Hartnäckiger Kampf für mehr Lebensqualität in Oberlaimbach | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 15.01.2024 13:25

Hartnäckiger Kampf für mehr Lebensqualität in Oberlaimbach

Das Sprecherquartett der Oberlaimbacher Bürgerinitiative Tim Ohlmann, Janina Kern, Uwe Barthelmeß und Ortssprecherin Barbara Haack (von links) ist auf einen langen Weg eingestellt. (Foto: Andreas Reum)
Das Sprecherquartett der Oberlaimbacher Bürgerinitiative Tim Ohlmann, Janina Kern, Uwe Barthelmeß und Ortssprecherin Barbara Haack (von links) ist auf einen langen Weg eingestellt. (Foto: Andreas Reum)
Das Sprecherquartett der Oberlaimbacher Bürgerinitiative Tim Ohlmann, Janina Kern, Uwe Barthelmeß und Ortssprecherin Barbara Haack (von links) ist auf einen langen Weg eingestellt. (Foto: Andreas Reum)

Das erste Februarwochenende im vorigen Jahr hat in Oberlaimbach (und nicht nur dort) so manchen aufgeweckt, sagen Uwe Barthelmeß, Barbara Haack, Janina Kern und Tim Ohlmann. Das Quartett bildet das Sprecherteam der örtlichen Bürgerinitiative, die sich drei Monate später gründete – und seitdem schon einiges erreicht hat.

An jenem Samstagabend, am 4. Februar, kippte ein Lastwagen in einen Vorgarten. Der Fahrer hatte den Gehsteig für eine Fahrspur der Bundesstraße gehalten. Der Mann kam mit glimpflichen Verletzungen davon. Doch eine Gartenmauer war zerstört, ein Baum halb umgefahren. Für die Oberlaimbacher war damit das Maß endgültig voll.

„Jeder Oberlaimbacher hat ganz verrückte Verkehrserlebnisse”

Zu viele Schäden und Verletzte bis hin zu einem Toten hatte man schon miterleben müssen. Ganz abgesehen von zahllosen Beinahe-Unfällen. „Jeder Oberlaimbacher hat ganz verrückte Verkehrserlebnisse, wo einem die Haare zu Berge stehen“, sagt Ohlmann. Haack, die auch Ortssprecherin des Stadtteils ist, kann ein aktuelles Beispiel beitragen: Sie wartete an der Ampel in Dorf und hatte als Fußgängerin Grün. Sicherheitshalber ist sie stehengeblieben, weil sie sah, wie ein Auto mit unverminderter Geschwindigkeit nahte – und die rote Ampel prompt überfuhr.

Die Ampel zählt im Übrigen zu den Erfolgen, die die Bürgerinitiative für sich verbuchen kann. Eine Lichtzeichenanlage war im Zuge der Dorferneuerung zwar ohnehin vorgesehen, doch die ist bis heute nicht über das Planungsstadium hinausgekommen. Zum Schulbeginn, also noch vor den Landtagswahlen, wurde eine behelfsmäßige Ampel aufgestellt – mit Zählwerk, um Indizien zu sammeln, wie rege der Fußgängerverkehr in dem Dorf mit seinen gut 120 Einwohnern tatsächlich ist.

Gerne würden die Einwohner die Straße queren können, ohne zu bangen. Ein bisschen Dorfplatzcharakter, etwas wohnlicher, grüner könnte der Ortskern sein, finden sie – einfach mehr Lebensqualität. Dafür kämpfen sie.

Wahljahr spielte den Aktivisten in die Karten

Es war ein wenig Zufall, dass jener kapitale Crash in ein Landtagswahljahr fiel. So interessierte sich eine stattliche Zahl an Berufspolitikern für Oberlaimbach. „Das war nicht unser Schaden, dass Wahljahr war“, mutmaßt Ohlmann. Die Oberlaimbacher haben dabei aufmerksam registriert, wer sich wie verhielt.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) habe zum Beispiel schlichtweg geleugnet, dass die B8 eine Ausweichstrecke für die Autobahn – die A3 – sei. Formal habe er zwar Recht, faktisch sei das aber so, sagen die Oberlaimbacher und verweisen auf belegbare Zahlen. Denn am westlichen Ortseingang gibt es seit vielen Jahren für die B8 eine Dauerzählstelle mit der Nummer 9272. Diese kann jeder im Internet (auf der Homepage der Landesbaudirektion) einsehen. Immer, wenn auf der A3 eine größere Störung ist, klettern die 9272er-Werte in die Höhe, erklärt Ohlmann, der bekennt, ein bisschen zum Zählstellen-Nerd geworden zu sein.

Rund 9000 Fahrzeuge täglich

Er bringt zum Pressegespräch ausgedruckte Grafiken der Zählstatistiken mit. Daraus lässt sich ein über die Jahre wachsendes Verkehrsaufkommen ablesen, „mit einer Corona-Delle“, wie Ohlmann anmerkt. Rund 9000 Fahrzeuge fahren demnach inzwischen im Schnitt täglich durchs Dorf. Auch lasse sich beobachten, dass es zu Ferienzeiten regelmäßig mehr sind als außerhalb der Urlaubsaisons.

