Ein bisschen enttäuscht ist Martin Rückert schon, aber in seinem tiefsten Inneren ist er dankbar für diese wohl einmalige Erfahrung. Der Custenlohrer war in der Kategorie „Waldbesitzer des Jahres 2024“ im Finale um den Deutschen Waldpreis nominiert. Bei der Gala in Berlin ging er allerdings leer aus. Frust? Nein, im Gegenteil: Rückert hat schon wieder neue Pläne.
Der Kaisersaal der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft ist pompös, viel Stuck und Gold. Nein, hier kommt nicht jeder rein. Martin Rückert aus dem Uffenheimer Ortsteil Custenlohr schon, für die Verleihung des Deutschen Waldpreises. Zu diesem Zeitpunkt hoffte er noch und war aufgeregt, sehr aufgeregt.
„Eigentlich bin ich ein ruhiger Typ“, sagt Martin Rückert ein paar Tage später am heimischen Küchentisch. „Aber bei der Verleihung war ich richtig zappelig.“ Ein sehr guter Freund begleitete ihn, ein Waldkumpan, mit dem sich der Forst-Fan gemeinsam eine Seilwinde gekauft hat.
Landwirtschaftsminister Cem Özdemir war an diesem Abend zwar verhindert, schickte aber eine Videobotschaft. „Er hat uns gedankt für den unermüdlichen Einsatz“, erzählt Rückert. Die Hauptrede hat der hessische Landwirtschaftsminister Ingmar Jung gehalten. Eine Rede, die nicht nur den Custenlohrer tief beeindruckt hat. „Er legt großen Wert darauf, dass bei Gesetzgebungen die fachkundige Meinung von Praktikern entscheidend ist.“ Dafür gab es Riesenapplaus. „Das würden wir sehr begrüßen“, sagt Rückert.
Was passiert, wenn vor allem Theoretiker derartige Gesetzesentwürfe verfassen, könnte bald das neue Bundeswaldgesetz offenbaren. „Es wird mit leichter Sorge beäugt.“ Die Angst ist durchaus groß, dass viele Inhalte (wieder?) an der Praxis vorbeigehen. Solche Vorwürfe sind ja vor allem auch aus den Reihen der Landwirte nichts Neues.
Dann wurde es spannend: Gewinnerbekanntgabe. Sieger in der Kategorie Waldbesitzer des Jahres: Carl Graf zu Eltz aus dem bayerischen Fensterbach. „Die gewisse Enttäuschung ist sehr schnell riesiger Dankbarkeit gewichen, als ich realisiert habe, in welcher Kulisse ich überhaupt unterwegs bin.“ In besagter Kategorie habe es mit Abstand die meisten Bewerbungen gegeben, weiß der Custenlohrer. Unter den Top Drei zu landen, „das ist sehr schön“.
Aber auch fachlich hat der Berlin-Besuch für den 42-Jährigen einiges gebracht. Er hat sich auf seinem Weg bestätigt gefühlt: Dauerwald. Der Sonderpreis Nachhaltigkeit ging an die Stiftung „Dauerwald Bärenthoren“ aus Sachsen-Anhalt. „Die machen das, was ich von meinem Vater übernommen habe.“ Dauerwald eben. Wichtig dabei: Im Forststück muss es immer große, mittlere und kleine Bäume geben. Stirbt einer, steht ein anderes Exemplar bereit, um „einzuspringen“. Der Effekt: Es gibt im Idealfall keine Kahlflächen, der Wald verjüngt sich mehr oder weniger von selbst. „Da habe ich gute Kontakte schließen können.“ Und auch so manchen Tipp und Trick hat er aus den Gesprächen mit Gleichgesinnten mitnehmen können.
„Mir war vorher ehrlich nicht bewusst, wie viele Menschen und Verbände sich für das Ökosystem Wald und dessen Stabilität einsetzen“, sagt Martin Rückert zufrieden. So viele Mitkämpfer für die gute Sache, ein schönes Gefühl. Denn er hat gemerkt, dass nicht nur bei ihm in Custenlohr der wirtschaftliche Faktor nicht im Vordergrund steht, sondern auch andernorts. Wirtschaftliche und ökologische Ziele, „beide sollten gleich gewichtet sein“. Warum? „Weil Wald ein Kulturgut ist.“
Noch etwas ist Rückert in der Bundeshauptstadt nochmals richtig bewusst geworden. „Therapie im Wald, das Thema nimmt zu.“ Ein Gebiet, das ihm wohlbekannt ist. Auch er führt Kinder an die Natur heran, zeigt, wie wichtig der Forst als Lebensgrundlage ist. Da kommt dieser Trend gerade recht, rückt er doch den Forst wieder ein Stück mehr in den Fokus. Zurück aus Berlin ist er erst einmal in seinen Wald gefahren, „ich musste mich erden“. Auch für das Bundestagsviertel hat er einen Tipp: „Weniger Beton, mehr Holz.“
Für den Custenlohrer steht fest: „Es muss generell etwas passieren.“ Als Zwischenschritt verschwindet gerade – vor allem klimabedingt – die Fichte. „Welche Nadelbäume lassen sich stabil etablieren?“ Das werde die Frage der Zukunft sein.
Ein weiterer Schritt gegen den Klimawandel, die zunehmende Hitze und für mehr Natur: Agroforstwirtschaft. An den Ackerrändern müssen also wieder mehr Gehölze Platz finden, Bäume, Hecken und vieles mehr, fordert Rückert. „Sie sind ein Rückzugsort für Tiere, fördern das Ökosystem und das Räuber-Beute-Prinzip.“ Insekten könnten beispielsweise Schädlinge vertilgen. „Es findet sich mehr Vielfalt.“ Und Erosionen bei Starkregen oder Wind können weniger Schäden anrichten.
In Custenlohr will Martin Rückert weiter an seinen Idealen festhalten. Über den Steigerwaldklub Bullenheim haben sich 20 Kinder und Erwachsene angemeldet, um vom 20. auf den 21. Juli in Baumzelten in seinem Wald zu übernachten. Auch viele Freunde und Bekannte haben angefragt und werden im August und September die Custenlohrer Wildnis live erleben.
Und dann hat der 42-Jährige noch einen besonderen Plan im Hinterkopf. Ein neues Projekt, Berlin-inspiriert. Aus Holz will er auf einen Anhänger ein Tiny-Haus bauen und Homeoffice für interessierte Firmen und Mitarbeiter anbieten, mitten im Wald. „Ich mache das selbst gelegentlich“, sagt Rückert. Die Ruhe und das Vogelgezwitscher fördern die kreative Ader.
Ein Konzept hat er bereits niedergeschrieben, nur rechtliche Komponenten muss er noch prüfen, bevor er sich an den Bau macht. „Ich will es relativ einfach halten, der Fokus soll auf dem Wald liegen, auf der Arbeit, der Inspiration.“ Über eine Homepage soll das Forst-Homeoffice später buchbar sein.
Bleibt noch eine Abschlussfrage: Könnte der Waldbesitzer des Jahres 2025 dann womöglich Martin Rückert heißen? „Nein“, sagt er. „Ich glaube, dass ich mich noch einmal bewerben könnte, werde es aber nicht mehr tun, um anderen den Vortritt zu lassen.“ Und: „Mir schwebt da jemand im Kopf, den ich vielleicht vorschlagen werde.“ Wen? „Das verrate ich noch nicht.“