo die Kartoffelernte zum Event aufgeblasen wird, am Feldweg ein Airbnb wächst und der Acker in den Lonely Planet wandert.
Die Franken aus Andorf bei Dietenhofen fordern stattdessen die Kerwa-Sau als Weltkulturerbe. Und die Butter? „Muss waach sei“, singen die Bomhards a cappella, mit Inbrunst, waach für den Kuchen. Und die Torten. Und die Plätzchen. Den Stollen, die Schneeballn, die Brezn. Die Spannung steigt, wie wird es enden? Immer schneller werden die Musiker, am Ende geht es atemlos durch Butter und Gebäck und wer versucht, das nachzusingen, sollte seine Zunge hüten.
Das Publikum johlt, bis die Brüder aus Dietenhofen wehmütig an die Großeltern denken, an die Oma, die unermüdlich die Kinder in ihrer Küche verwöhnt hat, unvergessbar, daneben der Opa, der am Tisch beim Zeitungslesen einschläft, in Oberasbach. Eines der Lieder, die sie bei ihrem allerersten gemeinsamen Auftritt auf dem Edzerdla 2016 gesungen haben. Das, sagt Heiner Bomhard, ist immer noch sein Lieblingslied.
Die dritte Auflage des Festivals bringt außer der Kapelle Bomhard auch andere zurück. Zum Beispiel die Aaschgrundbänd. Sie ist immer noch im Tal der Aisch, hat aber einen weiten Weg hinter sich. Musikalisch so ausgefeilt wie nie, spielfreudig wie eh und je zwischen Blues und Rock’n’Roll. Das Augenzwinkern ist gewachsen, wenn sie von ihrer Heimat rund um Dachsbach schwärmen, sich nach dem ersten Tag in der Fremde zurücksehnen, als ob sie es wirklich nirgends anders aushalten würden. Ihr Horizont reicht viel weiter, aus einem Gedicht von Helmut Haberkamm machen sie einen Reggae, und das nächste Lied bietet wieder mindestens zwei Böden. Gilt die Liebe den Frauen oder den Gitarren? Bernd Adler, Wolfgang Gürtler und Michael Klein machen sich und dem Publikum einen Heidenspaß.
Pfarrer Rainer Schmidt ist aufgeregt. Nicht, weil er einen Gottesdienst halten sollte. Auch nicht, weil er vor 700 Menschen steht. Sondern, weil er Fränkisch reden darf. „Sonst habe ich das immer vermeiden müssen, damit mich möglichst viele verstehen.“ Versprechen will er aber nicht, ob er alles richtig ablesen könne, was er in Mundart aufgeschrieben hat. „Obwohl ich es selbst geschrieben habe“. Dafür bittet er vorab um Verständnis. „Aber ihr seid ja alle freiwillig hier.“
Für den Burgbernheimer Pfarrer gibt es den ersten Beifall, und so geht es weiter. Es ist ein Gottesdienst, der zeigt, wie heiter es am Sonntagvormittag sein kann. Thomas Rohler am Piano legt einen lockeren Klangteppich, auf dem der St.-Johannis-Chor mit 35 Frauen und Männern seine Lieder unters Zeltdach schweben lässt. Die Besucherinnen und Besucher singen fröhlich mit, ein solches Konzert hat Edzerdla noch nicht erlebt.