„Ich war immer stolz auf meinen Beruf”, betont Jutta Görl. Die Unternesselbacherin gehörte zu jenen Frauen, die bis in die 1960er Jahre dafür sorgten, dass es mit dem Telefonieren klappte. Als „Fräulein vom Amt” vermittelte sie Gespräche – bis die Automatisierung zuschlug.
Dies war ab 1966 in der Bundesrepublik der Fall: Ab diesem Zeitpunkt konnten die Bürgerinnen und Bürger selbst anwählen. Auf dem Gebiet der DDR war die Handvermittlung noch länger im Einsatz, erzählt Jutta Görl, die am Samstag ihren 85. Geburtstag feiert. Nach Abschluss der Volksschule in Diespeck, besuchte sie ab 1956 zwei Jahre lang die Handelsschule in Neustadt. Der Fokus lag hier auf dem kaufmännischen Bereich. Betriebswirtschaft und Buchführung gehörten unter anderem zum Unterricht. „Als ich fertig war, war es eine Katastrophe, eine Stelle zu bekommen”, erinnert sich die zweifache Mutter, vierfache Großmutter und dreifache Ur-Oma.
Positiv erwies es sich, dass Firmen immer wieder mal in der Handelsschule vorbeischauten und freie Stellen meldeten, darunter auch die Post. „Als ich das erfahren habe, bin ich schnurstracks zur Post gegangen und habe mich vorgestellt”, erzählt die Unternesselbacherin. Sie bekam den Zuschlag und wurde als Angestellte eingestellt. Wichtige Voraussetzungen für ihren zukünftigen Job als „Fräulein vom Amt” brachte die junge Frau mit: Sie war jung, ledig und hatte eine gute Schulbildung (frühere Mittlere Reife). „Reden musste man auch können. Das war ausschlaggebend. Das konnte ich”, erzählt sie schmunzelnd.
Von August bis November 1958 war sie zur Einarbeitung in der Fernmeldeschule in Nürnberg. Dort wurden die angehenden Telefonistinnen auf ihre zukünftige Aufgabe vorbereitet. Sprechübungen und das richtige Melden am Telefon wollen gelernt sein. „Wir mussten immer zwo statt zwei sagen und nach der Schrift sprechen”, kann sich Julia Görl noch gut erinnern.
Nach der Einarbeitung begann die damals gerade erst 16-Jährige ihre Tätigkeit in Neustadt. Nur vier Monate war sie jedoch als „Fräulein vom Amt” in der Kreisstadt tätig. „1959 erfolgte dort die Automatisierung und wir wurden überflüssig.” Danach ging es für neun Monate nach Gunzenhausen, wo sie bei Privatleuten ein Zimmer angemietet hatte.
An die Zeit als „Fräulein vom Amt” denkt die heute 85-Jährige gerne zurück, auch wenn es ziemlich stressig war und im Schichtbetrieb gearbeitet wurde – an sieben Tagen die Woche, rund um die Uhr. Bei Wind und Wetter und auch spätabends fuhr sie mit dem Fahrrad zur Arbeit. Während vor allem die geteilten Dienste nicht sonderlich angenehm waren, war in der Nachtschicht in der Regel wenig los. Anders als tagsüber wurde in der Nacht der Anruf mittels eines Tons angezeigt, sonst wurden die an einem „Klappenschrank” sitzenden Telefonistinnen durch das Herunterfallen einer Klappe am Schrank auf den Gesprächswunsch aufmerksam.
Die Frauen stellten nun mittels einer Steckverbindung die Verbindung zum „anrufenden” Teilnehmer her. „,Fernmeldeamt Neustadt, Platz 1', habe ich in Neustadt gesagt”, erzählt Görl. Der eigene Name wurde nicht genannt. Am anderen Ende der Leitung wurden dann Ort und Nummer der gewünschten Empfängerin oder des Empfängers genannt.
Danach wurde die Verbindung hergestellt. Die Telefonistin meldete dann das Gespräch mit den Worten „Ich verbinde” an. Dafür wurden stets drei Minuten berechnet, auch wenn es kürzer ausfiel, weiß die Seniorin noch genau. Anders als heute wurde generell nicht lange gesprochen. Wenn ein Telefonat sehr lange ging, wurde schon einmal nachgefragt, ob noch kommuniziert wird.
Zu den Aufgaben des „Fräuleins vom Amt” gehörte es auch, die Dauer des Gesprächs zu protokollieren. Jeden Tag wurden etliche Telefonate verbunden, man bekam dabei auch das eine oder andere mit. „Wir haben einen Eid abgelegt, niemandem etwas zu erzählen.” Daran hat sie sich immer gehalten. Der Eid gilt zeitlebens.
Nach ihrer Tätigkeit in Gunzenhausen kam Görl nach Nürnberg in die Fernmeldebuchstelle, wo die Unterlagen für das Telefonbuch erstellt worden waren. „Früher musste sich jeder im Telefonbuch aufnehmen lassen.” Dafür gab es strenge Vorschriften. Auch nachdem ihr Sohn 1966 auf die Welt kam, arbeitete sie noch drei Jahre weiter. Per Zug ging es nach Nürnberg. „Ich habe ganztags und auch samstags gearbeitet, das war die ersten Jahre ganz schön hart”, resümiert sie. Als ihre Tochter geboren wurde, beendete sie ihre berufliche Tätigkeit.
Die Zeit als „Fräulein vom Amt” will die rüstige Unternesselbacherin, die mit ihrem Mann immer gerne verreiste, nicht missen. „Als junge Frau wurde ich dadurch sehr selbstständig und konnte vieles selbst entscheiden, was ich machen möchte.” Schön war es auch, eigenes Geld zu verdienen. Wenn sie heute telefoniert, greift sie am liebsten auf ihren Festnetzapparat zurück. Während heute fast jeder und jede ein eigenes Telefon besitzt, konnten sich lange Zeit viele diesen Luxus nicht leisten. Ein Handy hat Jutta Görl inzwischen auch, das wird aber eher selten genutzt. Da bleibt sie ihrem anderen Festnetzapparat treu, ein bisschen Nostalgie muss sein.