Kimmichs WM-Versprechen und Nagelsmanns heikles Team-Puzzle | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 01.01.2026 08:45

Kimmichs WM-Versprechen und Nagelsmanns heikles Team-Puzzle

Der Bundestrsainer und sein Kapitän, Julian Nagelsmann (l) und Joshua Kimmich (r). (Archivbild) (Foto: Tom Weller/dpa)
Der Bundestrsainer und sein Kapitän, Julian Nagelsmann (l) und Joshua Kimmich (r). (Archivbild) (Foto: Tom Weller/dpa)
Der Bundestrsainer und sein Kapitän, Julian Nagelsmann (l) und Joshua Kimmich (r). (Archivbild) (Foto: Tom Weller/dpa)

Das WM-Jahr beginnt für Julian Nagelsmann mit Warten. Einem langen Warten. Erst Ende März kann der Bundestrainer die Fußball-Nationalmannschaft wieder im Stammquartier in Herzogenaurach versammeln, um den personellen und taktischen Feinschliff für die am 11. Juni beginnende WM in Kanada, Mexiko und den USA in Angriff zu nehmen. Bis dahin, so Nagelsmann, „haben wir Zeit, weitere Entscheidungen zu treffen“.

Wer sind Deutschlands Hoffnungsträger 2026? Rückkehrer wie Jamal Musiala oder Kai Havertz? Ein Florian Wirtz, der nach schwieriger Anlaufzeit beim FC Liverpool im WM-Jahr durchstartet? Ein Teenager wie Bayerns Lennart Karl? Oder „Big Nick“ Woltemade, die Entdeckung der zähen WM-Qualifikation? 

Ganz sicher gehört Joshua Kimmich in Nagelsmanns kniffligem Personal-Puzzle dazu. Und der Kapitän benennt zum Jahreswechsel die Aufgaben und Themen, die angepackt werden müssen, um nach dem Vorrunden-Aus 2018 in Russland und 2022 in Katar keinen dritten WM-Flop zu erleben. Der 30-Jährige hat beide miterlebt. Doch diesmal wird es besser, verspricht Bayern-Profi Kimmich.

„Wir werden die Gruppenphase überstehen“

„Wir wollen, müssen und werden die Gruppenphase überstehen. Daran habe ich keinerlei Zweifel“, antwortete der 106-malige Nationalspieler Kimmich der Deutschen Presse-Agentur bei der Einordnung der Vorrundengruppe mit WM-Neuling Curaçao, Afrikameister Elfenbeinküste und Ecuador, das in Südamerika in der WM-Qualifikation hinter Weltmeister Argentinien Zweiter wurde. „Es ist eine Gruppe, wo wir gefordert sind“, urteilte Nagelsmann nach der Auslosung. 

Bevor es am 14. Juni in Houston gegen die Fußball-Exoten der Karibik-Insel Curaçao losgeht, muss Nagelsmann noch viele offene Fragen auflösen. Denn der Bundestrainer ist vor seinem zweiten großen Turnier weiter ein Suchender. Er sucht nach einer Top-Elf, die das von ihm nach der Heim-EM 2024 kühn ausgerufene Ziel, 2026 Weltmeister werden zu wollen, realisieren kann.

Rückkehrer um Musiala als Hoffnungsträger 

„Das Wichtigste für uns als Mannschaft ist im ersten Schritt, dass all die verletzten Spieler wieder an Bord kommen“, betont Kimmich. Musiala, Havertz, aber auch Tim Kleindienst oder Torwart Marc-André ter Stegen fielen während der kompletten WM-Qualifikation aus, Antonio Rüdiger größtenteils. 

Dafür haben sich andere in den Fokus und ins Team katapultiert. Allen voran 1,98-Meter-Schlaks Woltemade, der nach dem EM-Finaleinzug mit der U21 in der holprigen WM-Quali mit vier Toren zum Topschützen avancierte. Dazu kommen Youngster wie der Münchner Senkrechtstarter Karl (17), der Kölner Said El Mala (19) oder der Leipziger Assan Ouédraogo (19), die frische Optionen für Nagelsmanns WM-Mission sind. „Fürs Turnier müssen wir eine Entscheidung treffen für ein Gefüge, das gut zueinander passt“, sagte der Bundestrainer.

Für Kimmich zählt bis zum WM-Ernstfall jedes Training und jedes der noch vier Testspiele gegen die Schweiz (27. März), Ghana (30. März), Finnland (31. Mai) sowie WM-Gastgeber USA am 6. Juni in Chicago. „Im letzten Spiel gegen die Slowakei haben wir eine gute Basis gelegt“, betont der DFB-Kapitän mit Blick auf das rauschende 6:0 in Leipzig. Der Jahresabschluss war ein Ausrufezeichen. 

