Geboren im Schießhaus: Er erlebte in Ansbach die raue Nachkriegszeit | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 05.06.2024 19:11

Geboren im Schießhaus: Er erlebte in Ansbach die raue Nachkriegszeit

Mit ein wenig Wehmut hat Walter Beyerlein im April registriert, dass das alte Schießhaus am Ansbacher Zeilberg dem Erdboden gleichgemacht wurde. Doch für Beyerlein war es nicht nur ein Stück Zeitgeschichte, sondern etwas ganz Persönliches: Vor 77 Jahren hat er hier das Licht der Welt erblickt.

Generationen von Kindern erinnern sich an die Sommer am Zeilberg, an die Kinder-Zeltstädte und an das alte Schießhaus, dass als Materiallager und als Unterkunft für die Betreuer diente.

Doch es gibt auch eine Zeit vor den schönen Sommern. Eine Zeit, die ungleich schwerer und härter war. Es war die Zeit, als Deutschland in Trümmern lag, die Ausgebombten und die Flüchtlinge aus dem Osten ein Dach über dem Kopf suchten. Auch Walter Beyerlein kann eine solche Geschichte erzählen.

Der Vater sieht die Bomben einschlagen

Sie beginnt im Jahr 1944, als der Soldat Andreas Beyerlein vor Leningrad verwundet wird. Ein steifer Arm wird ihm bleiben und Granatsplitter im Unterkiefer. Für ihn ist der Fronteinsatz zu Ende, und er kehrt in seine Heimatstadt Ansbach zurück, wo seine Eltern in der Knebelstraße wohnten.

Doch dann kam der 22. Februar 1945, der große Bombenangriff der Alliierten auf Ansbach. Andreas Beyerlein befindet sich an diesem Tag etwas außerhalb der Stadt und sieht die Bomben einschlagen. Eine Explosion in der Nähe des Zeilbergs schockt ihn. Beyerlein ist sicher: Das Haus seiner Familie ist getroffen worden. Tatsächlich hat das Haus einen Volltreffer abbekommen, Beyerleins Mutter und ein Neffe sind unter den Todesopfern.

Doch auch das Haus gibt es nicht mehr. Sein Vater Johann und Andreas Beyerlein werden zusammen mit weiteren Ausgebombten im nahen Schießhaus einquartiert.

Ein Liebesglück mit einem Haken

Das Leben geht weiter, auch wenn es an allem fehlt. Andreas Beyerlein arbeitet weiter bei der Post. Dort lernt er die Briefträgerin Frieda kennen. Doch das Liebesglück hat einen Haken: Frieda ist verheiratet. Sie muss erst geschieden werden, ehe das Paar sich am 8. Februar 1947 das Ja-Wort geben und Frieda ins Schießhaus einziehen kann. Da ist der Nachwuchs längst unterwegs. „Das war eine sehr kurze Schwangerschaft“, kommentiert heute Walter Beyerlein und lacht: Denn schon am 21. März 1947 wird er geboren.

Um ein Haar wäre es nur ein kurzes Leben geworden, denn Walter bekommt mit sechs Wochen eine schlimme Diarrhö. Seine Mutter hat ihm später erzählt, dass sie ihn mit einer der wenigen in der Stadt vorhandenen Dosen Kondensmilch durchgebracht habe. Im Oktober des gleichen Jahres bekommen die Beyerleins zwei Zimmer in der Crailsheimstraße 2. Nichts Luxuriöses. „Das Leben hat sich damals in der großen Küche mit dem Ofen abgespielt“, erinnert sich Walter Beyerlein an seine Kindheit. Das Trinkwasser kam aus einem Brunnen, eine Wasserleitung hat das Anwesen erst 1959 bekommen.

Opa Johann hat bis zu seinem Tod am 28. April 1966 am Zeilberg 1 im Schießhaus gewohnt.

Walter Beyerlein hat das Schießhaus am Zeilberg vor zwei Jahren, an seinem 75. Geburtstag, noch einmal besucht. (Foto: Monika Kabitschke)
Walter Beyerlein hat das Schießhaus am Zeilberg vor zwei Jahren, an seinem 75. Geburtstag, noch einmal besucht. (Foto: Monika Kabitschke)
Walter Beyerlein hat das Schießhaus am Zeilberg vor zwei Jahren, an seinem 75. Geburtstag, noch einmal besucht. (Foto: Monika Kabitschke)
Frieda und Andreas Beyerlein mit dem gerade einmal drei Monate alten Söhnchen Walter auf einer Aufnahme im Juli 1947. (Repro: W. Vennemann)
Frieda und Andreas Beyerlein mit dem gerade einmal drei Monate alten Söhnchen Walter auf einer Aufnahme im Juli 1947. (Repro: W. Vennemann)
Frieda und Andreas Beyerlein mit dem gerade einmal drei Monate alten Söhnchen Walter auf einer Aufnahme im Juli 1947. (Repro: W. Vennemann)
Der Eintrag im Geburtsregister: Am 21. März 1947, um 5.45 Uhr, ist Walter Beyerlein im Schießhaus am Zeilberg geboren. (Repro: Winfried Vennemann)
Der Eintrag im Geburtsregister: Am 21. März 1947, um 5.45 Uhr, ist Walter Beyerlein im Schießhaus am Zeilberg geboren. (Repro: Winfried Vennemann)
Der Eintrag im Geburtsregister: Am 21. März 1947, um 5.45 Uhr, ist Walter Beyerlein im Schießhaus am Zeilberg geboren. (Repro: Winfried Vennemann)

Winfried Vennemann
Winfried Vennemann
Redakteur
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