Der Sängerin und Kabarettistin Claire Waldoff (1884-1957) haben die Schauspielerin Katja Schumann und die Pianistin Veronika Eismont einen Abend in der vollbesetzten Alten Seilerei in Herrieden gewidmet. Dem Duo gelang es hervorragend, dem Publikum diese für ihre Zeit beeindruckend emanzipierte Frau näherzubringen.
Überschrieben war das Programm mit „Ich bin nicht schön, aber frech“. Es hatte im Februar in den Ansbacher Kammerspielen Premiere. Die Abfolge der Lieder war chronologisch in die Biografie von Clara Wortmann alias Claire Waldoff eingebaut. Eine besondere Herausforderung dabei: Oftmals waren von den Stücken keine Noten und Texte, sondern nur noch Aufnahmen auf verkratzten Schellackplatten vorhanden. Es galt, Akkorde herauszuhören, und die Interpretation mit der von Claire Waldoff zu synchronisieren. Und die „sang, wie ihr der Schnabel gewachsen war“.
Das Licht der Welt erblickte Clara Wortmann in Gelsenkirchen. Ihre burschikose und angstfreie Art gegenüber Jungen fällt bereits früh auf. 1903 geht sie nach Hannover. Dort steht sie auf der Bühne und gibt sich den Künstlernamen Claire Waldoff. Ihr Traum aber bleibt Berlin, wo sie 1907 auch landet. Sie tritt in Männerkleidung auf und setzt sich gegen alle Widerstände durch. Das Stück „Das Schmackeduzchen“ – ein Enterich verliebt sich in einen Rohrkolben und bekommt Konkurrenz von einem Schwan – muss sie bei der Premiere neunmal wiederholen, es wird auch ihre erste Schallplatte.
1913 hat sie bereits Kosenamen wie „Revolverschnauze“ oder „Dolle Molle“ und widerspricht komplett dem vorherrschenden Frauenbild. Das Lied „Nach meine Beene is ja janz Berlin verrückt“ beschreibt süffisant, wie die Künstlerin allen den Kopf verdreht, sich aber nicht rumkriegen lässt und auch schon einmal eine Schelle verteilt.
1919 lernt sie ihre spätere Lebensgefährtin Olly von Roeder, „die Liebe ihres Lebens“, kennen. Die „Goldenen Zwanziger“ sind in Berlin aber eine harte Zeit, geprägt von Arbeit bis in die Nacht, aber auch von Sucht. Veronika Eismont beschrieb diese verschiedenen Stimmungen auf dem Klavier mit einem gefühlvollen Wechsel von Moll und Dur, laut und leise, fröhlich und traurig.
Claire Waldoff ist eine der ersten Frauen, die den Führerschein erwirbt. Sie tritt ab 22 Uhr in verschiedenen Varietés auf, Lieder wie „Hannelore”, das vom Verschwimmen der Geschlechterrollen handelte, und „Großstadtpflanze“ werden zu Gassenhauern. Mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933 ändert sich alles. „Hermann heeßt er“ war ein satirisches, auf Hermann Göring gemünztes Stück, für das Claire Waldoff eigentlich im Gefängnis hätte landen müssen. Ab 1936 bekommt Claire Waldoff Auftrittsverbot in der Berliner Scala, einem berühmten Varieté.
Lieder wie „Marie“, die durch ihre Unpünktlichkeit den Selbstmordversuch ihres Geliebten provoziert, und „Wat macht der Mayer am Himalaya“ entstehen in dieser Zeit. Claire Waldoff kann kaum noch auftreten, zusammen mit Olly von Roeder geht sie nach Bad Reichenhall. Während des Zweiten Weltkriegs singt sie vor verwundeten Soldaten. 1948 besorgt sie sich Genehmigungen für Tourneen, da erleidet sie ihren ersten Schlaganfall. Die Währungsreform bringt sie um ihr Erspartes. Nach einem zweiten Schlaganfall stirbt 1957 das „moderne Mädchen“ mit 72 Jahren.
Der Bubikopf von Katja Schumann, ihre Art sich zu kleiden und zu bewegen und ihr Gesang mit all seinen „Berliner Facetten“ war eine Hommage an Claire Waldoff. Zusammen mit dem facettenreichen und einfühlsamen Klavierspiel Veronika Eismonts lebte das Flair einer vergangenen Zeit auf, die doch wiederum sehr aktuell erscheint. Es war ein frecher, frivoler, humorvoller und zugleich ein politischer, sehr nachdenklicher Abend. Das Publikum forderte vehement Zugaben, die das Duo auch gerne gab.