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Veröffentlicht am 20.03.2026 06:00

Hintergründe der Ausschläge am Milchmarkt

In immer mehr Ställen wird mit Melkrobotern gemolken. (Foto: Fritz Arnold)
In immer mehr Ställen wird mit Melkrobotern gemolken. (Foto: Fritz Arnold)
In immer mehr Ställen wird mit Melkrobotern gemolken. (Foto: Fritz Arnold)

Während bei den Klagen über Preissteigerungen vor allem Lebensmittel genannt werden, kam es bei Butter zu den „größten Preissenkungen aller Zeiten“, wie es Aldi und Lidl bezeichnet hatten, als ein Stück Butter für 99 Cent zu haben war.

Verbraucher hatten noch Spitzenpreise von 2,39 Euro in Erinnerung. Auf der anderen Seite konnten sich die Milcherzeuger über Preise bis zu 58 Cent pro Liter Milch ab Hof freuen. Doch das ist Geschichte. Die Preise stürzten in Bayern bis 40 Cent und in Norddeutschland bis 38 Cent ab.

Welche Ursachen liegen dieser ungewöhnlichen Entwicklung zugrunde? Die Fränkische Landeszeitung sprach darüber mit dem Direktor des Verbandes der Milcherzeuger in Bayern, Jürgen Seufferlein. Dermaßen große Ausschläge hatten bisher weder der Leiter des Milcherzeugerverbandes noch „Altgediente“ aus der Branche erlebt. Nicht einmal beim Ausstieg aus der Milchquote im Jahr 2015, während der Corona-Epidemie Anfang 2020 oder als Folge des Ukrainekrieges.

Wie Jürgen Seufferlein erläutert, kam es schon ab 2024 vor allem wegen der Blauzungenkrankheit bei Rindern zu einer geringeren Milchanlieferung, die dann eine „Butterpreisrallye“ im Herbst 2025 mit historisch hohen Notierungen auslöste. Auch gute Absätze für Käse und Butter über den globalen Handel waren beste Voraussetzungen für gute Milchpreise. Doch noch keine zehn Tage war das Jahr 2025 alt und die Schocknachricht „MKS-Ausbruch in Brandenburg“ führte zu erheblichen Verunsicherungen, vor allem für den Export.

Rückblickend wurde die Situation mit MKS (Maul- und Klauenseuche) gut gemeistert. Im weiteren Verlauf des Jahres 2025 zeigte sich aber, dass dies ein Jahr der Rinderseuchen wurde und weitere – für den Menschen ungefährliche – Krankheiten in Europa auftraten und Einfluss auf die Milchmenge zu nehmen schienen. Die Spätfolgen der Blauzungenkrankheit prägten im ersten Halbjahr 2025 die Milchanlieferung in Deutschland. Der Rückgang war in der konventionellen Erzeugung im Vergleich zur Biomilcherzeugung deutlich stärker ausgeprägt.

Aber im Herbst 2025 drehte sich das Rohmilchaufkommen ins Plus und auch im saisonal schwächsten Anlieferungsmonat November hielt sich die Menge auf dem ungewöhnlich hohen Plateau aus dem Spätsommer.

Preisverfall nach Mehrproduktion

Die Milcherzeugung bewegte sich derzeit im Schnitt fast acht Prozent über der Vorjahreslinie. Diese Entwicklung ist in allen bedeutenden Erzeugungsländern der EU ähnlich, und auch in den wichtigsten Regionen der Weltmilcherzeugung wie den USA und Neuseeland legte das Milchaufkommen spürbar zu. Zudem beflügelten eine gute Futtergrundlage, günstigere Mischfuttermittel und beste Genetik in den Ställen die Milcherzeugung, erläutert der Milchfachmann aus München.

Trotzdem hat aber die Intensität des Absturzes die Branche kalt erwischt. Die angelieferte Milch konnte zwar verarbeitet werden, aber die Märkte waren nicht unbegrenzt aufnahmefähig, nicht zuletzt auch wegen neuer Handelskonflikte und der vor allem von US-Präsident Trump fast schon im Tagesrhythmus angezettelten Zolldiskussionen.

Dass in Bayern und Franken die Milchpreise weniger stark zurückgegangen sind als in Norddeutschland, führt Marktkenner Seufferlein auf verschiedene Faktoren zurück.

Der Milchpreis ist vor allem abhängig vom „Verwertungsportfolio“ der Molkereien, also davon, welche Milchprodukte für welche Absatzkanäle hergestellt werden. In Schleswig-Holstein sind die Molkereien extrem abhängig von den Entwicklungen am Weltmarkt. Die Produkt- und somit auch die Milchpreise reagieren sofort. 2022, zu Beginn des Ukrainekonfliktes, war es übrigens genau umgekehrt, als bei diesen Molkereien mit einfachsten Verwertungen die Milchpreise durch die Decke gingen.

