Vergangenes lebendig werden zu lassen und längst Vergessenes wieder ins Bewusstsein zu rufen: Das ist die Passion von Karin Kloth. Im Fokus hat die 67-Jährige die Geschichte ihres Heimatdorfes Herrnneuses. Inzwischen hat sie schon einiges im Rahmen ihrer ortsgeschichtlichen Recherchen aus dem Dornröschenschlaf geweckt.
Ihr bürgerschaftliches Engagement wurde von der LAG Aischgrund in deren Vorstandssitzung gewürdigt. Bei ihren Nachforschungen war Karin Kloth, die vor ihrem Eintritt in den Ruhestand für ein großes IT-Unternehmen in der Entwicklung gearbeitet hatte, auf eine Besonderheit gestoßen. Weil es im Nachbarort Schellert keinen Friedhof gab, wurden früher die Särge mit den Verstorbenen mittels eines Pferdefuhrwerkes zu einer großen Linde auf halbem Weg zwischen Schellert und dem Friedhof von Herrnneuses kutschiert.
Am „Leichenbaum“ angekommen, wurden die Särge auf einem großen Sandstein, dem „Leichenstein“, abgestellt. Von dort aus schafften Sargträger die Toten bis zum Friedhof. Dieser Brauch hielt sich bis zum Ende der 1930er Jahre.
Das Flurstück trägt noch heute den Namen „Leichensteinfeld“. Kloth möchte an die Historie erinnern, die mehr und mehr in Vergessenheit gerät. So sollen eine Linde gepflanzt und ein großer Stein gesetzt werden. Außerdem sind eine Bank und eine Hinweistafel geplant. Aus Eigenmitteln übernimmt die LAG für das sogenannte Bürgerengagement die förderfähigen Gesamtkosten in Höhe von 1900 Euro, teilte Anne Billenstein, LAG-Management und Geschäftsführung, mit. Zur Einweihung ist auch ein Gottesdienst geplant.
„Es freut mich, wenn die Vergangenheit wieder sichtbar wird“, stellt Kloth fest. Wichtige Informationen lieferten ihr nicht nur alte Flurkarten, sondern vor allem auch Hans Reuther aus Schelllert. Er hat den beschriebenen Transport der Verstorbenen noch erlebt.
Auf Zeitzeugen kann die Ruheständlerin jedoch nur in den seltensten Fällen zurückgreifen. Deshalb nutzt sie gerne die Aufzeichnungen des Historikers Dr. Wolfgang Mück und Unterlagen im Stadtarchiv. Die Museen in Neustadt, Markt Erlbach und Emskirchen sowie einige andere lieferten darüber hinaus schon viele Erkenntnisse über ihr Heimatdorf und animierten sie, tiefer in die Historie einzutauchen.
„Ich hätte nie gedacht, wie viele Menschen ich dabei kennenlerne“, freut sich Karin Kloth. Dabei ergab sich die Gelegenheit, in private Fotoalben schauen zu können – auch so wird Geschichte lebendig. So manche und mancher konnte sich beim Plausch noch gut daran erinnern, was Großeltern oder sogar Urgroßeltern über den Ort zu erzählen hatten, der früher sogar über ein Schlösschen verfügte.
Themen wie der Hopfenanbau im Ort, das Handwerk, Geschichte und Geschichten rund um das Gasthaus „Rotes Roß“, welches das Ortsbild bis zum Abbruch prägte, Verwaltung, Geistlichkeit, Auswanderung, Herrnneuses nach den Kriegen: All dies interessiert Karin Kloth. „Eines kommt oft zum anderen“, sagt sie schmunzelnd.
Sie fasziniert es, ihr Heimatdorf als Mikrokosmos zu sehen, an dem wichtige Ereignisse der Weltgeschichte nicht spurlos vorbei gingen, sondern vielmehr große Änderungen bewirkten. Als ein Beispiel nennt sie etwa den Dreißigjährigen Krieg, in dessen Rahmen auch im Neustädter Ortsteil Herrnneuses vieles zerstört wurde.
Themen wie Zuwanderung, Vorbehalte gegen Menschen, die aus anderen Gegenden Deutschlands oder anderen Ländern kamen, Glaubensflüchtlinge, Familien, die nach dem Zweiten Weltkrieg in die hiesige Gegend kamen und eine neue Heimat fanden: „Geschichte wiederholt sich“, resümiert die 67-Jährige mit Blick auf die aktuelle Flüchtlingslage.
Inzwischen macht ihr die Geschichts-Recherche so viel Spaß, dass daraus ein richtiges Hobby geworden ist. „Manchmal sitze ich einen halben Tag vor dem PC.“ Auch wenn sie mit ihrem Hund in der Gegend spazieren geht, sieht sie die Umgebung jetzt mit anderen Augen.
Dabei wurde die Liebe zur Heimatgeschichte eher zufällig geweckt. Eigentlich wollte Kloth als frisch gebackene Ruheständlerin nur eine eigene Website entwickeln. Sie arbeitete sich ins Thema ein und kam zu dem Schluss, dass eine Website eigentlich nur was bringt, wenn man sie mit Inhalt füllt. Sie stieß auf die Publikation von Dr. Mück, in der er sich mit der Geschichte von Herrnneuses beschäftigt. Schnell war danach der Entschluss gefasst, diese auch auf ihrer Website zu verewigen. Auf dieser weist sie unter anderem auch auf Veranstaltungen hin, bietet Links zur Stadt Neustadt, zu Museen und vieles mehr. Daneben gibt es einen virtuellen Dorfplatz. „Da können sich die Neisemer austauschen“, sagt sie. Zu erreichen ist die Website von Karin Kloth unter www.herrnneusesdorfplatz.com. Sie selbst hat noch etliche Themen, denen sie näher auf den Grund gehen möchte. Langeweile kommt da nicht auf.