Helmut Weiß (CSU) habe ebenfalls erst überzeugt werden müssen. Der Landrat habe eine Tempo-70-Begrenzung vor den beiden Ortseingängen für nicht machbar gehalten – und dann kam das doch ziemlich bald. Dieses Verdienst rechnet der Sprecherkreis hauptsächlich einem anderen CSU-Politiker zu, dem Bundestagsabgeordneten Tobias Winkler. Die Christsozialen hätten sich insgesamt recht gut für Oberlaimbachs Interessen eingesetzt, findet das Quartett.

Doch Unterstützung erfuhr man auch von anderen, etwa von Gabi Schmidt (Freie Wähler), die etliche praktische Tipps gegeben habe, was eventuell über die Dorferneuerung erreichbar sein könnte. Oder auch von den Grünen.

Langsamer fahren auch auf Hauptstraßen

So beschloss die Stadt im Sommer die Mitgliedschaft in der bundesweiten Initiative „Lebenswerte Städte durch angemessene Geschwindigkeiten“, der inzwischen über tausend Kommunen in Deutschland angehören. Bürgermeister Claus Seifert (SPD) hatte dem Stadtrat den Beitritt auf Vorschlag der Oberlaimbacher Bürgerinitiative empfohlen. Diese, so verriet Kern, hatte diesen Tipp jedoch von der bündnisgrünen Landtagsabgeordneten Barbara Fuchs.

Die Städteinitiative will vor allem mehr Entscheidungsfreiheit für die Kommunen bei innerörtlichen Verkehrsregelungen beziehungsweise „ein stadt- und umweltverträgliches Geschwindigkeitsniveau im Kfz-Verkehr – auch auf den Hauptverkehrsstraßen“.

Umgehung bleibt eine Vision

Tempo 30 in Oberlaimbach? „Das würden wir nehmen“, sagt Ohlmann, wohlwissend, dass dies in weiter Ferne ist. Aber vielleicht nicht ganz so weit wie eine andere große Vision: eine Umgehung. Deren Umsetzung ist, wenn überhaupt machbar, eine Frage von Jahrzehnten, ist man sich klar. Auch das haben die Gespräche mit den vielen Politikern gezeigt. Von den Grünen etwa bekomme man so gut wie für alle Forderungen Unterstützung, aber nicht für eine Umgehung.

So blickt die Initiative vorrangig auf das ihrer Ansicht nach Machbare. Das ist zum Beispiel eine bessere Straßenbeleuchtung, gerade an den Ortsenden. Wer etwa nach Hohlweiler abbiegt, der kreuzt einen unbeleuchteten Radweg, was vor allem in der dunklen Jahreszeit tückisch werden kann, erläutert Barthelmeß. Da werde es zum Risiko, abends ein Kind noch schnell mal zum Supermarkt zu schicken.

Verkehrsberuhigung als zentrales Thema

Das zentrale Thema aber ist: „Wie kann ich ein Dorf verkehrsberuhigen ohne Umgehung.“ Verkehrsinseln an den beiden Ortsenden könnten dazu beitragen, mutmaßt das Sprecherteam. Dann kämen die Autos schon mal etwas langsamer im Dorf an.

Und dort dann solche Maßnahmen wie im benachbarten Markt Bibart? „Wenn es in Oberlaimbach so aussehen würde wie Markt Bibart, würde ich mich schon freuen“, sagt Kern. Allerdings hat das Nachbardorf ja bereits eine Umgehung und ist damit mit Oberlaimbach nur noch bedingt vergleichbar.

Zur Temporeduktion könnten eventuell auch Radarkontrollen beitragen. Dass diese bereits intensiviert wurde, sieht die Initiative als einen weiteren ihrer Erfolge. Allerdings könnte das Blitzen durchaus noch optimiert werden. Denn am schnellsten wird nicht während der Hauptverkehrszeiten gefahren, sondern in den Randzeiten. „Morgens um 6 und abends um 9 da wird richtig gerast“, lautet Kerns Einschätzung.

Unbekannte zerstörten etliche Transparente

„Blitzer“ steht denn derzeit auch auf etlichen der Transparente im Dorf, mit denen die Oberlaimbacher ihren Protest in die Öffentlichkeit tragen. Allerdings machte man mit diesen Plakaten und Bannern auch schon ungute Erfahrungen. Eines Tages waren etliche davon beschädigt beziehungsweise entwendet worden. Manche fanden sich am Bach wieder, eines in Ullstadt.

Betroffen waren hauptsächlich jene Slogans mit politischem Inhalt, merkt Haack an. Wer das gewesen sein könnte? Da tappt man im Dunkeln, aber Kern sinniert, dass es doch auch Menschen gibt, die gerne schnell fahren. Einen konkreten Verdacht hat das Sprecherquartett nicht, gibt aber zu, dass man sich über dieses missgünstige Verhalten ziemlich geärgert habe.

Hoffen auf einen Mentalitätswechsel

Inzwischen hängen wieder zahlreiche Transparente, und für neue Textideen ist die Bürgerinitiative jederzeit aufgeschlossen. Auch über andere Protestformen denkt man nach; da sei aber noch nichts abgesprochen und damit noch nicht spruchreif, erklärt Ohlmann.

Was es eigentlich braucht, ist ein Mentalitätswechsel, „dass die Autos nicht immer die Nummer eins sind“, formuliert Haack. Der Mensch sei letztlich doch wichtiger, und Ohlmann hofft, mit solch einem Bewusstsein gäbe es vielleicht auch die Bereitschaft, freiwillig langsam durch ein Dorf zu fahren.

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