Inmitten der Wohnsiedlung von Marktbergel befindet sich ein schlichtes Einfamilienhaus, dessen Fassade in sanften Grau- und Weißtönen gehalten ist. Doch hinter diesen bescheidenen Wänden verbirgt sich ein Ort des Wandels, der Hoffnung und der Selbstentfaltung: eine heilpädagogische Wohngruppe, geleitet von Theresa Hübner und unterstützt durch Dorothee Gehrmann.
Schon beim Betreten des Wohnzimmers wird deutlich, dass hier mehr geschieht als bloßes Zusammenleben. Ein großer Esstisch, umgeben von Stühlen, auf denen lebhafte Gespräche geführt werden. Ein behagliches Sofa, auf dem gemeinsame Filme geschaut und Erfahrungen ausgetauscht werden. Brettspiele, die nicht nur für Unterhaltung sorgen, sondern auch die soziale Interaktion fördern. Eine Planungstafel an der Wand sorgt für die nötige Organisation zwischen den fünf dort arbeitenden Betreuern und den Bewohnern.
Doch der Alltag in einer heilpädagogischen Wohngruppe ist nicht frei von Herausforderungen. Von zerrütteten Familienverhältnissen bis hin zu traumatisierten Kindern – das Team steht vor großen emotionalen und praktischen Aufgaben. „Je nach Gruppenkonstellation gibt es oft mal impulsive Kinder“, hält Hübner fest. „Es könnte mal laut werden und es können Sachen fliegen“, führt sie weiter aus.
Mit häufigen Vorurteilen seitens der Gesellschaft gegenüber der Wohngruppen möchte man aufräumen. „Wir sind eine Wohngruppe und da sind nicht die Kinder das Problem, sondern oft das Umfeld“, meint die Hausleiterin Theresa Hübner dazu.
Von der Betreuung der acht Kinder und Jugendlichen in der Einrichtung bis hin zu spontanen Aufnahmen: Theresa Hübner muss den Blick für die Bedürfnisse ihrer Schützlinge behalten, während Dorothee Gehrmann die pädagogische Richtung vorgibt. Mit Blick auf ihre Kollegen stellt Hübner fest: „Wir sind ein junges Team.“ Ein breites Spektrum von vier bis 18 Jahren umfasst die Altersspanne der Jugendlichen, die hier ein Zuhause finden können. Dabei gehen die Jüngsten der Gruppe in den Kindergarten und die Älteren befinden sich in einer Ausbildung – oder zumindest kurz davor. Eine bewusste Entscheidung, wie Dorothee Gehrmann feststellt, denn so kann die familiäre Nähe am besten erzeugt werden.
Der Weg zur späteren Selbstständigkeit im Leben ist kein leichter. Die Erzieher an ihrer Seite nehmen die Jugendlichen Schritt für Schritt in Richtung selbstständiges Leben an die Hand. In einem eigenen Zimmer lernen sie, Verantwortung zu übernehmen und den Alltag zu meistern. Bei diesem Projekt haben sie Aufgaben wie Selbstversorgung, Haushaltsführung und den Umgang mit eigenem Geld zu meistern. Auch werden Mietverträge durchgesprochen und Termine bei der Bank wahrgenommen. „Es geht in die Generalprobe des eigenen Wohnens“, fasst Theresa Hübner zusammen.
Doch nicht nur praktische Fertigkeiten werden vermittelt, sondern auch wichtige Lebenskompetenzen. Die Themen Liebe, Beziehung und der verantwortungsvolle Umgang mit Alkohol sind Teil des pädagogischen Konzepts. In einer Atmosphäre gegenseitigen Respekts und Vertrauens dürfen die Jugendlichen ihre eigenen Erfahrungen machen und aus Fehlern lernen – ganz wie in einer großen Familie.
Auch gesellschaftliche Entwicklungen finden ihren Platz in der Wohngruppe. Angesichts der Legalisierung von Cannabis strebt das Team ein zeitgemäßes und gerechtes Konzept an, das die Jugendlichen informiert und unterstützt. „Wir wollen eben auch fair, gerecht und up-to-date sein“, erklärt Gehrmann dazu. Bisher gab es jedoch keine direkte Nachfrage seitens der jungen Erwachsenen.
„Wir legen Wert darauf gute Kontakte in den Ort zu pflegen“, erklärt Theresa Hübner. Den verschiedenen Wohngruppen ist es wichtig, einen guten Draht zur Nachbarschaft herzustellen. Die Gruppe in Marktbergel ist eine davon. So veranstaltet man bei Eröffnung einer Einrichtung einen Tag der offenen Tür und lädt umliegende Anwohner sowie alle Interessierten zu Führungen ein.
Selbst bei dem Hochwasser in Obernzenn zeigten die Kinder und Jugendlichen der dort ansässigen Gruppe ihr Engagement und ihre Hilfsbereitschaft. Kurzer Hand halfen sie mit beim Schaufeln und Aufräumen, erinnert sich Dorothee Gehrmann. Ein Zeichen dafür, dass in dieser Wohngruppe nicht nur individuelle Entwicklung, sondern auch ein starkes Gemeinschaftsgefühl gelebt wird. In Marktbergel wird deutlich: Eine heilpädagogische Wohngruppe zu führen bedeutet mehr als nur Verwaltung und Betreuung.