In Bayern wird etwa die Hälfte der Milch zu Käse verarbeitet, es bestehen längere Kontraktlaufzeiten mit dem Lebensmitteleinzelhandel und auch der hohe Anteil an nicht so leicht austauschbaren Markenprodukten hat den Rückgang der Milchpreise deutlich gebremst. Die aktuell großen Spreizungen zwischen Nord- und Süddeutschland von etwa zehn Cent bei den Milchpreisen glichen sich, mit leichten Vorteilen für den Süden, wieder an.

Für die Verbraucher haben diese Marktentwicklungen auch Auswirkungen. Fast schon unmoralisch bezeichnet Seufferlein Wochenrabatte ebenso wie die zuletzt zahlreicheren Preiserhöhungen, die tunlichst verschwiegen werden.

Nicht alle Preisanpassungen nach oben oder auch nach unten haben sofort und unmittelbar Einfluss auf die Milchpreise. Früher oder später schlagen die Produktpreise beim LEH aber doch auf die Milchpreise der Bauern durch, wobei kurzfristige Preisanpassungen bei Butter hier weniger schnell Relevanz haben als die Kontraktlaufzeiten im weißen (z.B. Trinkmilch) oder gelben (Käse) Sortiment der Eigenmarken, die meist sechs Monate, teilweise sogar ein Jahr Bestand haben.

Am internationalen Markt, bei den Terminbörsen, die es auch im Milchbereich gibt, und auch bei der Notierung bei Blockbutter waren zu Jahresbeginn aus Sicht der Milcherzeuger die ersten kleinen Lichtblicke erkennbar. Der Anfang März erstmals wieder gestiegene Verbraucherpreis für Butter auf 1,19 Euro/250 g ist bereits erster Ausdruck dieser Entwicklung. Er weckt beim Milchpreis zumindest die Hoffnung auf ab Jahresmitte wieder ansteigende Preise.

Angesichts der in den vergangenen Jahren gemachten Erfahrungen mit volatilen Märkten und Preisen stellt sich die Frage nach der Zukunft. Kurzfristig werde der Druck auf die Milchpreise hoch bleiben. Trotz der zuletzt rückläufigen Preise für Molkereiprodukte wie Käse, Butter und Milchpulver werde kaum eine spürbare Entlastung über die Exportmärkte erwartet. Geringere Importe nach China und Mengen aus den USA und Neuseeland dürften die Wettbewerbsfähigkeit im globalen Handel noch stärker anheizen.

Milcherzeugung geht zurück

Die Milcherzeuger mögen es angesichts der jüngsten Marktentwicklung und aktuellen Milchpreissituation vielleicht nicht recht glauben: Seufferlein geht davon aus, dass nicht nur im nordbayerischen Raum, sondern in ganz Europa angesichts steigender Anforderungen an die Milcherzeugung die Bauern zurückhaltender bei Investitionen sind.

Ob die in Bayern noch weitverbreitete Anbindehaltung, ganzjährig oder auch nur saisonal, die Pflicht zur Weidehaltung bei den Biobetrieben, der zunehmende Einsatz teurer Technik und Digitalisierung oder auch der kritische Blick von außen auf alle Formen der Nutztierhaltung, führen nicht zu einer Ausweitung der Erzeugung. Hinzu komme, dass sich nach Ansicht des Milchfachmannes der unzutreffende Vorwurf, die Kuh sei ein Klimakiller, nur schwer aus den Köpfen verdrängen lasse.

Dies führe dazu, dass der Kampf um den Rohstoff Milch, mit Kriterien über dem gesetzlichen Standard längst Tagesgeschäft geworden sei. Die Frage werde auch sein, ob „der Markt“ in Form des Lebensmitteleinzelhandels und letztlich der Verbraucher die weiter dynamisch steigenden Anforderungen an die Milcherzeugung auch ausreichend honoriert.

Fallende oder nur stabile Milchpreise bei steigenden Anforderungen, die in Süddeutschland höher sind als in vergleichbaren Milchregionen, seien auf Dauer nicht zu verkraften, sagt der Experte vom Verband der Milcherzeuger. Milchpreise von über 50 Cent, wie sie von Juli 2023 bis Oktober 2025 bezahlt wurden, wären auf Dauer notwendig, um die Existenz der Milchbauern in der Region zu sichern.

Zahl der Milchbauern weiter rückläufig

Dass die Milcherzeuger solche Preise brauchen, zeigt die Statistik über die Milchviehhaltung in Westmittelfranken: Die Zahl der Milchviehhalter im Kreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim hat in den vergangenen zehn Jahren von 589 auf 341 abgenommen. Die Zahl der Kühe von 21.098 auf 16.537 Kühe. Im Kreis Ansbach reduzierte sich die Zahl der Betriebe von 645 auf jetzt noch 423 und die Zahl der Kühe von 33.748 auf 31.624 Kühe.


Von Fritz Arnold
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