„Diese Basis müssen wir im neuen Jahr bestätigen, um dann mit einem guten Gefühl in die WM zu gehen“, sagt Kimmich und erklärt: „Das Wichtigste für ein gutes Gefühl innerhalb der Mannschaft ist zum einen, dass alle gesund sind. Und dazu noch, dass wir nicht nur gewinnen, sondern auch die Art und Weise, wie wir unsere Spiele gestalten.“

Bei seiner dritten WM will er eine verschworene Einheit anführen, die sich für ein großes gemeinsames Ziel und einen gemeinsamen Weg dahin verpflichtet: „Wir müssen uns mit der Art und Weise, wie wir gemeinsam Fußball spielen, identifizieren können. Und hierfür benötigen wir auch ein Commitment von allen Beteiligten. Von uns Spielern, dem Trainerteam und auch vom gesamten Staff.“

Kimmich und die „größere Verantwortung“ 

Übersetzt heißt das: Deutschland braucht wieder eine Turnier-Mannschaft. Erstmals wird Kimmich bei einer Endrunde an der Spitze der DFB-Elf stehen. „Generell hat man als Kapitän eine größere Verantwortung für das große Ganze“, sagt er zur neuen Rolle: „Ich spüre deshalb aber keinen Druck, sondern empfinde Stolz. Es ist für mich noch mehr Motivation, diese besondere Aufgabe innerhalb der Mannschaft und für die Mannschaft zu haben.“

Kimmich ist - neuerdings wieder als rechter Verteidiger - fixer Bestandteil in Nagelsmanns WM-Elf, die in Abwehr, Mittelfeld und Offensive noch etliche Fragezeichen aufweist. Und ein ganz spezielles im Tor. Seit Jahren wartet der 33 Jahre alte ter Stegen auf ein großes Turnier als Nummer 1. Doch nach einer schweren Knieverletzung und einer Rücken-Operation gefährdet im WM-Jahr der Verlust des Nummer-1-Status beim FC Barcelona ter Stegens Traum.

Nagelsmann hat klare Vorgaben gemacht: „Wichtig ist, dass Marc spielt. Die Situation ist nicht super-easy. Wir hoffen, dass er Stammkeeper wird bei einem Club.“ im Gespräch für die notwendige Spielpraxis ist bei ter Stegen eine Leihe innerhalb der spanischen Liga zum FC Girona.

Das Torhüter-Thema bleibt heiß

Teamsenior Oliver Baumann (35) hat sich in der WM-Quali derweil als verlässlicher und im Team anerkannter Ersatz etabliert. Ein DFB-Comeback von Deutschlands Rekordtorhüter Manuel Neuer (39) ist weiterhin nicht geplant. Trotzdem: Das Torhüter-Thema ist garantiert noch nicht auserzählt.

Nagelsmann wird kluge Entscheidungen treffen müssen, um ein DFB-Team zu formieren, das den WM-Favoriten um Europameister Spanien, Titelverteidiger Argentinien, Rekordweltmeister Brasilien, den Engländern um Harry Kane oder den womöglich schon im Achtelfinale als Gegner drohenden Franzosen auf Augenhöhe begegnen kann. Die fünf aufgeführten Teams nehmen in der FIFA-Weltrangliste die Top-Plätze ein, klar vor Deutschland an Position neun. 

„Die Weltrangliste hatte eine Relevanz für die Lostöpfe und gibt nicht automatisch den Kreis der Favoriten auf den Turniersieg vor“, kommentiert Kimmich: „Daher schaue ich nicht auf die Weltrangliste. Wir schauen auf uns.“

Mitentscheidend dürfte sein, wer die speziellen Bedingungen bei dem Rekord-Turnier in drei Ländern mit 48 Teams, 104 Spielen und 39 Tagen Dauer mit weiten Reisen, klimatischen Herausforderungen und teils frühen Anstoßzeiten am besten bewältigt. Den „logistischen Herausforderungen“ müssten „sich aber auch alle anderen Mannschaften stellen“, bemerkt Kimmich, der mit dem FC Bayern bei der Club-WM 2025 wertvolle Erfahrungen sammeln konnte. 

„Man konnte merken, dass der Fußball in den USA nicht die Sportart Nummer eins ist und andere Sportarten im Ranking weiter vorne stehen. Daher ist die Club-WM wahrscheinlich nicht mit dem zu vergleichen, was uns in diesem Sommer erwartet“, glaubt Kimmich. Er ist gespannt: „Die Amerikaner sind dafür bekannt, dass sie Events sehr groß und spektakulär gestalten können. Und daher gehe ich davon aus, dass auch diese WM spektakulär wird.“

© dpa-infocom, dpa:260101-930-486043/1


Von dpa
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