Jakobsweg-Netzwerktagungen: Pilgern in Rothenburg im Gespräch | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 20.02.2024 17:29

Jakobsweg-Netzwerktagungen: Pilgern in Rothenburg im Gespräch

Gäste- und Pilgerpfarrer Dr. Oliver Gußmann vor der Jakobskirche, dem Punkt, von dem aus viele Pilgernde starten und sich beim heiligen Jakobus nochmal einen Segen abholen. (Foto: Irmeli Pohl)
Gäste- und Pilgerpfarrer Dr. Oliver Gußmann vor der Jakobskirche, dem Punkt, von dem aus viele Pilgernde starten und sich beim heiligen Jakobus nochmal einen Segen abholen. (Foto: Irmeli Pohl)
Gäste- und Pilgerpfarrer Dr. Oliver Gußmann vor der Jakobskirche, dem Punkt, von dem aus viele Pilgernde starten und sich beim heiligen Jakobus nochmal einen Segen abholen. (Foto: Irmeli Pohl)

„Nach kurzer Bedenkzeit habe ich gesagt: Ja, mach ich.“ Dr. Oliver Gußmann leitet bereits seit 2003 die Zusammenkünfte der Pilgernden, übernahm die Nachfolge von Pfarrer Paul Geisendörfer. Auch heuer, am Samstag, 16. März, starten die Tagungen mit Jesuitenbruder Michael Hainz, am Vorabend können sich die Gäste über das Thema „Pilgern im Ruhestand“ austauschen.

Drei Jahre, nachdem Gußmann seinen neuen Job als Gästepfarrer übernahm, übernahm er auch die Jakobsweg-Netzwerktagungen von Geisendörfer und verlegte die Veranstaltung in die Stadt. Heuer steht das Thema „Gastfreundschaft = Herberge plus“ auf dem Plan.

Der Referent, Michael Hainz, ist zertifizierter Pilgerbegleiter und hat einen Lehrauftrag „Pilgern“ an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig. Die Tagung findet am 16. März zwischen voraussichtlich 9 Uhr und 15.15 Uhr im Gemeindesaal neben der Jakobskirche statt. Geeignet sei die Tagung für Menschen, die das Thema interessiert sowie Gastronomen, Pilgerbegleitende oder Menschen, die Pilgernden eine Herberge stellen, so Gußmann.

Innerer Prozess während des Laufens

„Gastfreundschaft ist immer ein Aushandeln zwischen dem, was ich mir wünsche als Gast und dem, was ich bieten kann als Gastgeber“, so Gußmann. Es sei am Ende ein Versuch, dass Erwartung und Entsprechung der Erwartung zusammenstimmen. „Und je weniger Erwartungen man hat, desto mehr wird man beglückt“, erklärt der Pfarrer lachend. Pilgernde freuen sich über ein Bett, vielleicht ein kleines Frühstück oder auch einen Kaffee.
Und: „Wer als Pilgernder unterwegs ist, erfährt eine Herzlichkeit der Aufnahme“, ist sich Gußmann sicher. „Die Leute wissen: Da macht jemand einen Weg, nicht, weil er Urlaub machen will, sondern weil er sein Leben vertiefen will.“ Dadurch kämen immer wieder interessante Gespräche zustande, von denen beide Seiten profitieren könnten. Menschen, die am Jakobsweg wohnten, fühlten sich verbunden mit den Pilgernden, so Gußmann. Dies sei auch förderlich für die Völkerverständigung und das europäische Einheitsgefühl.

Wer sich auf den Jakobsweg aufmacht, der geht nicht nur den äußeren Weg, sondern auch einen inneren, ist sich Gußmann sicher. Der äußere Weg sind die Kilometer, die man zurücklegt. Der innere Weg ist der Prozess, den man während des Laufens mit sich selbst ausmacht. „Der Weg wird zum Weg, indem man ihn läuft“, erklärt der Pfarrer. Der Jakobsweg verkörpert für ihn das ganz individuelle Gefühl der Sehnsucht nach Freiheit, auch das Kennenlernen von anderen Menschen und der Suche nach einem Abenteuer.

Reise sollte von Sünden freikaufen

Ganz im Gegensatz dazu waren die historischen Gründe, sich im Mittelalter auf die Reise nach Santiago de Compostela zu machen, andere: Das Pilgern zum Schutzbefohlenen Apostel Jakobus sei eine Art gewesen, um sich von seinen Sünden freizukaufen. Heute gibt es unterschiedliche Motive, aus denen sich Menschen auf den Weg machen. Man habe diese untersucht, so Gußmann. Herausgekommen sei, dass die Umstände fast immer mit einer biografischen Veränderung einhergehen.

Sei es bei Menschen im Ruhestand, die nun vor der Frage stehen, wie sich ihr Leben nun gestalten soll. Oder aber auch bei Menschen, die gerade frisch ihren Schulabschluss in der Tasche haben.

Beim Pilgern gehe es auch immer um das Thema Spiritualität und darum, dass sich während des Pilgerns gewisse Lebensthemen auftun, die dann bearbeitet würden, so Gußmann. „Beim Pilgern entsteht ein Flow, die Gedanken kommen in Bewegung und werden während des Laufens geordnet“, erklärt der Pfarrer. Dieser Flow kann allein oder auch gemeinsam mit einer Pilgerbegleitung dazu genutzt werden, Gedanken aufzuarbeiten.

Psychische und physische Unterstützung

Acht Jahre lang bildete Gußmann 200 Pilgerbegleitende aus, gab ihnen Tipps an die Hand, wie sie psychisch und physisch für ihre Pilgernden da sein können. Am Vortag zur Netzwerktagung, dem 15. März, können sich Interessierte und vor allem Pilgerbegleitende oder solche, die es noch werden wollen, treffen, um sich zum Thema „Pilgern mit Menschen rund um den Ruhestand“ auszutauschen. Der Austausch findet zwischen 18.30 und 21.30 Uhr statt, heißt es in der Mitteilung. Oliver Gußmann und Michael Kaminsky, Referent für Pilgern in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, werden durch den Abend führen.

„Jede Pilgerbegleitung, die man anbietet, hat ein Thema“, so Gußmann. Das könne Trauerpilgern sein oder Pilgern als Ehepaar. Pilgern im Ruhestand gehört laut Gußmann zur Sparte „Pilgern in Lebensübergängen“. Man gebe als Pilgerbegleitung während des Weges immer wieder Impulse, über die die Menschen nachdenken können, so Gußmann. Das seien keine langen Predigten, sondern eher ein: „Denk doch mal nach über ...“, erklärt der Pfarrer.

Themen können dabei individuell auf die aktuelle Lebenssituation der Teilnehmenden angepasst werden – beispielsweise könne man über Durststrecken im eigenen Leben reden und darüber, wie sie sich äußern, findet Gußmann. „Der Jakobsweg ist als Durststrecke im eigenen Leben zu sehen.“

Wer interessiert ist, kann sich direkt bei Pfarrer Oliver Gußmann unter der Telefonnummer 09861/700625 oder unter der E-Mail-Adresse Oliver_Gussmann@yahoo.com anmelden.


Von Irmeli Pohl
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