Helene Vered, geborene Hamburger, die vermutlich letzte Jüdin mit Geburtsort Dinkelsbühl, ist tot. Sie verstarb wenige Wochen nach ihrem 100. Geburtstag in Israel. Engen Kontakt zu Helene Hamburgers Familie hält Kirchenrat Dr. Gerhard Gronauer, obwohl aufgrund der Lage im Nahen Osten persönliche Begegnungen nicht mehr möglich waren.
Helene Vered, geborene Hamburger, war am 5. September 1925 in der Langen Gasse 28 geboren worden. Ihre Dinkelsbühler Heimat ging 1938 verloren: Die jüdische Familie wurde am Tag nach der Pogromnacht vertrieben. Während viele Angehörige später in Konzentrationslagern starben, schafften es das Mädchen und seine Eltern in die Schweiz und von dort nach Palästina.
Nach dem Krieg hatte die junge Frau 1946 in der Stadt Holon, die damals weniger als 10.000 Einwohner zählte, mit Uri Vered eine Familie gegründet. Ihr Mann, der als Ingenieur in einem Elektrizitätswerk arbeitete, hatte ebenfalls Bezug zur Region. Sein Herkunftsort war Gunzenhausen. Sein ursprünglicher Name lautete Ulrich Rosenfelder. Doch in Palästina hatte er sich für die Annahme eines hebräischen Namens entschieden. Die Wahl fiel auf Vered, das hebräische Wort für „Rose“. Helene und Uri Vered bekamen drei Kinder: einen Sohn und zwei Töchter, von denen die jüngere bereits verstorben ist.
Gerhard Gronauer hatte Helene Vered 2018 in ihrer israelischen Heimat besucht. Er interessiert sich seit Jahren intensiv für die Biografien Dinkelsbühler Jüdinnen und Juden. So kam auch der Kontakt zu Helene Vered zustande, die sich über das Interesse gefreut hatte und in deren Leben die Erinnerung an die Heimatstadt bis zuletzt eine große Rolle spielte.
In ihrem Haus in Israel hatte die Seniorin ein Gemälde hängen. Zunächst hatte Gronauer dieses für eine normale romantische Dinkelsbühler Stadtansicht gehalten. Doch bei weiterer Betrachtung hatte sich ihm die Tragik der dargestellten Szene erschlossen, denn das Bild hält den Moment fest, in dem die jüdische Familie mit bepacktem Leiterwagen die Stadt verlassen muss. Auf der Rückseite steht „In Erinnerung an meine Familie“. Dann folgen Namen und der Satz: „Sie wurden am 10.11.1938, dem Tag nach dem Kristallnacht-Pogrom, aus ihrer Heimat Dinkelsbühl, Bayern, vertrieben.“
Das Gemälde hatte eine Bekannte für Helene Vered angefertigt. Gronauer hatte nach seinem damaligen Besuch seinen Eindruck so gewertet: „Es drückt großen Schmerz aus und vergegenständlicht die Präsenz Dinkelsbühls in Helene Vereds Gedanken- und Sehnsuchtswelt.“
Die damals 93-Jährige hatte Gronauer auch von ihrer ersten Rückkehr in die verlorene Heimatstadt 1959 erzählt. Den einzig guten Kontakt habe sie zum ehemaligen Nachbarn Karl Ries gehabt. Die Begegnungen mit anderen Dinkelsbühlerinnen und Dinkelsbühlern seien hingegen enttäuschend verlaufen. Anstatt Freundlichkeit habe sie zynische und verletzende Worte geerntet, hatte Gronauer nach seinem Besuch berichtet. Dennoch sei Helene Vered weitere zwei Mal, 1979 und 1990, nach Deutschland gekommen – auch, um ihren Kindern die Heimat zu zeigen.
Über die letzten Lebensjahre Helene Vereds erfuhr Gronauer jetzt von deren Tochter Tirza Cohen-Vered. Das Wohnhaus in Holon, in dem Helene Vered seit den 1940er Jahren gelebt hatte, musste sie zwei Jahre vor ihrem Tod verlassen. Zum einen sei ihre 24-Stunden-Pflegekraft in die Ukraine zurückgekehrt, nachdem deren einziger Sohn im Krieg gegen Russland gefallen war, berichtet Gronauer. Und zum anderen waren nach dem 7. Oktober 2023 die Raketenangriffe der Hamas auf den Ballungsraum Tel Aviv immer häufiger geworden. In Helene Vereds Haus sei es nicht gewährleistet gewesen, dass sie innerhalb kürzester Zeit einen Schutzraum hätte aufsuchen können, beschreibt Gronauer die Situation.
Die Folge: der Umzug in ein Altenheim. Dort habe Helene Vered ihren 100. Geburtstag gemeinsam mit ihrer Familie gefeiert. Überhaupt habe sie viel Besuch von ihren beiden Kindern Ahron und Tirza erhalten sowie von den mehr als ein Dutzend Enkel- und mehr als 30 Urenkelkindern.
Religiös gesehen, gehöre die Familie einer orthodoxen Richtung des Judentums an, bei der die Männer eine Kippa und die Frauen ein Kopftuch sowie mindestens knielange Röcke tragen, schildert Gronauer. In den Monaten vor ihrem Tod habe Helene Verded immer weniger Hebräisch gesprochen, sondern fiel in ihre deutsche Muttersprache zurück, schildert er die Erzählung Tirza Cohen-Vereds. Die Tochter, 78 Jahre alt, habe ihm ein kurzes Video geschickt, auf dem zu sehen ist, wie Helene Vered im Rollstuhl sitzt und auf Deutsch sagt: „Ich kann nicht aufstehen.”
Am 5. Oktober 2025, einen Monat nach ihrem 100. Geburtstag, ist Helene Vered, geborene Hamburger, in der Rishon LeZion gestorben.