„Julia und Romeo” bei den Kreuzgangspielen: Die Spektralanalyse einer Liebe | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 12.07.2025 17:00

„Julia und Romeo” bei den Kreuzgangspielen: Die Spektralanalyse einer Liebe

Vier Paare im Glück – Szene aus „Julia und Romeo” mit Antonia Meier, Jannis Pampuch, Hannah Poppe, Sophie Militzer, Sarah Schiller, Philipp Peters, Marié Detlefsen und Alexander Gerth (von links). (Foto: Andreas Kunkel)
Vier Paare im Glück – Szene aus „Julia und Romeo” mit Antonia Meier, Jannis Pampuch, Hannah Poppe, Sophie Militzer, Sarah Schiller, Philipp Peters, Marié Detlefsen und Alexander Gerth (von links). (Foto: Andreas Kunkel)
Vier Paare im Glück – Szene aus „Julia und Romeo” mit Antonia Meier, Jannis Pampuch, Hannah Poppe, Sophie Militzer, Sarah Schiller, Philipp Peters, Marié Detlefsen und Alexander Gerth (von links). (Foto: Andreas Kunkel)

Kein Balkon für Julia und Romeo. Wie auch. Es gibt keinen im Nixel-Garten. Und die Balkonszene, die ikonische, was ist mit der? Da ist die Behauptungskunst der Theaterleute gefordert. „Julia und Romeo”, die Jugendtheater-Produktion der Kreuzgangspiele, lebt davon. Und von der mitspielenden Phantasie der Zuschauerin, des Zuschauers.

Johannes Kaetzler, Intendant der Kreuzgangspiele und Dozent an der Freien Schauspielschule Hamburg, hat mit seiner Abschlussklasse William Shakespeares „Romeo und Julia” beherzt in die postdramatische Kur genommen. Das Ergebnis ist sehr sehenswert. Schlüssig, klar, poetisch und hochdramatisch ist die Inszenierung geworden. Für „Menschen ab 13 Jahren” ist sie gedacht, also auch für Leute, die ein halbes Jahrhundert länger ins Theater gehen. Und ja, auch für die hält die Produktion viel bereit.

Kaetzler hat „Die ganz vorzügliche und höchst beklagenswerte Tragödie von Romeo und Julia” auf eine gute Stunde komprimiert. Die wesentlichen Szenen sind darin. Julias Eltern fehlen zwar, aber die Feindschaft zwischen den Capulets und Montagues erzählt sich auch so. Wer das berühmteste Liebesdrama der Welt noch nie gesehen hat, kann es hier in Kurzform kennenlernen und gefühlsecht durchleben.

Binnenspannung und Reduktion

Die Inszenierung hat eine hohe innere Spannung. Gleichzeit ist sie sehr reduziert. Acht weiße Stühle und vier graue Stellwände – man kennt sie um 180 Grad gedreht aus „#Faust/Zwei Seelen“ – genügen. Und der Sonnensegel-Pylon, eine graue Stange an der Mauer, dient als Balkonersatz. Funktioniert.

Der Dreh- und Angelpunkt von Kaetzlers Regiekonzept ist, dass er die Besetzung rotieren lässt. Es gibt fünf Julias, drei Romeos und kurz eine weibliche Variante des Titelhelden, vielleicht eine Romea. Auch die wichtigsten Nebenfiguren von Tybalt bis zum Bruder Lorenzo fehlen nicht. Der Mönch ist sogar gleich sechsfach auf der Bühne.

Klingt verwirrend, ist es aber nicht. Kaetzler hat mit sicherer Hand die Auftritte seiner fünf Schauspielerinnen und drei Schauspieler geordnet und geformt. Falls nötig, treten sie aus ihrer Rolle und sagen an, wen sie gleich spielen. Heike Engelberts Kostüme, heutig, jugendlich, bunt-zivil, unterstreichen das Spiel mit dem Spiel. Und Jano Röders Musik intensiviert die szenischen Grundstimmungen.

Die große Liebesszene von Julia und Romeo zum Beispiel kann man sich nicht schöner in den Farben des Regenbogens ausmalen. Sie steht in vierfacher Gestalt vor einem. Vier Paare, gleichzeitig im Glück versunken. Romeo und Julia – eine Spektralanalyse der Liebe.

Imaginäres Liebespaar

Da Julia und Romeo nicht auf zwei Personen festgelegt sind, passiert – beim mitdenkenden Zuschauer – etwas sehr Reizvolles: Die Stimmungen der Figuren, ihre Gefühle, ihre Schwärmerei, ihre Seligkeit, ihre Verzweiflung, lösen sich von den Körpern der Spielenden und bilden ein Paar, das in der Imagination präsent ist – und dadurch verblüffend intensiv wirkt. Wenn am Ende der sterbende Romeo in seiner allerletzten Sekunde sieht, dass Julia doch lebt, ist das ein Moment, der ins Herz schneidet.

Das Ensemble – Marié Detlefsen, Alexander Gerth, Antonia Meier, Sophie Militzer, Jannis Pampuch, Philipp Peters, Hannah Poppe und Sarah Schiller – meistert die Aufgaben in diesem ambitionierten Abschlussprojekt immer konzentriert und rollendeckend. Eine reife Leistung.


Thomas Wirth
Thomas Wirth
Redakteur im Ressort „Kultur“
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