Als Christoph Marthaler 1993 in Hamburg „Goethes Faust. Wurzel aus 1 + 2“ inszenierte, hatte er fünf Mephistos und vier Gretchen. Gut 30 Jahre später geht bei den Kreuzgangspielen ein bisschen mehr. Johannes Kaetzler hat für seinen „#Faust/Zwei Seelen“ im NixelGarten acht Mephistos und fünf Gretchen – acht Faust-Darsteller außerdem.
Auf der Bühne stehen freilich keine 21 Schauspielerinnen und Schauspieler, sondern acht, die sich die Rollen teilen und sie dabei vervielfältigen. Erarbeitet hat Johannes Kaetzer, Intendant in Feuchtwangen und Dozent an der Freien Schauspielschule Hamburg, das Faust-Projekt mit der Abschlussklasse der Schule: Lina Marleen Etling, Lea Charlott Hoffmann, Lena Pruns, Tiziana Quade, Judith Sichelschmidt, Marlon Braun, Tammo Lissack und Luca Schenk. Den pädagogischen Schutzraum hat der Hashtag-Faust mit der Premiere nun verlassen, eine neue pädagogische Aufgabe hat er erhalten.
Das „Projekt in zwanzig Szenen“ ist gedacht „für Menschen ab 13 Jahren“. Was können die beim Zuschauen lernen? Erstens: Wie man frei sich einem klassischen Text nähert und mit ihm spielt. Zweitens: Dass im alten „Faust“ immer noch viel Heutiges steckt. Drittens: Dass es die einzig wahre Interpretation nicht gibt, auch wenn im Deutschunterricht vielleicht der Eindruck entsteht.
Der postdramatische Regieansatz, der bei Marthalers Wurzel-Faust noch Avantgarde war, gehört inzwischen zu den gängigen Verfahrensweisen. Natürlich ist bei dem Jung-und-draußen-Stück der Kreuzgangspiele alles schlichter, schneller, abstrakter angelegt. Kaetzler komprimiert die Tragödie auf eine Stunde professionell gemachtes Studententheater und ist pünktlich zum Mittagsläuten fertig. Was wieder einmal einen sinnigen Effekt ergibt, zumal ansonsten hier Mephisto das letzte Wort gehabt hätte: „Und immer zirkuliert ein neues, frisches Blut.“
Kaetzler hat für das Projekt zentrale Szenen und etliche Kernverse aus dem „Faust“ herausgelöst und in eine eigene Ordnung gebracht. Wie auf einer Theaterprobe werden oft Satzteile, Sätze und Szenen wiederholt und in unterschiedlichen Tonfällen vorgestellt. Eine Figur kann vierfach, fünffach, auf der Bühne sein, so dass ihre Verse im laufenden Spiel weitergereicht werden.
Faust, Mephisto, Margarete multipliziert – das funktioniert. Auch wenn nicht jeder Tonfall stimmt, nicht jede Emotion schlackenlos die Rampe passiert, ist doch die Text-Choreographie präzis und flüssig. Nur eine Rolle ist einfach besetzt, die des Valentin (Marlon Braun). Wie Mephisto und Faust (Lucas Schenk und Tammo Lissack), vervielfacht von den Spielerinnen, Gretchens Bruder in einem Stop-and-go-Kampf umbringen, das ist eine der eindringlichsten Szenen.
So entwickelt sich Goethes Sinnsucher-Drama zu einem intellektuellen Vergnügen. Man schaut auf die Faust-Szenen wie ein Schmetterlingsforscher in seinen Glaskasten, um die dort aufgereihten Prachtexemplare mit der Lupe zu studieren. Weil aber das Theater, auch das postdramatische, Wunder vollbringen kann, passiert im Nixel-Garten etwas Schönes: Ab und an beginnen die aufgespießten Verse zu flattern und zu fliegen. Die Hämolymphe zirkuliert.
„#Faust/Zwei Seelen“ steht bis zum 19. Juli auf dem Spielplan der Kreuzgangspiele.